Anwalt hält Anders Breivik für geisteskrank

Der Verteidiger des Attentäters, dem 30 Jahre Haft drohen, hat nach eigenen Worten Probleme damit, Anders Breiviks Verständnis der Wirklichkeit zu erklären. Er will auf mangelnde Zurechnungsfähigkeit plädieren.

Schließen
(c) AP (Emilio Morenatti)

Oslo/Gam. Anders Breivik riskiert eine härtere Strafe als vermutet. Staatsanwalt Christian Hatlo prüft, ob er die Anklage wegen Terrors und vielfachen Mordes um den Tatbestand „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ erweitern kann.

Damit stiege der Strafrahmen von den im Normalfall als Höchststrafe geltenden 21 auf 30 Jahre Gefängnis. Dieser im norwegischen Strafrecht neue Paragraf ist vor allem auf Kriegsverbrecher gemünzt, soll aber auch in zivilen Verfahren Anwendung finden können. Breivik selbst rechne damit, den Rest seines Lebens hinter Gittern zu verbringen, sagte Hatlo, der den Delinquenten als „kalt, ruhig und unbeeindruckt“ charakterisierte. Er zeige keine Reue.

„Einziger, der Wahrheit kennt“

Breiviks Anwalt Geir Lippestad deutete an, dass er seine Verteidigungslinie auf mangelnde Zurechnungsfähigkeit aufbauen wolle. Die psychiatrische Untersuchung, der sich sein Klient unterziehen soll, sei von entscheidender Bedeutung. „Der Verlauf deutet an, dass er geisteskrank ist“, sagte der Verteidiger. „Er glaubt, er sei im Krieg, wo man solche Dinge tun könne, ohne schuldig zu werden. Breiviks Verständnis der Wirklichkeit ist schwer zu erklären.“ Sein Mandant werde sich weigern, für geistesgestört erklärt zu werden. „Er glaubt, er sei der Einzige, der die Wahrheit kennt“, sagt Lippestad.

Breivik steht unter „permanenter Beobachtung“: Die Polizei befürchtet einen Selbstmordversuch. Er soll die ersten vier Wochen seiner Untersuchungshaft in völliger Isolation verbringen. Breiviks seit langem in Südfrankreich lebender Vater Jens, ein Ex-Diplomat, zeigt sich indes entsetzt über die Tat seines Sohnes: „In meinen dunkelsten Momenten denke ich, er hätte sich besser das Leben nehmen sollen, statt all diese Menschen umzubringen.“ Sein Sohn, zu dem er seit 1995 keinen Kontakt mehr habe, müsse geisteskrank sein.

Suche nach Zellen im Ausland

Im Haftprüfungstermin sagte Breivik, dass er von „zwei Zellen in Norwegen und mehreren im Ausland“ unterstützt werde, die „den von ihm gestarteten Krieg fortsetzen“ würden. Die Sicherheitsdienste mehrerer Länder gehen den Hinweisen nach, sind jedoch skeptisch über den Wahrheitsgehalt. Beim Attentat in Oslo und dem Massaker in Utøya sei er allein gewesen, behauptet der Täter. Dies bestätigt die Polizei: Auf der Insel wurde nur Munition aus Breiviks Waffen gefunden.

Justizminister Knut Storberget nahm am Dienstag die Ordnungsmacht gegen Kritik in Schutz, durch die Bombe im Regierungsviertel habe Breivik die Polizeieinheiten gebunden, ehe er seinen Amoklauf auf Utøya fortsetzte. Vom ersten Alarm bis zum Eintreffen der Polizei verging mehr als eine Stunde. Die Zahl der Opfer beträgt vorläufig acht in Oslo und 68 auf Utøya, allerdings werden immer noch Menschen vermisst. Die Liste der Opfer zeigt, dass 55 der Toten im Sommerlager zwischen 15 und 19 Jahre alt waren.

Die Zeitung „Finansavisen“ liest aus Breiviks Manifest heraus, dass das Massaker nur sein „Plan B“ gewesen sei. Er habe ursprünglich drei Millionen Euro beschaffen wollen, um eine antiislamische Organisation aufzubauen, dann aber bei Aktienspekulationen Geld verloren. Da habe er sich entschlossen, seinem Manifest durch Gewalt Publizität zu verschaffen.

„Widerstandskämpfer“

Indes kommt nun ein Vertreter der französischen Rechtspartei Front National in die Bredouille. Dem Regionalpolitiker Jacques Coutela droht Medienberichten zufolge eine Strafanzeige, weil er Breivik in seinem Blog als „Widerstandskämpfer gegen die muslimische Invasion“ bezeichnet haben soll. Coutela will die Passage nicht selbst geschrieben haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2011)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Lesen Sie mehr zum Thema
Kommentar zu Artikel:

Anwalt hält Anders Breivik für geisteskrank

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen