Maya-Kalender: Kein Weltuntergang am 21.12.2012

Apokalyptische Prophezeiungen für den Freitag basieren auf einem Stein der Maya. Was kann man wirklich daraus lesen? Haben die Maya überhaupt prophezeit?

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(c) ASSOCIATED PRESS (Israel Leal)

Auf hunderten Seiten im Internet wird entweder die Rettung der Welt angezählt oder ihr Untergang. Einig sind sich die beiden Lager über das Datum: Der große Tag kommt zur Wintersonnenwende am Freitag, am 21.12.2012.

Das las erstmals 1966 der Archäologe Michael Coe aus einer (angeblichen) Prophezeiung der Maya, in Stein gemeißelt um das Jahr 670 in Torteguero im heutigen Mexiko. In ihr ist von der Vollendung des 13. „Baktun“ (das ist ein Zeitabschnitt) die Rede, von einer „Sichtung“ und davon, dass sich ein Gott namens Bolon Yokte zeigen werde. Coe schloss daraus, dass ein „Armageddon über die degenerierten Völker kommen“ werde: „Unser gegenwärtiges Universum wird ausgelöscht, wenn der große Zyklus der langen Zählung vollendet ist.“

Seitdem zehren davon die Apokalyptiker, die in BolonYokte einen Gott des Krieges und der Unterwelt sehen und sich auf noch ein Maya-Dokument berufen: einen Kodex, der in Dresden aufbewahrt wird. Darin sieht man eine Sintflut, sie wurde zum Untergangsmodell, das sich in viele Szenarien verästelt hat, vom Asteroideneinschlag bis zur Invasion von Aliens (siehe Bericht).Freunde des „New Age“ bevorzugen eine sanftere Deutung: Sie sehen Bolon Yokte eher als Schöpfergott und erwarten für den 21.12. nicht das Ende, sondern die Wende, eine spirituelle Revolution oder garumfassende Verbesserung der Gene.

Der Filmemacher Roland Emmerich entschied sich in „2012“ für die katastrophale Variante, ausgelöst durch destruktive Prozesse in der Erdkruste. Dieser Film, der 2009 in den Kinos war, hat einiges dazu beigetragen, die Zahl 2012 in die Köpfe zu bekommen.

Jahre, die von vornherein einen unheilvollen Klang haben, sind ja eher selten: 1984 verdankte seinen Ruf dem Roman von George Orwell (der einfach die Ziffern von 1948 verdrehte), 2000 unserem Kalender und unserem Zahlensystem, das auf Vielfachen von zehn beruht.

Auch die Aura von 2012 beruht auf dem Kalender: dem der Maya. Dieses mathematisch und astronomisch avancierte Volk hatte sogar zwei Kalender: einen rituellen mit einer Periode von 260 Tagen und einen alltagspraktischen, in dem das Jahr wie bei uns 365 Tage hatte. Von denen behandelten sie aber fünf Tage als Schalttage. Bleiben 360 Tage, die sie ein „Tun“ nannten. 20 mal 20 solcher „Tun“-Jahre nannten sie ein „Baktun“, das waren also 144.000 Tage. Das kleinste gemeinsame Vielfache von 260 und 144.000 ist 1.872.000, das sind 13 Baktun. Nach dieser Anzahl von Tagen – die 5125 unserer Jahre entspricht – treffen einander die beiden Kalender wieder, ein großer Zyklus der „langen Zählung“ ist um.

Das ist eben am 21.12.2012 der Fall. Freilich nur, wenn die „lange Zählung“ am 11.August 3113 v.Chr. begonnen hat, an dem Tag, an dem die Maya die Erschaffung der Welt – in ihrer gegenwärtigen Form – ansetzten. Darin sind sich aber nicht alle Maya-Kundigen einig. Manche setzen auf andere Anfangsdaten. Wieder andere wollen den ganzen Hype grundsätzlich abfangen. „Das messianische Denken des Westens hat die Weltsicht alter Zivilisationen wie die der Maya verzerrt“, erklärt etwa das Nationale Institut für anthropologische Geschichte in Mexiko: Die Maya dachten in Zyklen, nicht in einer durchgängigen Zeit mit Anfang und Ende wie die eschatologischen Religionen aus dem Nahen Osten. Für sie war das Ende eines Zeitalters der Beginn des nächsten, gewaltsam vielleicht, aber nicht das Ende der Zeit.

 

Die Maya waren lausige Propheten

Aber haben sie überhaupt prophezeit? Manche Forscher stellen das generell in Abrede, andere zumindest das Datum. „Wir müssen mit aller Klarheit sagen: Es gibt keine Prophezeiung für 2012“, erklärt Eric Velasquez (Autonome Universität Mexikos): „Es ist eine Marketingtäuschung.“ Und wenn es doch mehr ist? Dann ist wenig Anlass zur Sorge, denn die Maya waren lausige Propheten, William Saturno (Boston University) erinnert daran: „Sie haben ihren Kollaps nicht kommen sehen. Und sie haben die spanischen Konquistadoren nicht kommen sehen.“

Auch die Horoskope unserer Astrologen stimmen selten, trotzdem werden sie gelesen. Die meisten Menschen unserer Kultur gehen damit genauso ironisch um wie mit dem 2012-Hype. Auch haben uns besser ins wissenschaftliche Weltbild passende Warnungen (Klima! Rinderwahn! Börsencrash!) abgestumpft. Wir leben gut mit Katastrophen, vor allem mit solchen, die nicht kommen. Was man im Fall 21.12.2012 guten Gewissens prophezeien kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2011)

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