Nach Vergewaltigung: Revolte der indischen Mittelschicht

Bei den Massenprotesten wegen der brutalen Vergewaltigung einer jungen Frau lässt die einflussreiche Minderheit aus gebildeten, jungen Indern ihrem Frust gegen das unfaire, ineffiziente System freien Lauf.

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Symbolbild – (c) EPA (ANINDITO MUKHERJEE)

Wien/Delhi. Bereits in den Morgenstunden standen am Donnerstag die Menschen vor dem Gerichtsgebäude im Bezirk Saket in Neu Delhi Schlange. Sie wollten den Prozessauftakt gegen die Vergewaltiger und Mörder der jungen Studentin verfolgen. Die brutale Tat hatte in ganz Indien wütende Protestaktionen ausgelöst. „Hängt die Mörder!“, skandierten gestern Demonstranten. Aus Angst vor Übergriffen umringten bewaffnete Sicherheitskräfte das Gebäude.

Als ein Beamter die Anklageschrift gegen die fünf Verdächtigen verlas – der sechste mutmaßliche Täter ist minderjährig –, wurde es still im Saal. „Mord, Gruppenvergewaltigung, Entführung und Vernichtung von Beweismaterial“ lautet der Vorwurf. Bei einer Verurteilung droht die Todesstrafe. Die Angeklagten waren nicht anwesend, sie sollen aber am Samstag vor Gericht befragt werden. Aus Angst vor Lynchjustiz beantragte die Staatsanwaltschaft den Ausschluss der Öffentlichkeit. Bisher hat sich kein Anwalt bereit erklärt, die Männer zu verteidigen. Das Verfahren findet vor einem eigens eingerichteten Schnellgericht statt.

Die Studentin war am 16. Dezember nach einem Kinobesuch mit ihrem Freund in einen Bus gelockt worden. Der Mann wurde geschlagen, die Physiotherapeutin eine Stunde lang vergewaltigt, mit einer Eisenstange malträtiert und dann aus dem fahrenden Bus geworfen. Am Samstag war die Frau ihren Verletzungen erlegen.

„Gebildete, urbane Mittelschicht“

In Indien findet alle 20 Minuten eine Vergewaltigung statt, die meisten werden gar nicht gemeldet. Polizei und Justiz reagieren oft zurückhaltend auf Anzeigen. Meist dauert es Jahre, bis es zu einem Prozess kommt. In der Öffentlichkeit war Gewalt gegen Frauen bisher kaum ein Thema. Doch diesmal ist alles anders. Täglich gehen seit Mitte Dezember hunderttausende Inder auf die Straße, demonstrieren für Frauenrechte, fordern harsche Sanktionen für Vergewaltiger. Auch Männer protestieren mit. Auf einmal hat das bisher stark tabuisierte Thema Vergewaltigung ein ganzes Land in Aufruhr gebracht. Regierung, Polizei, aber auch viele politische Beobachter wurden von dieser unerwartet heftigen Reaktion überrascht. Sicher, es handelte sich bei dem Überfall um einen besonders brutalen Angriff. Aber trotzdem fragen sich viele: Wie war es möglich, dass eine Vergewaltigung plötzlich so große Teile der Gesellschaft aufgebracht hat?

„Getragen werden die Proteste von einer jungen, gebildeten, urbanen Mittelschicht“, sagt Sandra Destradi vom Hamburger Giga-Institut für Asienstudien zur „Presse“. Das sei eine Minderheit, betont die Expertin: Zwei Drittel der indischen Bevölkerung leben auf dem Land. Doch es ist eine einflussreiche Minderheit: Es sind Indiens Städte, die die rasante Modernisierung der weitgehend traditionalistischen Gesellschaft vorantreiben: In den größten 100 Städten leben nur 16 Prozent der Inder – sie produzieren aber 43 Prozent des Nationaleinkommens. Der wachsende Wohlstand hat eine breite – und westlich orientierte – Mittelschicht hervorgebracht. Immer mehr Frauen studieren in den Städten, hier gehen mehr Mädchen zur Schule als auf dem Land. Sozialer Aufstieg ist möglich, hier verwischen am ehesten die Grenzen zwischen den Kasten. Und hier können auch Frauen Karriere machen.

„Verachtung für den Staat“

Junge Demonstranten, die die Proteste vor allem über das Internet organisierten, wurden von Kommentatoren mit den ägyptischen Demonstranten am Tahrir-Platz verglichen. Gemeinsam ist ihnen der Frust über ein korruptes, unfaires, inkompetentes System. Die Mittelschicht wird fordernder: Vieles, was lange hingenommen wurde, wird nicht mehr akzeptiert. Die derzeitigen Kundgebungen erinnern an die Massenproteste von 2011 – als hunderttausende Inder gegen Korruption demonstrierten.

Pratap Bhanu Meta, Präsident des Zentrums für Politforschung in Delhi, ist überzeugt, dass es bei den Protesten um mehr geht als um Vergewaltigung: „Die Revolte wird von der im Großen und Ganzen gerechtfertigten Verachtung für den Staat getragen“, sagt er der „Zeit“. Destradi bezweifelt aber, dass diese Bewegung radikale Veränderungen herbeiführen wird. „Diese Proteste sind oft kurzlebig. Fraglich ist, ob sich für die Sicherheit und die gesellschaftliche Position der Frau tatsächlich längerfristig etwas ändern wird.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2013)

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