Warum Staaten nach der Bombe streben

Die Nazis wollten sie, die USA hatten sie als Erste, acht andere Mächte folgten. Jetzt greift Iran danach. Was den Reiz der Bombe ausmacht.

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(c) AP (Anonymous)

Im Anfang war das schlechte Gewissen: September 1941 besuchte der Physiker und spätere Nobelpreisträger Werner Heisenberg seinen Mentor Niels Bohr in Kopenhagen. Der hatte ob der Erforschung des Atoms schon den Nobelpreis, nun kam der Deutsche und fragte: „Hat ein Physiker das sittliche Recht, im Krieg an einer Atombombe zu arbeiten?“
Bohr fragte überraschend zurück, ob so was technisch machbar sei, worauf Heisenberg sagte: Ja, er habe einen Weg erkannt. Bohr antwortete: Nun, dann werde die militärische Forschung durch Physiker unvermeidlich sein.

Die Wege zur Bombe wurden früh gelegt, einer hätte fast über Deutschland geführt. 1934 löste der Italiener Enrico Fermi Kernspaltung mit Neutronenbeschuss aus, dann 1938 Otto Hahn und Fritz Straßmann in Deutschland. Zuvor hatten der Ungar Leó Szilárd und der Japaner Hikosaka Tadayoshi postuliert, man könnte Kernspaltung für Waffen nützen. Das deutsche Ministerium für Erziehung berief anno 1939 Wissenschaftler ein, darunter Heisenberg, für das „Uranprojekt“. Ziel: ein Kernreaktor und ein „neuer Sprengstoff“.

Beides misslang, und so zündeten die USA am 16. Juli 1945 die erste A-Bombe in der Wüste New Mexicos und im August zwei über Japan. Die in die USA emigrierten Wissenschaftler Szilárd, Eugene Wigner (ebenfalls Ungar) und Albert Einstein hatten nämlich im August 1939 US-Präsident Roosevelt gewarnt, Deutschland könnte die Bombe bauen, es sei besser, hätten die USA sie zuerst – was im Zug des „Manhattan-Projects“ gelang.
Die Bombe versprach jeden Sieg, denn stärkere Waffen gab's nicht, abgesehen von Giftgas, einem Tabu, und der britischen „Grand Slam“-Bombe, die zehn Tonnen wog (inkl. 4100 kg Sprengstoff) und U-Boot-Bunker knackte. Sie versprach Frieden und Macht – und Ersparnis, denn nun konnte man konventionelle Streitkräfte verkleinern. Das führte in den 50ern in USA und Nato zur Doktrin der „massiven Vergeltung“: Auf jeden Angriff würde man nuklear antworten, das würde abschrecken.

Die Bombe verleiht Prestige


Ändere dachten ähnlich: Die UdSSR sah das Gleichgewicht der Kräfte verschoben, ihre Bombe zündete 1949. Londons Atomprogramm (Erstzündung: 1952) wurde von den USA gefördert, die einen atomaren Partner in Europa wollten. Paris erwarb die Bombe (ab 1960) des Stolzes und der Autonomie wegen, bis in die 1970er folgten die Erzfeinde Indien und Pakistan sowie China; letzteren drei ging es auch ums reine Prestige, denn der Auftritt eines Landes ändert sich klar, hat es die Bombe im Köcher.

Israel wollte einen neuen Holocaust vermeiden und sich in Palästina behaupten. 1973, im Jom-Kippur-Krieg, wurden mehrere Bomben schon aktiviert, sollten Ägypter und Syrer durchbrechen. Viele Länder hatten zeitweise Bombenpläne: etwa Schweden (gegen die UdSSR), Argentinien und Brasilien (als Zeichen der lokalen Vormacht), Rumänien (Diktator Ceausescu wollte Sonderstellung im Ostblock) und die Schweiz (ob der Souveränität). Südafrika baute sechs Stück, gab sie aber 1990/91 auf, als das Ende des Apartheid-Regimes nahte.

Abschreckung mit Löchern


Ein Hauptmotiv war trügerisch: die Abschreckung. Konventionelle Angreifer und Terroristen ließen sich mehrfach von Atommächten nicht abhalten, etwa Ägypten und Syrien 1973 oder Argentinien 1982, als es die britischen Falklandinseln besetzte. Die Hemmschwelle für den Einsatz ist nämlich enorm, man kann nicht immer mit Kanonen auf Spatzen schießen und das legitimieren, zudem A-Einsätze völkerrechtlich illegal sind. Daher führten USA und Nato in den 1960ern die Doktrin der „flexible response“ ein, die bis Ende des Ostblocks galt. Quintessenz: Jeder Gefahr auf gleicher Ebene entgegentreten. Droht die Niederlage, wird stufenweise nuklear eskaliert.

So bleibt für „neue“ Atommächte“ wie Nordkorea und eventuell Iran neben dem reinen Prestige, der Druckausübung und den technisch-wissenschaftlichen Nebenprodukten des Atomwaffenbaus nur noch das einer Abschreckung im engeren Sinn: Nämlich gegen fremde Atomangriffe – die es indes seit 1945 nicht mehr gab.

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Grafik: Die Presse

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2012)

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