50 Millionen Euro für einen Sprung

„Red Bull“ lässt sich sein von Nasa und US-Air-Force unterstütztes Prestigeprojekt einiges kosten. Die wissenschaftliche Relevanz des Stunts ist vernachlässigbar.

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(c) AP (Jay Nemeth)

Roswell/Wien. Fünfzig Millionen Euro. So viel kostet das vom Salzburger Getränkeerzeuger „Red Bull“ finanzierte Projekt „Stratos“. Das Ziel: Der Salzburger Felix Baumgartner (43) sollte in der Nacht auf Mittwoch (MESZ) mit einem speziellen Ballon vom US-Bundesstaat New Mexico abheben, in 36 Kilometer Höhe aus der Kapsel springen, als erster Mensch im freien Fall die Schallmauer durchbrechen und heil landen.

35 Millionen Euro, so wird kolportiert, kosten allein Kapsel, Schirm und Baumgartners speziell entwickelter Raumanzug. Der Rest geht an die Mitarbeiter des Projektes: Es sind im Kern sieben Experten, drei davon ehemalige Mitglieder der Nasa oder des US-Militärs. Nasa und US-Air-Force unterstützen das Projekt logistisch und mit technischer Expertise und erhoffen sich Erkenntnisse für die Sicherheit ihrer Piloten. Konkret geht es um künftige Notausstiege aus Raumschiffen: Kann man nur mit Schirm und Raumanzug aus großer Höhe abspringen und Dutzende Kilometer weiter unten sicher auf der Erde landen? Versucht hat das noch niemand.

 

Wissenschaftlicher Nutzen?

Um herauszufinden, was beim Durchbrechen der Schallmauer (in diesem Höhenbereich etwa 1100 km/h) mit dem menschlichen Körper passiert, hat die Nasa etliche Geräte am Anzug angebracht. Nach der Landung sollen die GPS-Daten sowie Baumgartners Geschwindigkeit und körperlicher Zustand analysiert werden. „Wir haben nur die Daten von Menschen, die in einem Flugzeug die Schallmauer durchbrachen“, sagt der Leiter des „Red Bull Stratos“-Ärzteteams, Jonathan Clark. Die Daten des jetzigen Sprungs könnten auch für All-Touristen interessant sein.

Experten zufolge lasse sich große Wissenschaft aber nicht mit einem einzigen Sprung machen. Und die Erkenntnisse seien selbst für professionelle Piloten nur für den absoluten Notfall zu gebrauchen: „Den wissenschaftlichen Aspekt will ich nicht zu sehr strapazieren“, sagte auch der österreichische Ex-Raumfahrer Franz Viehböck zum Radiosender „Ö1“. „Baumgartner will eben als Erster Rekorde brechen.“ Viehböck stellte aber nicht in Abrede, dass man neue Erkenntnisse gewonnen habe oder noch werde, die man in Zukunft auch verwenden könne.

Durchaus möglich etwa ist, dass das Projekt Neues bringt, was Ausstattung und Technik betrifft. Immerhin wurden Kapsel, Anzug und Schirm eigens konstruiert. Es wäre nicht das erste Mal: So ist der Bremsfallschirm, den der US-Testpilot Joseph Kittinger bei seinem vergleichbaren Rekordsprung aus 31,3 Kilometern Höhe im Jahr 1960 testete, bis heute im Einsatz.

 

Riesiges Medienspektakel

Red Bull war besonders in den Tagen vor dem Sprung bemüht, den Nutzen für die Wissenschaft zu betonen, doch die wahre Motivation liegt in der Marketingstrategie: Red Bull produziert schon lange seine eigenen Extremsportstars, das Medienspektakel ist bei Stratos besonders groß. Rund 200 Stationen (darunter der ORF) übertrugen angeblich zuletzt das Ereignis über Internet und TV, bis zu fünf Milliarden Menschen sollen live dabei gewesen sein – ein enormer Prestigegewinn für den Getränkehersteller. Und vergleicht man die Kosten des Projekts mit dem Marketingbudget von Red Bull, das etwa 1,5 Milliarden Euro im Jahr beträgt, scheint die Summe von 50 Millionen für „Stratos“ plötzlich nicht mehr so exorbitant.

Auch die Risken für das Unternehmen halten sich in Grenzen. Würde Baumgartner den Sprung nicht überleben, litte Red Bulls Markenimage wohl nur kurzfristig darunter. Er wäre indes nicht der erste tote Red-Bull-Protagonist: Vor drei Jahren starb der Schweizer Basejumper Ueli Gegenschatz bei einem Werbeauftritt für Red Bull. Er sprang vom 88 Meter hohen „Sunrise Tower“ in Zürich, ein Windstoß schleuderte ihn gegen den Turm. Wenige Monate zuvor war der US-Fallschirmspringer Eli Thompson während Dreharbeiten zu einem Red-Bull-Promotionfilm tödlich verunglückt. Der Getränkehersteller veröffentlichte eine Kondolenz – und machte weiter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2012)

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