In Guns We Trust

In keinem anderen Land der Welt besitzen die Einwohner mehr Waffen als in den USA. Auch nach der Tragödie an der Volksschule in Connecticut wird sich kaum etwas am liberalen Waffengesetz ändern.

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(c) AP (Jeff Roberson)

Man musste nicht lange auf die Frage warten. Am Freitag um 13.34 Uhr, nur Stunden nach dem Massaker an der Volksschule im US-Bundesstaat Connecticut (siehe Seiten 6 und 7), postete sie ein gewisser „Apom“ im Diskussionsforum von thefiringline.com. Nicht etwa die Frage, ob man jetzt doch ernsthaft über Waffenbeschränkungen nachdenken sollte; auch nicht die, wie man verhindern kann, dass ein psychisch Kranker zu Waffen kommt, sondern folgende: „Hätte man das verhindern können, wenn die Schulkinder bewaffnet gewesen wären?“

Auch diese 26 Toten – darunter 20 Kinder im Alter zwischen fünf und zehn Jahren – werden die liberalen Waffengesetze in den USA nicht verändern. Genauso wenig wie jene zwölf Toten im Juli dieses Jahres in Denver, wo James E. Holmes in einem Kino Amok lief, oder jene 32 Studenten, die Seung-Hui Cho im April 2007 an der Virginia-Tech-Universität in Blacksburg erschoss.

Die Konsequenzen aus der Tragödie in Newtown werden sich auch diesmal in politischen Willenserklärungen erschöpfen. Statt den Waffenverkauf einzuschränken, wird es vielleicht sogar in die gegenteilige Richtung gehen, wie nach dem Massaker in Blacksburg: Viele Universitäten erlaubten ihren Studenten als Folge das versteckte Tragen einer Waffe, zuletzt im August dieses Jahres die Universität von Colorado: Wer 21 Jahre alt ist und eine entsprechende Lizenz vorweisen kann, darf eine Pistole in die Vorlesung mitbringen.

Vielleicht ist das in einem Land wie den USA tatsächlich der einzig gangbare Weg? Vielleicht würden Wildwestmethoden, würden Schießereien zwischen Guten und Bösen helfen, einen Amoklauf vorzeitig zu beenden, lange bevor die schwer bewaffneten Sondereinheiten der Polizei anrücken?


Waffen wie Hamburger. Waffen gehören zur Kultur der USA wie Hamburger und Pickup-Trucks. Nach Schätzungen sind in den Vereinigten Staaten etwa 300 Millionen Waffen in Umlauf (die USA haben die höchste Pro-Kopf-Waffenrate der Welt; auf Platz zwei folgt der Jemen – mit pro Kopf halb so vielen Waffen).

Das Recht, eine Waffe zu besitzen, ist in den Vereinigten Staaten ein fundamentales. Die Gründungsväter sahen es als derart wichtig an, dass sie es 1789 im zweiten Verfassungszusatz verankerten – der erste garantiert die freie Meinungsäußerung. Es war ein revolutionäres Recht: In einer Zeit, als Machthaber in Europa aus Angst vor dem Volk ein Gewaltmonopol schufen, sollten die Bewohner der Vereinigten Staaten in der Lage sein, sich notfalls gegen ein tyrannisches Regime erheben zu können. Dass dieses Recht 223 Jahre später wenig Sinn hat, ändert nichts an dem Faktum, dass es als eines der unumstößlichen Grundfreiheiten gilt, eine Pistole im Nachtkästchen haben zu dürfen.

Der Oberste Gerichtshof der USA hob im Sommer 2008 ein Waffenverbot auf, das die Stadt Washington erlassen hatte. Der Bürgermeister wollte mit dem Verbot des privaten Waffenbesitzes die Gewaltdelikte in der Stadt in den Griff bekommen. Der Supreme Court machte das Vorhaben mit einem weitreichenden Grundsatzurteil zunichte: Die Richter erkannten zwar die Bemühungen der Stadtväter an, die Gewalt einzudämmen. Das generelle Waffenverbot stehe jedoch im krassen Widerspruch zur Verfassung, die jedem Individuum den Besitz einer Waffe erlaube, befanden fünf der neun Höchstrichter (vier stimmten für die Stadt Washington). Diese Meinung ist auch in der Bevölkerung in der Mehrheit: Laut einer Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2011 befürworten nur 26 Prozent ein Verbot von Faustfeuerwaffen.

