Visafreiheit für Serbien, Montenegro und Mazedonien

Am Samstag fällt die Visapflicht für Serben, Mazedonier und Montenegriner. 17 lange Jahre waren Reisen nach Westeuropa ein bürokratischer wie kostspieliger Hindernislauf.

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(c) BilderBox (Erwin Wodicka)

Belgrad. Eisige Schneeböen treiben über die Marktstände am Belgrader Kalenic-Markt. Und auch die emotionale Rückkehr nach Europa vermag den fröstelnden Hauswarenhändler Milan Macura nicht zu erwärmen. Das Reisen ohne Visa sei für ihn „überhaupt nichts Neues“, brummt missmutig der serbische Kriegsflüchtling aus dem kroatischen Dalmatien. „Überallhin“ sei er früher in Europa gereist, erzählt der Mann mit der blauen Wollmütze: „Ob Serben, Kroaten oder Bosnier – in Jugoslawien ging es uns allen besser.“ Den Sinn der Visapflicht habe er nie verstanden: „Was sollte das? Wir sind doch keine Wilden in Afrika. Ich war schon visafrei bei meiner Geburt – vor 53 Jahren.“

17 lange Jahre waren Reisen nach Westeuropa für die meisten Bewohner des zerfallenen Jugoslawien ein ebenso bürokratischer wie kostspieliger Hindernislauf. Seit Verhängung der UN-Sanktionen nach Beginn der Jugoslawien-Kriege 1992 fühlten sich viele durch die Visapflicht von Europa abgeschnitten: Nur Slowenen und Kroaten blieb der Genuss der Reisefreiheit erhalten.

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Rechtzeitig vor Weihnachten wird an diesem Samstag die Visahürde für Serben, Mazedonier und Montenegriner fallen. Erleichtert reagierte Serbiens Öffentlichkeit auf das grüne Licht aus Brüssel. „Endlich frei“, titelte die Tageszeitung „Blic“.

Einsam fröstelt ein Wachmann vor dem deutschen Konsulat in der Bircaninova-Straße. Das vertraute Bild der Warteschlangen vor den Botschaften und Konsulaten ist bereits verschwunden. Auch weil Jugoslawen sich einst völlig frei in Europa bewegen konnten, seien die europäischen Botschaften im Gegensatz zum US-Konsulat für die massenhafte Visaausstellung „kaum ausgerüstet“ gewesen, erläutert Srdjan Bogosavljevic, Belgrader Bürochef des Meinungsforschungsinstitut Ipsos, warum viele seiner Landsleute die Visa-Hatz als „sehr erniedrigend, sehr aufwendig und ungerecht“ empfanden: „In meiner Firma drückte sich darum jeder vor Geschäftsreisen ins Ausland.“

Aber nicht nur bürokratische Hemmnisse, sondern auch die miserable wirtschaftliche Lage bremsten die Reiselust: Viele können sich Auslandsreisen einfach nicht leisten. Schon bisher verfügte nicht einmal die Hälfte der Serben über Reisedokumente. Über die Hälfte der serbischen Jugendlichen war Erhebungen zufolge noch nie im Ausland. Den neuen biometrischen Pass, der für das visafreie Zeitalter nötig ist, haben sich erst rund 1,5 der 7,5 Millionen Serben gesichert.

Den Trubel um die Visafreiheit vermag Markthändler Milan nicht zu verstehen. Für den Großteil der Leute ändere sich „überhaupt nichts“, denn wer kein Geld habe, könne auch in Zukunft nicht reisen.

Doch selbst wenn sich die Mehrheit keine Auslandsreise leisten könne, werde der Wegfall der Visapflicht von 70Prozent „als wichtig für das Land“ begrüßt, weiß Meinungsforscher Bogosavljevic. Mit der Visapflicht falle eine „psychologische Barriere“, sagt Maja Bobic, Generalsekretärin der Europäischen Bewegung in Serbien. „Viele zweifelten gerade wegen der Visapflicht, ob sie in Europa überhaupt willkommen sind – und die Perspektive für eine EU-Mitgliedschaft real ist.“ Nach fast zwei Jahrzehnten der Isolation, nach der sich viele Landsleute kaum mehr als „Teil Europas“ fühlten, sei die Abschaffung der Visapflicht der „erste konkrete Schritt“ in Richtung EU: „Die Reisefreiheit reißt die Mauern in den Köpfen unserer Bürger ein.“

Die neue Freiheit schlägt sich auch im Geldbeutel nieder. Eine halbe Milliarde Euro gaben die Serben seit 1992 an Visagebühren aus. Doch nicht nur die Kosten, sondern auch das stundenlange Ausharren vor den Botschaften vergällte vielen die Lust am Reisen. „Das Schlimmste war einfach die Zeit, die man in den Warteschlangen verlor“, berichtet die Belgrader Übersetzerin Marija Radulovic. Oft habe sie sich einen halben Tag freinehmen müssen, um die nötigen Papiere zu organisieren. „Zum Glück ist das endlich vorbei!“

 

Airlines starten wieder

Angelockt von der zu erwartenden Zunahme der Touristenströme steuert ein halbes Dutzend neuer Airlines seit diesem Monat nach jahrelanger Pause wieder Belgrad an. Mehrere Billigflieger werden im nächsten Jahr folgen. Die verstärkte Konkurrenz schlägt sich in fallenden Preisen nieder. Der Kundenandrang sei seit Anfang Dezember enorm, berichtet im Reisebüro „Putnik“ an der Terazije zufrieden die Reisekauffrau Dragana Milkjkovic. Skiferien in Österreich und vor allem Städtereisen seien gefragt – die beliebtesten Ziele seien Rom, Paris und Venedig: „Die Leute wollen endlich die Welt sehen – oder Angehörige im Ausland besuchen.“

Pünktlich zu Mitternacht werden am 19.Dezember 50 verdiente Bürger, die noch nie im Ausland waren, auf Kosten des serbischen Europaministeriums auf eine mehrtägige Europatour entsandt. Die Zeitungen bereiten derweil jugendliche Rucksacktouristen mit Tipps für die billigsten Hostels, Airlines und Fast-Food-Ketten in den europäischen Metropolen auf das bevorstehende Reisezeitalter vor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2009)

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