Wie ein israelischer Angriff auf den Iran ablaufen könnte

Israel bräuchte für Attacken auf drei Kernziele des Atomprogramms mindestens 50 Jets. Irans Luftabwehr ist jedoch nicht zu unterschätzen. Teheran hat jüngst Beamten der IAEA den Zutritt zu einem verdächtigen militärischen Institut verwehrt.

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F-16 – (c) AP (Ho)

Es würde Israels Luftwaffe auf eine „sehr harte Probe stellen“, sagen US-Militärexperten, ein Ex-Chef des israelischen Geheimdienstes „Mossad“, Schlomo Gazit, sprach von „keinen guten Chancen“. Anderseits kommen Analysen diverser militärischer Institute sehr wohl zum Schluss, dass Israel „die Kapazitäten dazu habe“: nämlich zu einem vernichtenden Langstreckenangriff, der Irans Atomprogramm zumindest einige Jahre zurückwerfen würde.

Ein solcher rückt ja, glaubt man Israels Rhetorik, nahe, in Kürze könnte er erfolgen. Immerhin hat Irans Nuklearprogramm Schwellen erreicht, die den Bau einer Atombombe in kurzer Zeit möglich scheinen lassen; und dass Teheran jüngst Beamten der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) den Zutritt zu einem verdächtigen militärischen Institut verwehrt hat, gießt weiter Öl ins Feuer.

Dass die Erfolgseinschätzungen so auseinanderklaffen, liegt an vielen Unbekannten der Gleichung. Etwa der Stärke der Abwehr, der Effektivität der Bomben und der Reaktion jener Länder, deren Luftraum die Jets queren müssten. Aus Analysen des „Center for Strategic and International Studies“ in Washington, des „Security Studies Program“ am Massachusetts Institute of Technology (USA) und des Militärluftfahrtjournals „airpower.at“ kann man folgende Bereiche herausarbeiten:


• Israels Erfahrung: Mehrfach flog Israel brillante Langstreckeneinsätze: Vor allem 1981, als 16 Jets der Typen F-15 und F-16 Iraks Atomreaktor bei Osirak nahe Bagdad kurz vor Inbetriebnahme in einer taktisch legendären Aktion ohne eigene Verluste zerbombten. Im „Projekt Daniel“ wurden die Langstreckenkapazitäten seit 2003 verstärkt, etwa durch neue Technologien und intensives Training.

• Iranische Ziele: Irans A-Programm besteht allerdings aus Dutzenden Zielen, die oft stark mit Flak umgeben sind. Obwohl Israel über 350 Kampfjets hat, können nicht alle zugleich bekämpft werden: Jedes müsste von mehreren Fliegern attackiert werden, die Begleitschutz brauchen. Vermutlich dürfte sich Israel nur drei bis fünf Ziele vornehmen: die Urananreicherungsanlagen Fordo und Natanz, die Urangaskonversionsanlage Isfahan und den in Bau befindlichen Schwerwasserreaktor Arak, dazu eventuell Forschungsinstitute in Teheran und Parchin.

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Die Presse (HR) –

• Die Flugrouten: Eine Nordroute führt über die Türkei oder den Norden Syriens und des Irak, Länge bis Isfahan: gut 2200 Kilometer. Syrien könnte die Israelis kaum stoppen, aber die Krise zwischen der Türkei und Israel macht die türkische Route zum Hasard. Der Irak hat keine Luftwaffe, US-Jets dort dürften „wegschauen“. Im Nordiran sind aber starke Jagdverbände. Die Zentralroute (1800 km) führt über Jordanien und den Irak, es steht aber der jordanisch-israelische Frieden auf dem Spiel, dafür ist Irans Luftabwehr hier schwach. Verlockend ist die „saudische Route“ (2400 km): Die Saudis haben eine starke Luftwaffe, sind aber mit Teheran verfeindet. „Da ist dann zufällig die saudische Luftwaffe bei einem Manöver an der Grenze zum Jemen“, sagt Georg Mader vom Militärmagazin „IHS Jane's Defence“. Angeblich soll Saudiarabien Israel „grünes Licht“ signalisiert haben. Die extrem lange (6000 km) Umgehungsroute um Arabien ist politisch einfach, aber die Vorwarnzeit und der Flug durch Irans Luftraum am längsten und die Betankung der Jets durch Lufttanker (die auch bei der Nord- und Saudi-Route nötig wäre), kaum zu organisieren.

• Die Abwehr: Irans 120 bis 170 Jäger sind ältere französische und US-Typen (inkl. einiger moderner russischer MiG-29), aber die Piloten sind motiviert und erfahren und das Arsenal an Raketen vielfältig. Als stark gilt die Luftabwehr mit ihren über 300 Raketen- und 1500 Kanonensystemen. Unter anderem hat der Iran russische „Tor-M1“-Raketen; Griechenland hat sie ebenfalls, griechische Piloten erzählen: „Die sind fast unüberwindlich. Sobald man eine brauchbare Ziellösung hat, etwa 30 Meilen vor dem Ziel, killt es dich wie ein Hammer.“

• Planspiel: Laut Experten genügen 50 Jets für Natanz, Isfahan und Arak. Natanz ist verbunkert, hier müssten zwölf (besser 25) Jets durchkommen und je zwei GBU-28 „Bunkerknacker“-Bomben ins Ziel bringen, von denen mindestens sechs in der Tiefe explodieren müssten. Die anderen Anlagen sind oberirdisch, hier reichen weniger Jets. Ein Problem ist die extrem tief (über 60 Meter) liegende Anlage Fordo: Dagegen hat Israel keine Bomben; man müsste 75 GBU-28 hintereinander auf dieselbe Stelle werfen, um sich „durchzugraben“ – das gilt als utopisch.

Die U-Boot-Option: Den Angriff unterstützen dürften drei U-Boote vom Arabischen Meer aus mit Marschflugkörpern. Die Schiffe sind vom Typ „Dolphin“ – und wurden in Deutschland gebaut, das sie Israel praktisch schenkte.

Auf einen Blick

Israels Luftwaffe wäre technisch und organisatorisch durchaus zu einer Fernaktion gegen iranische Atomanlagen fähig. Allerdings sind die Überflugsrouten nicht gerade sicher und wichtige Ziele stark verbunkert. Zudem darf man die iranische Luftabwehr und Luftwaffe nicht unterschätzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2012)

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