Oslo: Ankläger zerpflücken Fantasien des Massenmörders

Im Mordprozess gegen Anders Breivik spielt der Angeklagte eine zunehmend erbärmliche Rolle. Der norwegische Attentäter kann den Werdegang zum Terroristen nicht belegen, verfängt sich in Lügen und Widersprüchen.

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(c) REUTERS (FABRIZIO BENSCH)

Im Mordprozess gegen den norwegischen Rechtsradikalen Anders Breivik spielt der Angeklagte eine zunehmend erbärmliche Rolle. „Dazu will ich mich nicht äußern“ und „das will ich nicht kommentieren“ waren am Mittwoch, Tag drei des Prozesses, seine häufigsten Phrasen, als Staatsanwältin Inga Beijer Engh ihn in stets freundlichem, aber insistierendem Ton über seinen Werdegang zum Terroristen befragte.

Wenn er doch antwortete, verstrickte er sich in Widersprüche zu dem 1800-seitigen „Kompendium“, das er geschrieben hat, und zu seinen Aussagen vor der Polizei. In seinem Pamphlet habe er sich „pompös“ geäußert, relativierte er nun, und vor der Polizei „zu viel gesagt“. Als Inspiration konnte er nur „eine Person im Ausland“ nennen, die er „zufällig“ im Internet gefunden habe.

 

Diamantenschmuggler in Liberia

Engh konzentrierte sich auf Breiviks Reisen nach Liberia und London 2002, wo er in Kontakt mit einem angeblich wegen Kriegsverbrechen gesuchten „serbischen Freiheitshelden“ und dem Orden der „Tempelritter“ gekommen sein will. Von den „Knights Templar“ will er den Auftrag für sein Kompendium erhalten haben; dort hatte er neun der „brillantesten politischen und militärischen Taktiker in Europa“, unter ihnen einen „deutschen christlichen Atheisten“, als Gründungsmitglieder der Tempelritter genannt. Nun räumte er ein, dass er in London nur drei Gleichgesinnte getroffen habe.

In Liberia sei er teils als Unicef-Vertreter, teils als Diamantenhändler aufgetreten, um jenen Serben zu treffen, mit dem er „zufällig“ über Internet in Kontakt gekommen sei. Die Ankläger zeigten klar, dass sie alles für Schwindel halten: In Liberia habe er bloß mit Diamantenschmuggel Geld verdienen wollen, sei aber gescheitert. Ob es das Treffen in London gegeben habe, ließen sie dahingestellt. Doch den „Auftrag“, den er dort erhalten haben will, gebe es nur in seiner Fantasie.

Ziel seines „Werks“ sei es gewesen, eine Brücke zwischen „Nationalsozialisten, Nationalkonservativen und gläubigen Christen“ zu bauen, unter denen die „militanten Nationalisten“ der äußersten Rechten zu finden seien, behauptete Breivik. Er hatte die Tempelritter als „Netzwerk“ beschrieben. „Knights Templar“ sei für militante Nationalisten ein „Äquivalent von al-Qaida“, die Rechte in Europa habe viel von dieser zu lernen, al-Qaida sei ein „Role Model“. Auch sein Anschlag auf Utøya sei als Selbstmordaktion geplant gewesen.

Nun aber gab er an, er habe seit 2002 mit den Tempelrittern nur „minimalen Kontakt“ gehabt. Und Reisen ins Baltikum, die vorgeblich Treffen mit Rechtsradikalen dienten, waren nach Ansicht der Ankläger eher zur Eröffnung von Bankkonten für die Geldwäsche durch Breiviks zwielichtige Firmen zum Handel mit gefälschten akademischen Diplomen.

 

Kein Indiz für „Nasenbruch durch Moslem“

Auch auf Fragen nach Gründen für seine Radikalisierung gab Breivik nur vage Auskunft. Er erwähnte „persönliche Erlebnissen“ und das, was er „vom Hörensagen“ wusste. Er behauptete, von einem Moslem überfallen worden zu sein, der ihm die Nase brach. Als er eine kosmetische Nasenoperation durchführen ließ, fand der Arzt aber keine Spuren einer Fraktur. Nach seinen „historischen Studien“ befragt, die ihm die Augen geöffnet hätten, fiel ihm als Literaturhinweis nur „Wikipedia“ ein. In seinem Pamphlet hatte er den Kosovo-Krieg 1999 als Hauptgrund für die Gründung der Tempelritter genannt. Nun räumt er ein, dass ihn dieser Krieg wenig interessiert habe. Es habe ihn aber empört, dass die Nato die Serben angriff, „nur weil diese Moslems deportieren wollten“.

Was er getan habe, habe prinzipiell jeder tun können, „man braucht nur das Rückgrat dazu“. Frauen hingegen seien für den militanten Kampf weniger brauchbar, nur „jede Zehnte“ sei dafür geeignet.

Hintergrund

Anders Breivik behauptete immer, er habe für die „Tempelritter“ gearbeitet, ein Netzwerk aus nationalkonservativen Militanten, das von Überfremdung und Islamisierung genug habe. Nun kann er nicht mehr erklären, wie dessen Struktur aussieht, hat auch sonst keine Beweise dafür. Die Tempelritter sind reine Fantasie, sagen die Ankläger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2012)

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