Brand raffte 36 schlafende Psychiatriepatienten dahin

Nur drei Personen überlebten eine Feuersbrunst in einer Psychiatrie nahe Moskau. Die Erfahrung aus früheren Katastrophen zeigt: Die obersten Verantwortlichen für systematische Mängel genießen Immunität.

Russian emergency service staff work at the site of a fire at a psychiatric hospital in the village of Ramensky
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Russian emergency service staff work at the site of a fire at a psychiatric hospital in the village of Ramensky
Russian emergency service staff work at the site of a fire at a psychiatric hospital in the village of Ramensky – REUTERS

Moskau. Ausgebrannt bis auf die Steinmauern steht die Klinik für psychisch Kranke wie ein Mahnmal des Todes in der weiten russischen Landschaft. Vereinzelt noch steigen Rauchfäden aus der porösen Asche, die eben noch 38 Menschen unter sich begraben hielt. Zu identifizieren waren sie nur schwer.

Verbrannt, verkohlt, entstellt. Und wieder ist Russland fassungslos darüber, wie sich eine solche Katastrophe gerade einmal 120 Kilometer von Moskau entfernt zutragen konnte. Und wieder stellt sich heraus, dass eine ganze Kette von Um- und Missständen das Desaster bedingt und forciert hat.

36 Patienten und zwei Krankenschwestern befanden sich unter den Opfern des gestrigen Großbrandes in der psychiatrischen Klinik Nummer 14. Mindestens 29 davon verbrannten bei lebendigem Leibe, wie Irina Gumennaja, Sprecherin der örtlichen Ermittlungsbehörde, sagte. Der Brand sei nach Mitternacht vermutlich durch die Zigarette eines Patienten ausgebrochen. Eine Krankenschwester habe nachts den Alarm gehört und das Feuer noch zu löschen versucht.

Da die Fenster vergittert waren, hätten die Patienten nicht flüchten können, schrieb die Zeitung „Komsomolskaja Pravda“. Ob sie es überhaupt versucht haben, muss freilich erst geklärt werden. Wie nämlich Juri Deschowych vom Zivilschutzministerium sagte, seien alle Opfer in ihren Betten aufgefunden wurden. Selbst die Krankenschwestern seien in ihrem Ruheraum entdeckt worden. Da die Klinik besonders schwere Fälle beherbergt hat, scheinen viele Patienten auch von starken Medikamenten betäubt gewesen zu sein.

Es waren nicht die einzigen Gründe für das Ausmaß der Tragödie. Als „schreckliches Verbrechen“ bezeichnete Vizepremierministerin Olga Golodez das Faktum, dass die Feuerwehr über eine Stunde brauchte. Der Grund: Die weithin einzige Brücke über den Fluss zum Einsatzort war nicht in Betrieb.

Die Aussage von Golodez ist Teil jener Schuldzuweisungen, mit denen einzelne Behörden einander bewarfen. Zwar hat Kreml-Chef Wladimir Putin lückenlose Aufklärung gefordert. Die Erfahrung bei früheren Katastrophen lehrt jedoch, dass nie die systematischen Mängel dadurch angegangen wurden, indem man etwa die obersten Verantwortlichen entlassen hätte. Wer zur Machtclique gehört, ist vom Prinzip Verantwortung befreit. Das war in der Zeit der zahlreichen Terroranschläge nicht anders als bei der Korruption oder eben auch bei Bränden. Letztere haben in Russland oft in Katastrophen geendet. Ende 2009 etwa starben bei einem Brand in einer Bar in der Stadt Perm 148 Menschen. Später stellte sich heraus, dass eine vorausgehende Inspektion zwar mehrere Brandschutzmängel festgestellt, aber nur einen Teil davon dokumentiert hatte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2013)

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