Mit Churchill fing das große Missverständnis an

Londons Verhältnis zur europäischen Einigung ist geprägt vom Trauma des kolonialen Machtverlustes und dem tiefen Misstrauen gegenüber Deutschland und Frankreich.

Angela Merkel, David Cameron
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Angela Merkel, David Cameron
Angela Merkel, David Cameron – (c) AP (Dan Kitwood)

Brüssel. Vor etwas mehr als 66 Jahren kamen Winston Churchill in Zürich jene Worte über die Lippen, die das tiefe gegenseitige Unverständnis zwischen Briten und Kontinentaleuropäern auf den Punkt bringen. „Wir müssen eine Art von Vereinigten Staaten von Europa bauen“, sagte der abgewählte Premierminister am 19. September 1946. Seither wurde und wird er zu Recht als Architekt des europäischen Einigungswerks gewürdigt. Wer jedoch meint, dass Churchill auch die Briten in diesem Einigungswerk aufgehen sehen wollte, hat den letzten Satz seiner Rede nicht gelesen. Er lautet so: „Großbritannien, der britische Commonwealth der Nationen, das mächtige Amerika, und ich glaube auch das sowjetische Russland – denn dann wäre in der Tat alles gut – müssen die Freunde und Förderer des neuen Europa sein und sein Recht verfechten, zu leben und zu strahlen.“

Die große Britannia als wohlmeinende Patentante, die den streitsüchtigen kleinen Europäern bei der Schlichtung ihrer Zwistigkeiten beisteht, aber bitte nicht in die Sandkiste hineingezogen werden möchte: Diese Vorstellung prägt noch heute den Blick des britischen Establishments auf Europa.

 

„Europa wird eure Rache sein“

Diesem hochmütigen Blick haftet allerdings der Fehler an, dass Britannien kein Imperium mehr ist. Spätestens die schmachvolle Suez-Krise im Jahr 1956 legte das offen: Franzosen und Briten hatten hinter dem Rücken der USA einen Plan zur militärischen Kontrolle des Suezkanals ausgeheckt, wurden dabei ertappt und von Präsident Dwight D. Eisenhower wie Schulbuben gerüffelt.

Die Lehren aus diesem Debakel waren gegenläufig: London beschloss, dass man „bei künftigen Konflikten mit Washington nie wieder auf der falschen Seite stehen dürfte“, wie es der britische Historiker Tony Judt formuliert hat. Paris hingegen machte sich daran, das europäische Einigungsprojekt zur Fortsetzung seiner Machtansprüche zu nutzen. „Europa wird eure Rache sein“, sagte der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer am Tag, als Frankreichs Truppen sich vom Suezkanal zurückziehen mussten, zum französischen Premierminister Guy Mollet. Der schlaue Kölner wusste, wie er den gallischen Stolz nutzen konnte, um Deutschland wieder einen Platz unter den zivilisierten Völkern Europas zu geben.

So wurde „Europa“ ein deutsch-französisches Projekt, von London misstrauisch beäugt: „Er redet von Europa und meint Frankreich“, ätzte Premierminister Harold Macmillan über Charles de Gaulle. Der hatte 1963 gegen einen britischen Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft votiert – und gleich darauf den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag besiegelt.

Zwar traten die Briten 1973 doch der nunmehrigen EG bei, und auch eine Volksabstimmung im Jahr darauf ging mit 17,3 Millionen zu 8,4 Millionen Stimmen für den Verbleib aus. Doch die Entfremdung wuchs, vor allem mit der deutschen Einheit. „Auch wenn wir noch nicht herausgefunden hatten, wie wir den deutschen Moloch in die Schranken weisen konnten, so hatten wir doch offenbar den Willen dazu“, schrieb Margaret Thatcher in ihren Memoiren über jenes Treffen mit François Mitterrand, bei dem sie wild mit historischen Karten Großdeutschlands herumgefuchtelt hatte.

„Europa“ ist heute kontinentaler, deutscher, östlicher denn je. Ironischerweise hat die Erweiterung der Jahre 2004 und 2007, welche die Briten in der Hoffnung auf eine Verwässerung der EU zu einem reinen Wirtschaftsraum vorangetrieben hatten, zu diesem Machtverlust Londons beigetragen. David Cameron, der sich so an Europa abmüht, ist Kind und Geschöpf dieser Geschichte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2012)

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