Die "11er-Generation": Jung, arabisch, revolutionär

Die Träger der Revolution in Nordafrika und Nahost sind Jugendliche, die in kein westliches Vorurteilsmuster passen. Sie eint Frust, Facebook und Rap - Religion ist für sie Privatsache.

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(c) AP (Kevin Frayer)

Mit letzter Kraft versuchen sich Syriens Präsident Bashir al-Assad und Jemens Ali Abdullah Saleh an der Macht zu halten. In Ägypten herrscht trotz erfolgreicher Revolution Verunsicherung, in Tunesien ebenfalls. In Algerien und im Iran formiert sich Widerstand. In Libyen weiß niemand, wohin das Land nach dem blutigen Bürgerkrieg steuert. Einer der Unsicherheitsfaktoren in der westlichen Einschätzung des Umbruchs sind die Träger der Revolution 2011: Jugendliche ohne klare politische Gesinnung, die vor allem das Ziel eint, die korrupten Machtstrukturen aufzubrechen.

Fast peinlich wirkt der rasch aktivierte Facebook-Auftritt von Syriens Präsident al-Assad, der die Kommunikationsnetze der Jugend nun selbst zur Imagepolitur nutzen möchte. Assad hat erkannt, dass das Netz neben dem TV-Sender al- Jazeera zum Angelpunkt dieser Revolution geworden ist. Ihm war offenbar nicht bewusst, dass dort keine Lobeshymnen auf Staatschefs ziehen, sondern YouTube-Clips wie das Rap-Mixtape „The Peace Revolution 2.0“, die den Widerstand weiter antreiben. Die Musik gibt den Takt an, die Texte sprechen den Frust und den Wunsch nach Freiheit dieser Generation aus. Die Jugendlichen haben keine starken Anführer, sind eine durchaus gebildete, aber völlig inhomogene Gruppe. „Sie sind extreme Individualisten“, charakterisiert sie der Islamexperte Olivier Roy im Gespräch mit der „Presse“. Auch wenn sich viele von ihnen zum Islam bekennen, ist für sie Religion doch vor allem Privatsache.

Die 11er-Generation, die den größten politischen Umbruch seit dem Kollaps des kommunistischen Ostblocks ausgelöst hat, mag in keine westliche Schublade passen, aber sie hat in den meisten nordafrikanischen Staaten eine durchaus ähnliche Geschichte: gute Bildung, hohe Arbeitslosigkeit und eine durch das Internet angetriebene Modernisierung und Individualisierung. Ihre aussichtslose Situation gibt ihnen den Mut zum Umsturz.

Und es sind viele: Fast 60 Prozent der Bevölkerung in den arabischen Staaten sind unter 30 Jahre alt. Allein in Ägypten sind das 45 Millionen Menschen. Eine solche Masse zu ignorieren und zu frustrieren war der fatale Fehler der etablierten Herrscher. „Unsere Generation ist verzweifelt“, schreibt die junge Algerierin Nina B. in einem Internetforum. „Wir leiden unter Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot, dabei besitzt Algerien 155 Milliarden Dollar an Ölreserven. Unser Land ist in den Händen einer korrupten Elite.“

Schon 2007 sagten die französischen Wissenschaftler Youssef Courbage und Emmanuel Todd den Umbruch voraus. In ihrem Buch „Die unaufhaltsame Revolution“ gingen sie dem demografischen Wandel nach, der ihrer Ansicht nach eine Modernisierung der arabischen Gesellschaft erzwingen werde. Sie stellten während der vergangenen 30 Jahre einen Durchbruch bei der Alphabetisierung in allen nordafrikanischen Staaten fest. In Ägypten und Tunesien können mittlerweile drei Viertel der Bevölkerung lesen und schreiben, in Libyen 82 Prozent.

Da die Jugendlichen besser gebildet sind als die Alten, wurde ein Bruch in der Gesellschaft offenbar. Mehr Geburtenkontrolle, selbstbewusstere Frauen und die Zersetzung patriarchalischer Strukturen waren die Folge. „Eine mehrheitlich alphabetisierte Bevölkerung ist auf dem Weg der Modernisierung“, so Courbage und Todd. In diese Gesellschaft passen autokratische Machthaber wie Assad, Mubarak oder Gaddafi nicht mehr hinein.

 

„Allah hat uns den Rap gegeben“

Die junge Protestbewegung entwickelte ihre eigene Kultur. Der tunesische Rapper El Général war einer, der zum Symbol des Widerstands wurde. In seinem Song „Rais Lebled“ geißelte er das politische System seines Landes. „Die Menschen essen aus Mülltonnen/Viele haben kein Dach über dem Kopf/Werden vom Unrecht erdrückt/Während sich diese Hundesöhne – Sie kennen sie, Herr Präsident – die Taschen vollstopfen.“

Die Angst vieler Europäer, diese junge Generation könnte dem Islamismus zum Durchbruch verhelfen, relativiert sich. Nur ein kleiner Teil identifiziert sich mit radikalen Gruppen wie den Moslembrüdern. Für sie ist der Islam, so Olivier Roy, eine Hilfe zur Identitätsfindung, mehr nicht. Mit der Terrorbewegung al-Qaida haben sie ebenso wenig am Hut wie mit Irans Führung, die 2009 eine jugendliche Massenbewegung unterdrückt hat.

Einen pragmatischen Zugang hat auch der Rapper El Général. Er sieht im Islam nicht das Ziel, sondern den Weg. In einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er: „Allah hat uns den Rap gegeben, damit wir uns vom Unrecht befreien können.“

Der Rhythmus der Revolution

Arab-Rap. Der Umbruch im arabischen Raum hat eine eigene Subkultur entwickelt. Gruppen wie Arabian Knightz begleiten mit ihrer Rap-Produktion „Arabs stand up“ die Revolution. Omar Offendum und EMoney setzen auf Hip-Hop. Ihre Musik und Videos sind ein Aufruf zum Kampf gegen das Establishment.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2011)

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