Mazedonien: Die Angst vor der Vergangenheit

Im Balkanstaat wachsen elf Jahre nach Ende des bewaffneten Albaner-Aufstandes erneut die Spannungen. Der Kampf um Versöhnung ist schwierig – doch mutige Mazedonier und Albaner haben ihn aufgenommen.

Mazedonien Angst Vergangenheit
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Mazedonien Angst Vergangenheit
(c) EPA (Georgi Licovski)

Es war ein Schock für das ganze Dorf.“ Der 21-jährige Ardian zieht an seiner Zigarette. Dann erzählt der junge Albaner von dem Zwischenfall, der sich schon vor Monaten zugetragen hat, sich aber noch heute schmerzhaft auf das Leben im kleinen Ort Vrutok auswirkt: Im Februar erschoss ein mazedonischer Polizist in der Stadt Gostivar offenbar bei einem Streit um einen Parkplatz zwei junge Albaner. Der Polizist stammt – so wie Ardian – aus dem Dorf Vrutok im Nordwesten Mazedoniens. „Zuvor hat das Zusammenleben zwischen Mazedoniern und Albanern hier gut funktioniert. Jetzt meiden die Albaner das Restaurant, das der Familie des Polizisten gehört. Der Zwischenfall hat vieles verändert“, sagt Ardian nachdenklich.

Auf den ersten Blick wirkt Vrutok idyllisch. In dem Dorf am Fuß des Berges Shara entspringt der Vardar, schlängelt sich als kleiner Bach durch den Ort, bevor er zum längsten Fluss Mazedoniens heranwächst. Doch der Vardar stellt auch eine Grenze dar: In Vrutok trennt er die knapp 400 Mazedonier von den gut 800 Albanern, in der Hauptstadt Skopje den Hauptplatz „Makedonja“ vom albanischen Teil samt altem Basar.

Gut ein Viertel der zwei Millionen Einwohner Mazedoniens gehört der albanischen Volksgruppe an. Ungefähr zwei Drittel sind Mazedonier. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Vergangenes Jahr wurde eine Volkszählung im letzten Moment abgesagt, denn wie groß die einzelnen Volksgruppen sind, ist eine brisante, hochpolitische Angelegenheit. 2001 haben Rebellen der albanischen „Nationalen Befreiungsarmee“ UÇK einen Aufstand gegen Mazedoniens Regierungstruppen gestartet. Auf Druck von EU und Nato einigten sich beide Seiten schließlich auf das Rahmenabkommen von Ohrid – einen Vertrag, der den Albanern mehr Rechte und damit den Frieden in Mazedonien sichern sollte.

Seither sind mehr als elf Jahre vergangen. Und die mazedonische Politikwissenschaftlerin Biljana Vankovska sieht Mazedonien erneut in einer ernsten Lage: „Die ethnische Spaltung ist so groß wie nie zuvor. Offensichtlich genießen unsere Politiker die nationalistische Atmosphäre, die sie geschaffen haben.“ Zu ähnlichen Schlüssen kommt auch der albanische Politologe Ylber Sela. Und er sagt: „Die Regierung setzt auf Projekte, die für das Zusammenleben kontraproduktiv sind.“

Eines der Projekte, die der Politikwissenschaftler damit meint, ist „Skopje 2014“: In der mazedonischen Hauptstadt werden zahlreiche Bauwerke und Monumente errichtet, die an eine alte makedonische Vergangenheit erinnern sollen. Auf Skopjes Hauptplatz „Makedonja“ ragt auf einer mit Kriegern und Löwen verzierten Säule eine mächtige Statue empor: Sie zeigt Alexander den Großen – auch wenn sie offiziell nur „Krieger hoch zu Ross“ genannt wird, um im Streit mit Griechenland um das makedonische Erbe und den Staatsnamen Mazedonien nicht noch zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen.

Die neuen Statuen sorgen nicht nur in Athen für Missfallen, sondern auch bei Mazedoniens Albanern: Die Monumente gedenken nur der Geschichte der Mazedonier und verkomplizieren die Beziehungen zu Athen, so der Vorwurf. „Skopje 2014 respektiert das Ohrid-Abkommen in keiner Weise. Das Projekt ist ein Symbol dafür, wie wenig die Umsetzung des Abkommens funktioniert“, schimpft Ziadin Sela von der albanischen Oppositionspartei DPA. „Jeder Albaner wird ihnen sagen, dass wir wieder dieselbe Situation wie 2001 haben.“ Und Igor Ivanovski von der Oppositionspartei der Sozialdemokraten wirft der Regierung vor, aus strategischen Gründen Spannungen zwischen den Ethnien zu schüren.

Koalition mit Ex-Rebellenchef. In Mazedonien ist derzeit die mazedonisch-nationale Partei VMRO-DPMNE an der Macht. Doch sie regiert nicht allein. Mit in der Koalition sitzt die Albaner-Partei DUI von Ali Ahmeti – dem Mann, der 2001 den bewaffneten Aufstand der Albaner angeführt hat.

