Neues vom "Fluchhafen": Nichts fliegt vor 2019

Analyse Der BER wird frühestens acht Jahre nach dem ersten Eröffnungstermin in Betrieb gehen. Das Herz der Berliner hängt aber ohnehin am bestehenden Flughafen Tegel, für dessen Erhalt sie am 24. September votieren wollen.

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(c) REUTERS (Tobias Schwarz)

„Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu errichten“, spotten die Berliner in Anlehnung an das berühmte Mauer-Zitat von DDR-Staatschef Walter Ulbricht. Sechs Jahre hatten sie Zeit, sich immer neue Witze für das Milliardengrab am Stadtrand auszudenken, dass das Kürzel BER trägt. Solange ist es her, dass der erste Eröffnungstermin für den Hauptstadtflughafen (Oktober 2011) platzte. Berlin kann eben nicht Flughafen, heißt es – oder besser: Berlin kann eben nicht „Fluchhafen“. Aber die Witze haben sich abgenutzt, auch die Wortspiele über den BER, wo nichts fliegt außer die Vorstände. Aber das groteske Drama um den Hauptstadtflughafen setzt sich dessen ungeachtet fort. Seit gestern, Donnerstag, ist es nun Gewissheit, dass auch die angepeilte Eröffnung 2018 nicht klappen wird.

Nach all den Jahren der Verzögerungen sollen die Bauarbeiten zwar im August 2018 abgeschlossen sein, erklärte Flughafengeschäftsführer Engelbert Lütke Daldrup gestern. Aber danach folgen aufwendige Tests und ein Probebetrieb. Das dauert - früheren Planungen zufolge mindestens ein Jahr. Und das dabei neue Probleme auftreten, kann angesichts der BER-Geschichte niemand ausschließen. Daldrup selbst nannte keinen Eröffnungstermin. Nach Angaben des "Tagesspiegel" ist aber selbst eine Inbetriebnahme 2019 ehrgeizig, 2020 scheint wahrscheinlich. Das wären dann neun Jahre Zeitverzug auf einer Baustelle, deren Betrieb pro Monat 13 Millionen Euro fressen soll.

Derzeit machen die Sprinkleranlagen Probleme. Der Brandschutz. Die Wasserrohre waren zu dünn geraten. Man muss sie austauschen. Das klingt harmlos, ist es aber nicht. Man kommt schwer an die Rohre heran. Und  "die komplette Sprinkleranlage mit ihren 78.000 Sprühköpfen muss in einem digitalen 3D-Modell nachgebaut werden, und für jeden einzelnen Sprühkopf muss der Nachweis erbracht werden, dass er im Ernstfall mit genügend Wasser versorgt wird“, schreibt die Berliner Zeitung. Alle nötigen hydraulischen Berechnungen sollen bis Jahresende vorliegen – wenn es gut geht.

Ein Herz für Tegel

Das ganze Chaos um BER hat die Liebe der Berliner zum gealterten Flughafen Berlin-Tegel (TXL) genährt, der schön zentral gelegen ist, aber eben auch sichtbar verfällt – Baujahr 1974. Heute würde ein neuer Flughafen mitten in der Stadt wohl nicht mehr genehmigt werden - der Fluglärm. Für die Tegelaner ist aber in all den BER-losen Jahren ein starkes Argument erwachsen: die Passagierzahlen.  Der BER ist wie seine Wasserrohre zu klein geraten. Die Hauptstadt brauche zwei Flughäfen, wiederholen die Tegel-Fans daher mantraartig.

Am 24. September, parallel zur Bundestagswahl, stimmen die Berliner nun  darüber ab, ob Tegel geöffnet bleiben soll. Alles andere als eine große Mehrheit für den Erhalt von TXL wäre eine Sensation. Das Problem: Erstens ist die Abstimmung rechtlich nicht bindend. Zweitens ist die Eröffnung von BER, wann auch immer sie stattfindet, an die Schließung von Tegel gekoppelt. Man hat das Ende von Tegel ja auch den Lärmopfern versprochen. Und selbst wenn sich das noch biegen lässt, müsste Tegel zuerst schließen, um weiter geöffnet zu bleiben. Die Modernisreiung allein würde 1,1 Milliarden Euro kosten. Aber es ist Wahlkampf. Berliner FDP und inzwischen auch die Berliner CDU trommeln für Tegel. Die Begeisterung von CDU-Kanzlerin Angela Merkel hält sich indes in Grenzen. Sie gehe vom "Faktischen" aus, erklärte Merkel jüngst. "Und da muss ich sagen, dass Tegel geschlossen werden muss, das ist die Rechtslage.“

Post aus Berlin

Jürgen StreihammerBerlin Korrespondent Jürgen Streihammer schreibt in der Rubrik "Post aus Berlin" täglich aus der deutschen Hauptstadt. Aktuelles, Spannendes, Informatives - manchmal auch mit einem kleinen Augenzwinkern.

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