Verständlich wird eine solche Haltung, wenn man durch die menschenleeren Weiten von Alaska, Wyoming oder auch Nebraska fährt. Die nächste Polizeistation ist oft Stunden von den vereinzelt stehenden Farmen entfernt. Die Menschen, die in dieser Abgeschiedenheit leben, sehen es als ihr Recht, ja, geradezu als ihre Pflicht an, ihre Familie im Notfall mit Waffengewalt gegen Kriminelle zu verteidigen. Hier gilt nicht nur das Staatsmotto „In God We Trust“, sondern vor allem auch „In Guns We Trust“.


Stand your ground. Das Recht, sich und die Familie zu verteidigen, erkennen immer mehr US-Bundesstaaten an. Mehr als die Hälfte hat die sogenannte „Castle-Doctrine“ umgesetzt, wonach ein Besitzer zur Verteidigung seines Hauses gegen einen Einbrecher Gewalt – auch tödliche – anwenden darf. In 24 Bundesstaaten gelten noch weitergehende „Stand your ground“-Gesetze. Sie besagen, dass jemand die Konfrontation nicht scheuen muss, vor Gewalt also nicht, wie in Österreich etwa, zuallererst weichen muss. Er kann nicht nur sein Haus verteidigen – zur gerechtfertigten Gewaltanwendung reicht bereits das Faktum des „unerlaubten und gewaltsamen Betretens“ – , es genügt allein die Sorge, dass ihm ein Gewaltverbrechen droht – etwa auf der Straße –, um sich mit Waffengewalt wehren zu dürfen. Gegner bezeichnen das Gesetz deshalb auch als „shoot first, ask later“.

Der mächtige Waffenverein NRA (National Rifle Association) verweist zur Verteidigung dieses Gesetzes gern auf das Beispiel der kleinen Ortschaft Kennesaw im US-Bundesstaat Georgia, etwa eine halbe Autostunde nördlich von Atlanta. Der Gemeinderat erließ 1982 ein Gesetz, wonach jeder Haushalt mindestens eine Waffe inklusive Munition besitzen muss. Die Einbruchsrate ging daraufhin um 90 Prozent zurück, laut FBI-Statistik gab es in der Ortschaft 2008 insgesamt 555 Einbrüche und Diebstähle. In vergleichbar großen Städten (Kennesaw hat 30.000 Einwohner) ist die Zahl doppelt bis dreimal so hoch.


Schießen bevor man trinken darf. Gerade im „Heartland“, den Weiten zwischen der situierten Ostküste und der liberalen Westküste der USA, gehören Waffen zum Alltag. Dort sind Schießübungen am Wochenende das, was in Österreich der Sonntagsspaziergang oder das Tennismatch am Samstagnachmittag sind. Kinder wachsen mit Waffen auf, in den meisten Bundesstaaten darf man ab 18 Jahren ein Gewehr besitzen. Alkohol dagegen darf man erst im Alter von 21 Jahren trinken. Meist genügt ein Führerschein und eine halbe Stunde Geduld (der Verkäufer muss bei der lokalen Polizei nachprüfen, weil unter anderem Vorbestrafte keine Waffen kaufen dürfen), um mit einer Smith & Wesson oder einer der in Amerika besonders beliebten österreichischen Glock einen Waffenladen wieder zu verlassen.


Die Waffe am Gürtel. Der Bundesstaat Florida erlaubt es seinen Bürgern, eine Waffe versteckt am Körper zu tragen. Das erklärt die teilweise seltsam anmutenden Polizeikontrollen: Polizisten müssen stets fürchten, dass der Kontrollierte bewaffnet und gefährlich ist.

Deshalb schreibt ein Gesetz im Bundesstaat Virginia das genaue Gegenteil vor: Wer eine Waffe bei sich tragen will, muss dies „deutlich sichtbar“ tun – also in Wildwest-Manier am Gürtel –, damit sie jedermann sofort sieht. Immer wieder sorgen seltsame Waffenfans (die NRA hat ihren Hauptsitz in Virginia) für Aufregung, weil sie mit einem umgeschnallten Revolver einkaufen gehen. Dieses Gesetz ist auch Grund für die für Touristen irritierenden Hinweise in McDonald's-Filialen und in manchen Einkaufszentren in Virginia, dass Waffen in dieser Lokalität verboten sind.

In der Statistik sind die getöteten Kinder und Erwachsenen von Newtown 26 von etwa 15.000, die heuer durch Schusswaffen in den USA getötet wurden. Weitere 15.000 begingen mit einer Waffe Selbstmord. 2010 starben in den USA 606 Menschen durch einen Unfall mit einer Schusswaffe, 62 davon Kinder jünger als 15 Jahre.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2012)

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