''Ein Allerweltsmensch'': Das Leben des Attentäters

Er ist blauäugig, blond 1,83 Meter groß, 80 Kilo schwer, 33 Jahre alt - und verantwortlich für den Tod von 77 Menschen und die größte Katastrophe in Norwegen seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Anders Behring Breivik versetzte mit seinen abscheulichen Verbrechen ein ganzes Land in Trauer. In seinem Manifest beschreibt der Norweger neben seinem Denken auch sein Leben vor den Anschlägen Der Attentäter von Oslo im Porträt.

Die Verbrechen

22. Juli 2011: Zuerst jagte Breivik im Regierungsviertel eine Bombe in die Luft, dann richtete er eine Stunde lang auf der Ferieninsel Utöya einen Jugendlichen nach dem anderen hin. Am Freitag wurde er in Oslo zur Höchststrafe von 21 Jahren verurteilt.

Bild: Eine Luftaufnahme zeigt Breivik am Ufer der Insel Utöya kurz vor seiner Festnahme. (c) REUTERS (SCANPIX NORWAY)

Der 33-Jährige hat sowohl das Massaker als auch den Bombenanschlag gestanden. Strafrechtlich lehnte er aber jede Verantwortung an den Verbrechen ab. Er habe aus "Notwehr" gehandelt, um Norwegen vor einer vermeintlichen Islamisierung zu schützen. Der Protestant nennt seine Taten "grausam, aber notwendig".(c) EPA (JON ARE BERG JACOBSEN/AFTENPOSTE)

Familie & Kindheit

Breivik wird 1979 geboren und wächst im Westen Oslos auf - und zwar "in privilegierten Verhältnissen", wie er in seinem Manifest schreibt. Breivik ist eineinhalb Jahr alt, als sich seine Eltern scheiden lassen. Er bleibt bei seiner Mutter, einer "moderaten Feministin", die wie sein Vater Jens der von Breivik heute verhassten Arbeiterpartei nahe steht. Seinen Stiefvater, einen Armee-Offizier, nennt Breivik ein "Sexmonster“, Sein leiblicher Vater Jens ist Wirtschafts-Diplomat und arbeitet später in den norwegischen Botschaften in London und Paris. Seit 1995 hat der in Frankreich lebende Mann keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn. "Er hätte sich und nicht andere umbringen sollen", sagt Jens Breivik als er von den Anschlägen erfährt.(c) Reuters (REUTERS TV)

Jugend, Ausbildung & Beruf

Im Jugendalter beginnt Anders Behring Breivik zu rebellieren. Er hört Hip Hop und malt Graffitis, weshalb er und ein Freund zu zweiwöchiger gemeinnütziger Arbeit verpflichtet werden. "Meine einzige Straftat. Heute weiß ich, dass das nicht sehr nett war", schreibt Breivik. Ehemalige Kollegen bezeichnen den Schüler und Studenten Breivik als ehrgeizig. Breivik macht eine siebenjährige Wirtschaftsausbildung "auf Universitäts-Niveau".(c) Reuters (HO)

Über seinen berufliche Laufbahn schreibt Breivik, er sei schon Unternehmer, Manager und Börsen-Analyst gewesen und habe mehrere Firmen gegründet. "Außerdem bin ich ein Märtyrer. Aber ich weiß nicht, ob das als Beruf zählt." Vor den Anschlägen betreibt er einen Bauernhof außerhalb Oslos. Laut Handelsregister sollte Breivik Gemüse, Melonen und Rüben anbauen - in Wahrheit nutzte er die "Geofarm", um sechs Tonnen Kunstdünger zu kaufen und als Sprengstoff zu nutzen. Nachbarn ahnen nichts: Sie beschreiben Breivik als "Allerweltsmensch".

Bild: Breiviks Bio-Bauernhof(c) EPA (JO E. BREDEN)

Das Mainfest

Schon vor zehn Jahren beginnt Breivik an dem Manifest (2083 – eine Erklärung von Europas Unabhängigkeit) zu schreiben und die Anschläge vorzubereiten. Auf über 1500 Seiten ruft Breivik zum Krieg und Terror gegen Muslime und "Kultur-Marxisten" in Europa auf. 300.000 Euro investiert Breivik in seine Pläne. Am Tag der Anschläge veröffentlicht er das Manifest unter dem Pseudonym Andrew Breivik. Als Erscheinungsort gibt er London an.

Idole und Eifnlüsse

Zu Breiviks Vorbildern zählen der britische Ex-Premier und Literaturnobelpreisträger Winston Churchill und Max Manus (1914-96) - Widerstandskämpfer während der Zeit der deutschen Besetzung Norwegens. Auch Wladimier Putin („Ein starker Führer, der Respekt verdient“) und den mutmaßlichen bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic ("ein europäischer Kreuzritter") würde er gerne kennenlernen.(c) EPA (SCANPIX SWEDEN / FACEBOOK)

Breiviks Ideologie

Über dieses Thema wird viel debattiert. War er nun ein christlicher Fundamentalist oder ein rechtsextremer Nationalist? Für beide Sichtweisen finden sich Hinweise. Breivik beschreibt seine Religiösität als „gemäßigt“. Seine Fantasie-Organisation (Justiciar Knights) trägt aber das rotes Kreuz des Templerordens im Logo, der während des Ersten Kreuzzugs gegründet worden war. Breivik sieht sich offenbar als moderner "Ritter" gegen den Islam. Bis 2006 ist er auch Mitglied der rechtspopulistischen Fortschrittspartei. Die Nazi-Ideologie und der Kommunismus sind Freimaurer Breivik aber verhasst.(c) REUTERS (HO)

Breivik selbst nennt seine Einstellung "konservativ revolutionär". Immer wieder tauscht er sich vor den Anschlägen im Internet - etwa auf der Seite "Gates of Vienna" - mit Gleichgesinnten aus und bekennt sich dabei zur "Wiener Schule der Gedanken". Diese "Schule" geht davon aus, dass der Islam das christliche Europa überrennen wird, sollten die Muslime nicht wie 1683 "vor den Toren Wiens" aufgehalten werden.(c) Reuters (REUTERS TV)

Das ganz normale Leben

Es ist immer wieder erstaunlich, wie gewöhnlich mitunter der Alltag von Massenmördern verläuft. Breivik ging ins Fitness-Center, laufen, hörte klassische Musik, rauchte und trank auch manchmal, mit Vorliebe Budweiser-Bier. Zu seinen Lieblingsfilmen zählte er 300, Star Wars und Herr der Ringe. Er bereiste mehrere Länder, darunter Österreich, schaute Damen-Beachvolleyball. Auch Fußball würde er gern schauen, "wenn die norwegischen Kicker nicht so schlecht wären". Außerdem zählt er Ahnenforschung und politische Analysen zu seinen Hobbies.

Breivik lebte aber auch in seiner eigenen Welt - und in der digitalen von „World of Warcraft“. Nach eigenen Angaben nimmt er sich mit 25 Jahren ein Jahr Auszeit, um in der Online-Welt unterzutauchen.
Kommentar zu Artikel:

''Ein Allerweltsmensch'': Oslos Massenmörder im Porträt

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.