Medikamente im Pferdefleisch nachgewiesen

In Großbritannien wurden Medikamenten-Spuren in zum Verzehr bestimmten Pferdefleisch entdeckt. Phenylbutazon ist für Menschen gesundheitsschädlich.

Tiefkühlprodukte werden auf Pferdefleischrückstände kontrolliert.
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Tiefkühlprodukte werden auf Pferdefleischrückstände kontrolliert.
Tiefkühlprodukte werden auf Pferdefleischrückstände kontrolliert. – (c) REUTERS/PASCAL LAUENER

Der europäische Pferdefleisch- Skandal erreicht eine neue Dimension: Tests der britischen Lebensmittelaufsicht haben ergeben, dass Fleisch von drei mit dem Medikament Phenylbutazon gespritzten Pferden wohl in die Nahrungskette geraten ist. Der britische Umweltminister David Heath sagte im Parlament, acht Pferde von britischen Schlachtern seien positiv auf das Medikament getestet worden. Drei davon sollen in Frankreich in die Nahrungskette geraten sein. Insgesamt wurden 206 Pferdefleischproben getestet.

Die britische Lebensmittelaufsichtsbehörde FSA arbeite mit den französischen Behörden zusammen, ergänzte Heath. Seinen Angaben zufolge wurden Spuren des Medikaments aber nicht in den vom britischen Markt genommenen Tiefkühl-Lasagnen der Marke Findus gefunden. Der Fund von Pferdefleisch in diesen Produkten hatte den aktuellen Skandal ins Rollen gebracht.

Medikamentenpass existiert bereits

Phenylbutazon wird oft bei Rennpferden eingesetzt. Der Wirkstoff wird vereinzelt bei Rheumapatienten eingesetzt, aber nur zurückhaltend. In Großbritannien und Frankreich ist die Verwendung bei Menschen aufgrund von starken Nebenwirkungen wie Magenentzündungen oder -blutungen verboten.

Pferde, die für die Fleischproduktion vorgesehen sind, dürfen in der EU nicht mit Phenylbutazon behandelt werden. Aus den USA, aus Kanada und Mexiko werden allerdings jährlich tausende Tonnen Pferdefleisch in die EU importiert, berichtet die "Welt". Jedes Pferd hat eine Art Medikamentenpass. Vergangenes Jahr hatte sich die EU darüber besorgt gezeigt, dass die Medikamentenpässe bei Pferdefleisch aus Mexiko nicht immer einwandfrei seien.

EU will Medikamente-Tests

Um sicherzustellen, dass Verbraucher mit dem Fleisch keine Pferdemedikamente zu sich nehmen, will die EU-Kommission eine weitere Testreihe zu Phenylbutazon vorschlagen. 1500 in die EU eingeführte geschlachtete Pferde sollten untersucht werden, zudem 2500 in Europa geschlachtete Tiere. Die EU-Kommission will den Mitgliedsstaaten bei der Fahndung nach Rückständen freie Hand lassen.

In Österreich besteht weniger Gefahr, dass Pferdefleisch in Rindfleisch-Produkte gemischt wurde. Wie Ö1 berichtet, prüft die Agentur für Ernährungssicherheit Produkte auf ihre Echtheit. Zur Zeit werden Schwerpunktkontrollen bei Fertiggerichten durchgeführt. Ergebnisse seien Ende dieser bzw. Anfang nächster Woche zu erwarten.

"Krasser Fall von Verbrauchertäuschung"

Die deutsche Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) sagte gegenüber der ARD, dass es bisher  zwar keine Hinweise auf eine Gesundheitsgefährdung gebe, es aber ein "krasser Fall von Verbrauchertäuschung" sei. Die europäischen Ermittlungsbehörden müssten nun gemeinsam in dem Fall vorgehen.

Gründe für das Untermischen fraglich

Der nordrhein-westfälische Umweltminister Johannes Remmel wollte auch eine Gesundheitsgefahr nicht ausschließen. Pferdefleisch sei an sich nicht billiger als Rindfleisch, daher sei ihm unerklärlich, warum es untergemischt wurde, sagte der Grünen-Politiker. "Da muss es ja irgendeinen Grund geben, und dem gehen wir nach, aber Ergebnisse haben wir noch nicht."

Die EU will auch die Reform der europäischen Kennzeichnungsregeln beschleunigen. Möglicherweise sollen Unternehmen künftig gezwungen werden, auch bei verarbeitetem Fleisch das Herkunftsland anzugeben. Bisher gilt diese Pflicht nur für frisches Rindfleisch. Ab Dezember 2014 soll die Regelung voraussichtlich auf frisches Lamm- und Schweinefleisch sowie Geflügel ausgedehnt werden.

Fälle in Deutschland

In Deutschland entdeckte nach Real auch die Supermarktkette Edeka Pferdefleisch in Fertiggerichten, die eigentlich nur Rind enthalten sollten. In dem Tiefkühl-Produkt "Gut & Günstig Lasagne Bolognese" seien bei Analysen in einzelnen Stichproben geringe Mengen Pferdefleisch gefunden worden, sagte ein Edeka-Sprecher am Donnerstag in Hamburg. Der Artikel sei am Dienstag vorsorglich aus dem Verkauf genommen worden, nachdem der Lieferant eine mögliche Beimischung von Pferdefleisch nicht ausschließen konnte. Die beigemischte Menge liege bei einem bis fünf Prozent.

Eine Tiefkühl-Lasagne mit möglicherweise falsch deklariertem Pferdefleisch wurde in einem Lager in Brandenburg vorsorglich sichergestellt. Die Spur führte nach Nordrhein-Westfalen: Von dort sei das verdächtige Produkt über einen Großhändler nach Brandenburg gelangt. In Niedersachsen wurde ein Kühlhaus geschlossen. Bayern kündigte verschärfte Kontrollen an, hat aber bisher keine Auffälligkeiten entdeckt.

Lasagne-Rückruf

Nun befürchtet auch der dänische Lebensmittelkonzern Tulip, möglicherweise mit Pferdefleisch angereicherte Tiefkühlgerichte nach Deutschland geliefert zu haben. Tulip habe den Handelskonzern Rewe vor zwei Tagen aufgefordert, zwei Lasagne- und Canneloni-Tiefkühlgerichte wegen des Verdachts aus den Geschäften zu nehmen, die Produkte enthielten Pferdefleisch, sagte ein Sprecher des Konzerns am Donnerstag in Kopenhagen. Tulip kaufe Produkte von der französischen Comigel, die im Zentrum des Pferdefleisch-Skandals in Großbritannien steht. Auf den Produkten stehe nicht der Firmenname Tulip.

Lebensmittelkontrolleure hatten zuerst in Irland festgestellt, dass Rindfleischprodukte auch Pferdefleisch enthielten. Inzwischen weitet sich der Skandal auf immer mehr Länder aus. Ein Untersuchungsbericht des britischen Parlaments geht davon aus, dass die bisherigen Funde von Pferdefleisch nur die "Spitze des Eisbergs" sind. "Das Ausmaß der Verunreinigung, das in der Produktionskette offenbar wird, ist atemberaubend", sagte Anne McIntosh. Sie ist die Vorsitzende des Agrarausschusses, der den Bericht erstellt hatte. Ohne Zweifel würden weitere Fälle ans Licht kommen.

(Red./APA)

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