Ungarn: Langsam geraten Sisi und 1956 in Vergessenheit

Stimmungswandel. Dass sich Österreich auf die Seite der Kritiker gegen die umstrittene Regierung Orbán gestellt hat, verstört viele Ungarn.

Budapest. Die trüben Augen der alten Frau haben sich unvermittelt aufgehellt. „Ja, die Habsburger!“ Die 90-jährige Etelka Gianits hebt zur Erzählung einer Geschichte an, die sie wohl zigmal vorgetragen hat. „Meine Mutter kam als kleines Mädchen einmal heulend aus der Schule nach Hause. Als ihre Eltern sie fragten, was geschehen sei, erzählte sie, die Klasse habe von der Frau Lehrerin erfahren, dass die Königin Elisabeth, ,unsere Sisi‘, verstorben sei.“ Dass die Habsburger in den Augen der Ungarn heute nicht als Unterdrücker dastehen, dürften sie wohl zu einem nicht geringen Teil „Sisi“ zu verdanken haben, die in der Wahrnehmung der Magyaren ein mildes Licht auf das österreichische Herrscherhaus warf.

Die Nachbarn im Westen werden meist positiv wahrgenommen. 1956 war Österreich nach dem niedergeschlagenen Aufstand durch sowjetische Truppen für viele Ungarn die erste Station in die Freiheit. Positive Gefühle rufen auch die Wendejahre 1989/90 hervor. Österreich war für die Ungarn damals das Tor zu einer neuen glitzernden Welt. Auf der Wiener Mariahilfer Straße, in der Shopping City Süd und in grenznahen Ortschaften wie Oberwart und Nickelsdorf konnten die Magyaren zu Tausenden die Segnungen des Kapitalismus erstmals auskosten.

In den vergangenen Jahren wurde das positive Österreich-Bild allerdings erheblich getrübt – zumindest in Teilen der ungarischen Gesellschaft. Grund dafür sind die europaweiten Kontroversen um die Politik der seit Mai 2010 amtierenden rechtskonservativen Regierung von Viktor Orbán. Weil die Regierung mit ihren „unorthodoxen“ und demokratiepolitisch oft fragwürdigen Entscheidungen wiederholt bei der EU aneckte, sah sich Österreich gezwungen, Farbe zu bekennen. Wien schloss sich jenen europäischen Partnern an, die die Geschehnisse in Ungarn unter Orbán mit großer Skepsis verfolgen.

Viele Magyaren, zumal unter den Regierungsbefürwortern und den radikalen Rechten, fühlen sich von solcher Kritik in ihrem Nationalstolz verletzt. Sie reagieren mit Verärgerung, die bis hin zu Gehässigkeit reicht. Vor wenigen Wochen etwa nahmen hunderttausende Regierungsanhänger an einer Solidaritätskundgebung zugunsten der Regierung Orbán teil. Die Demonstranten hielten Transparente hoch, auf denen stand, dass Ungarn sich von niemandem unterjochen lasse. Zudem machten sie ihrem Unmut über die „verlogene Ungarn-Berichterstattung“ westlicher Medien, darunter auch jener Österreichs, Luft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2012)

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