Krise verschärft Lage der Roma

Nun werden auch im Westen die Jobs immer rarer. Geringe Bildung und Ausgrenzung lassen Chancen der Minderheit sinken. Vor allem in Italien waren die Immigranten zuletzt immer größeren Anfeindungen ausgesetzt.

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(c) Wieland Schneider

Ramona zuckt mit den Schultern: „Viele haben hier kein Geld für Medikamente. Aber zur Not trinken wir eben heißen Tee.“ Und mit einem schelmischen Lächeln fügt sie hinzu: „Wir haben hier ein gutes Immunsystem.“ Ramona lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern im Roma-Viertel von Ardud, nahe der westrumänischen Stadt Satu Mare. Ihr Mann verdingt sich als Tagelöhner bei den Bauern der Umgebung, hilft auf dem Feld oder im Wald. Zwischen neun bis zehn Euro erhält er dafür täglich. Doch es gibt nicht jeden Tag Arbeit.

Ansonsten versucht sich die Familie mit der geringen staatlichen Sozialhilfe und Kinderbeihilfe durchs Leben zu schlagen. Das Geld reicht nicht wirklich.

 

Emigration in den Westen

So wie Ramona und ihrer Familie geht es vielen im Roma-Viertel von Ardud. Die Wirtschaftskrise hat alle im Westen Rumäniens getroffen, viele Roma aber besonders. Geringe Bildung und offene Diskriminierung durch die Mehrheitsbevölkerung verschlechtern ihre Chancen auf der Suche nach den immer rarer werdenden Jobs – nicht nur in Rumänien, sondern in ganz Osteuropa.

Viele sind in einem Teufelskreis gefangen: Sie kommen aus einem Elternhaus mit schlechter Bildung, werden in Sonderschulen abgeschoben, finden keine ordentliche Wohnung, keinen Job. Und wenn sie dann in die Kriminalität abgleiten, erfüllen sie erst recht wieder das Vorurteil, die „Zigeuner“ seien alle Diebe.

In den vergangenen Jahren versuchten viele Roma aus Rumänien ihr Glück in westlichen EU-Staaten wie Italien. Doch nun werden auch im Westen die Jobs immer rarer, und gerade in Italien waren die Immigranten zuletzt immer größeren Anfeindungen ausgesetzt.

 

Brandsätze auf Roma-Lager

Italienische Medien berichteten in den vergangenen Jahren breit über Kriminalfälle, in die Einwanderer aus Rumänien tatsächlich – oder auch nur angeblich – verwickelt waren. Die Stimmung gegen Rumänen und Roma im Besonderen heizte sich auf. Parteien wie die rechtspopulistische Lega Nord setzten ungeniert Roma kollektiv mit Kriminellen gleich. In Neapel und Mailand warf der Mob 2008 Brandsätze in Roma-Camps. Viele Roma kehren deshalb nun aus dem Westen nach Rumänien zurück – in Gegenden, in denen es jetzt schon zu wenig Arbeit gibt, und zwar für Roma und Nichtroma. „Das kann die Situation hier zusätzlich verschärfen“, meint Margarete Matache, Direktorin der Roma-Organisation Romani CRISS.

 

Ausbildung als Schlüssel

Im westrumänischen Ardud ist von Spannungen jedoch kaum etwas zu spüren: Roma, Rumänen und Ungarn scheinen gut miteinander auszukommen. Im örtlichen Sozialzentrum der Caritas spielt es keine Rolle, welchen Hintergrund die Kinder haben.

Auch Ramonas Kinder sind regelmäßig in dem Zentrum und besuchen die Schule der Stadt. Bildung sei wichtig, meint Ramona, die selbst in einem Waisenhaus aufgewachsen ist und dort nur vier Jahre die Schule besucht hat. Bildung, das ist aus ihrer Sicht der Schlüssel dafür, wie ein Ausbruch aus der Misere gelingen kann, wie ihre Kinder es schaffen können, einmal ein besseres Leben zu führen. Noch denken nicht alle Eltern so, im Roma-Viertel von Ardud. Aber es werden immer mehr.

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(c) APA

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2010)

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