Zuletzt haben sich auch die Spannungen innerhalb der Regierung verschärft. Grund dafür: Verteidigungsminister Fatmir Besimi, ein Albaner und Mitglied von Ahmetis Partei, legte Blumen an einem Denkmal für Gefallene der albanischen UÇK-Rebellen nieder. Der mazedonische Regierungspartner und Teile der mazedonischen Bevölkerung waren erbost – etwas, wofür Ahmeti kein Verständnis zeigt: „Die Toten müssen respektiert werden, egal, auf welcher Seite sie zu Lebzeiten standen.“ (Siehe Interview). Innenministerin Gordana Jankulovska von der VMRO-DPMNE sieht das anders: „Viele Menschen wurden durch den Schritt des Verteidigungsministers verletzt und erwarten eine Entschuldigung.“

„Ethnisierte“ Verbrechen. Einige Beobachter halten diesen Streit in der Regierung aber nur für Theaterdonner: „Beide Seiten versuchen damit, bei ihrer Volksgruppe zu punkten“, sagt die Journalistin Elena. „Vielleicht gibt es Neuwahlen, aus denen dann VMRO und DUI gestärkt hervorgehen. Und dann bilden sie erneut eine Koalition.“ Elena glaubt, dass das Zusammenleben zwischen Mazedoniern und Albanern weitgehend funktioniert – nur politische Parteien und einige Medien schürten Misstrauen.

So etwa vor einigen Monaten, nach dem Mord an fünf mazedonischen Männern an einem See nahe Skopje: Noch bevor feststand, wer für die Tat verantwortlich war, spekulierten Medien über einen albanischen „Racheakt“. Ein möglicherweise gewöhnliches Verbrechen wurde gleichsam ethnisiert – so wie nach dem Zwischenfall in Gostivar, als viele Albaner sich sofort mit den erschossenen Albanern und viele Mazedonier sich mit dem mazedonischen Schützen solidarisierten, ohne genau zu wissen, was eigentlich geschehen war.

„Die Sicherheitslage ist stabil“, beteuert Innenministerin Jankulovska. Es habe zwar ethnisch motivierte Gewalttaten gegeben. Oft hätten diese aber mit banalen Problemen begonnen: „Zwei Gruppen an einer Schule stritten wegen eines gestohlenen Mobiltelefons. Die Lage eskalierte. Aus einem Zank zwischen Jugendlichen wurde ein Kampf zwischen ethnischen Gruppen.“ Als besonderes Beispiel interethnischer Zusammenarbeit lobt die Ministerin die gemischten Polizeipatrouillen in ethnisch gemischten Gebieten – eine Regelung, die im Ohrid-Abkommen festgelegt wurde.

Auch Bojdar Filiposki und Malzim Memedi gehen regelmäßig gemeinsam auf Streife. An einem Kreisverkehr in Gostivar begrüßen sie zwei junge Männer und nehmen sie einige Minuten lang ins Gebet. „Die beiden sind drogensüchtig. Wir haben ihnen gesagt, dass sie keine Dummheiten machen sollen“, sagt Filiposki. Der stämmige ältere Polizist ist Mazedonier, sein Kollege Memedi ist Albaner. Dass ausgerechnet in Gostivar ein Polizist zwei Albaner erschossen hat, sorgt unter seinen Kollegen für Bestürzung. „Wir haben Beamte zu den Familien der Opfer geschickt, um Beileid zu bekunden“, erzählt Filiposki. Das übernahmen freilich albanische Kollegen. Hier hat sich bezahlt gemacht, dass nach Ohrid zahlreiche Albaner in den Polizeidienst aufgenommen worden sind.

Gefährlicher Teufelskreis. Für Politikwissenschaftlerin Vankovska steht Mazedonien heute am Scheideweg. Ob elf Jahr nach dem Ende des bewaffneten Aufstandes die Versöhnung funktioniert, hängt für sie auch von externen Einflüssen ab: Viele Mazedonier fühlten sich von außen unter Druck gesetzt, etwa durch die griechische Politik, die den Namen Mazedonien nicht anerkennen will und deshalb den Weg des Balkanstaates in Nato und EU blockiert, erläutert Vankovska. „Wenn sich dann als Reaktion darauf Mazedonier nach innen besonders mazedonisch geben, reagieren Albaner mit Protest gegen mazedonischen Nationalismus. Das ist ein Teufelskreis, der auf allen Seiten Frustration und Angst schafft.“

Diese Angst zu überwinden, ist eines der Ziele der Fernsehsendung „Der Wohnungsschlüssel liegt unter der Fußmatte“. Die Sendung wurde von der jungen Mazedonierin Irina Janevska kreiert. Janevska adaptierte dafür gängige Fernsehformate wie „Frauentausch“: Zwei Tage lang wohnen Jugendliche bei Familien jeweils anderer Volksgruppen. „Die Sendung ist unterhaltsam und zeigt, dass persönlicher Kontakt immer noch die beste Möglichkeit ist, um Vorurteile abzubauen“, sagt Janevska. Dass Engagement für Versöhnung nicht immer gern gesehen wird, weiß die Mazedoniern aber aus eigener Erfahrung. Eine Frau, zu der sie früher immer einkaufen ging, hatte ihr klar gesagt, was sie davon hielt, dass Irina Janevska an Demonstrationen für ein friedliches Zusammenleben in Skopje teilgenommen hatte: „Du wirst mit deinen albanischen Freunden in der Hölle schmoren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2012)

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