Aufruhr nach Koran-Verbrennung

In einem US-Internierungslager wurden Bücher vernichtet, die Gefangene zum Austausch geheimer Nachrichten nutzten. Darunter war auch ein Koran. Für gläubige Muslime ist das ein monumentaler Affront.

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Aufruhr nach KoranVerbrennung
(c) REUTERS (PARWIZ)

Bangkok/Kabul. Und wieder treibt eine Koran-Schändung die Afghanen auf die Barrikaden. Die Proteste eskalieren: Vier Menschen kamen bei den Unruhen bisher ums Leben, mindestens 20 wurden verletzt. In Jalalabad im Osten des Landes skandierten Demonstranten „Lang lebe Mullah Omar“, gemeint war der Anführer der afghanischen Taliban. Auch in den Provinzen Parwan und Logar sind Demonstranten auf die Straßen gegangen. In Kabul, wo es in mindestens vier Stadtteilen Proteste gegeben hat, wurden mehrfach Schüsse abgegeben.

Die Proteste haben begonnen, nachdem afghanische Arbeiter im US-Luftwaffenstützpunkt Bagram die Überreste von verbrannten Ausgaben des Korans entdeckt haben. Offenbar hatten Mitarbeiter des Internierungslagers, das sich auf dem Gelände befindet, eine große Zahl Bücher und Schriften bei gefangenen Aufständischen sichergestellt, die diese dazu benutzt haben sollen, um einander Nachrichten zukommen zu lassen. Darunter waren neben anderen religiösen Schriften offenbar auch Ausgaben des Korans. Die Mitarbeiter des Internierungslagers trafen daraufhin die folgenschwere Entscheidung, die sichergestellten Schriften über die Müllverbrennungsanlage der Basis zu entsorgen. Für gläubige Muslime ist das ein monumentaler Affront.

 

Charmeoffensive gescheitert?

Angesichts der ungeheuren Symbolkraft dieses Vorfalls konnte auch die umgehend in Umlauf gebracht Erklärung des US-Kommandeurs der Isaf-Truppen in Afghanistan, General John R. Allen, die Proteste nicht stoppen. In seiner etwas bemüht wirkenden Videobotschaft, in der er seine Adressaten mit „Assalamu alaikum“ begrüßt, sagt der US-General, er habe Untersuchungen angeordnet zu Berichten, wonach Isaf-Mitarbeiter „eine große Menge islamischer religiöser Materialien (...) in unangemessener Weise entsorgt“ haben sollen. Er habe dies sofort, als er davon gehört habe, unterbunden. Die „geretteten“ Bücher würden Religionsgelehrten übergeben. Der Vorfall sei „in keinster Weise beabsichtigt“ gewesen und werde sich nicht wiederholen. Anschließend entschuldigt er sich beim afghanischen Volk.

Spätestens jetzt dürften die USA die Vorstellung, dass sich die Dynamik des ohnehin kaum zu gewinnenden Afghanistan-Kriegs noch durch eine Charmeoffensive umkehren lassen könnte, endgültig ad acta legen. Zu dieser hatten Allens Vorgänger Stanley McChrystal und David Petraeus aufgerufen. Denn schon vor dem PR-Debakel von Bagram war es den USA bewusst, dass ihre Gegner im Aufwind sind.

 

Propagandawaffe für Taliban

In einem kürzlich nach außen gesickerten Nato-Geheimbericht, der auf Verhören von mehr als 4000 gefangenen Taliban, al-Qaida-Anhängern, ausländischen Kämpfern und Zivilisten basiert, kommen die Verfasser zu dem Schluss, dass im vergangenen Jahr unter den Afghanen „das Interesse an der Sache der Taliban in einem nie zuvor da gewesenen Ausmaß“ zugenommen habe – und das sogar unter einigen Mitgliedern der Regierung von Präsident Hamid Karsai. In einigen Gebieten hätten die Taliban angesichts des näherrückenden Abzuges der ausländischen Truppen die Zahl ihrer Angriffe bewusst zurückgefahren und würben nun stattdessen für ihre Sache, schreiben die Verfasser des Berichts weiter. In Gegenden, in denen Isaf-Truppen abgezogen worden seien, hätten die Taliban ihren Einfluss ausweiten können. Dabei seien sie in vielen Fällen sogar von der Polizei und dem afghanischen Militär unterstützt worden. Den Großteil ihrer Finanzierung bestritten die Taliban, indem sie landesweit von Tür zu Tür gingen und offen Spenden sammelten.

Dazu passt eine Äußerung, die ein Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch in Kabul aufgezeichnet hat. „Wenn uns die Amerikaner in einem solchen Ausmaß beleidigen“, sagte ein 18-jähriger Demonstrant, „dann werden wir uns den Aufständischen anschließen.“

Fakten

Der Koran ist für Muslime eine heilige Schrift, die wörtliche Offenbarung Gottes. Gläubige legen daher den Koran stets obenauf und stapeln nie andere Bücher auf die heilige Schrift. Eine Verbrennung oder Schändung des Koran ist für gläubige Muslime eine Todsünde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2012)

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