Deutschland: Ein schöner Sonntag für Gauck

Mit 81 Prozent wurde der Bürgerrechtler Joachim Gauck von der Bundesversammlung zum neuen deutschen Präsidenten gewählt. Unerwartet viele enthielten sich ihrer Stimme.

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schoener Sonntag fuer Gauck
(c) REUTERS (THOMAS PETER)

Berlin. „Was für ein schöner Sonntag!“: Das waren die ersten Worte von Joachim Gauck nach seiner Wahl zum 11. Präsidenten der Bundesrepublik. Doch in der kurzen Dankesrede frönte er nicht seiner Eitelkeit und freute sich auch nicht über den blauen Frühlingshimmel über dem Berliner Reichstag. Der Pastor erinnerte vielmehr an den 18. März vor 22 Jahren, dem Tag der ersten freien Wahlen in der Ex-DDR. Nach fast sechs Jahrzehnten Diktatur galt es, die wiedererlangte Freiheit verantwortungsvoll zu nutzen. An diesem Sonntag fand Gauck zur inneren Gewissheit: „Ich werde niemals eine Wahl versäumen.“

Der Bürgerrechtler blieb seinen Themen treu: ein starker Begriff von Freiheit, die erst die Voraussetzung schaffe für jede Diskussion über soziale Gerechtigkeit. Und die Forderung an das Volk, die Demokratie aktiver mitzugestalten. Es gab keine Umarmung nach allen Seiten, keine sozialen, ökologischen oder gar kapitalismuskritischen Appelle. Der streitbare Bürgerliche steht zu seinen Prioritäten, was trotz seiner hohen Popularität für Irritationen sorgt.

Die „Linke“ konnte sich am wenigsten mit dem unerbittlichen Kritiker des DDR-Regimes anfreunden. Sie stellte die Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld gegen den Kandidaten von Union, FDP, SPD und Grünen auf. Für einen Störfaktor sorgte die rechtsextreme NPD. Sie schickte den Historiker Olaf Rose ins Rennen. Für ihn stimmten nur die drei NDP-Delegierten, die mit seltsamen Anträgen den Beginn des Wahlgangs hinauszögerten.

Wie erwartet, war die Wahl schon im ersten Durchgang entschieden – anders als beim letzten Mal, als die Koalition von Union und FDP drei quälende Runden brauchte, um den glücklosen Christian Wulff ins höchste Amt zu hieven. Entsprechend entspannt, ja heiter war die Atmosphäre im Bundestag. Es war klar: Hier wird, nach den Debakeln mit Wulff und Horst Köhler, endlich ein Präsident gewählt, den sich die Deutschen von Herzen wünschen.

81 Prozent der Delegierten stimmten für Gauck, zehn Prozent für Klarsfeld. Was aber überraschend kam: Neun Prozent der Delegierten enthielten sich der Stimme, erheblich mehr als erwartet. Offenbar gibt es vor allem in den Reihen der SPD und der Grünen, die ihn vor zwei Jahren erstmals nominiert hatten, mehr Vorbehalte gegen Gauck, als ihre Fraktionsspitzen zugeben wollten.

Die Bundesversammlung ist das höchste Gremium der Republik und tritt ausschließlich zur Wahl eines Präsidenten zusammen. Die Hälfte der 1240 Mitglieder sind Abgeordnete des Bundestags. Die andere Hälfte stellen die Länder. Zu den regionalen Parlamentariern gesellen sich verdiente Altpolitiker, Bürgermeister – und Prominente, mit denen die Parteien für sich werben. So schickten diesmal etwa SPD und Grüne die Schauspielerin Senta Berger zur Stimmabgabe, die Union den Fußballtrainer Otto Rehagel und die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2012)

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