Blumen für den Gemeindebau

In den USA steigt das Interesse an Bauqualität und sozialer Durchmischung des Wiener Wohnbaus. Direkt übertragbar ist dieses Modell aber nicht.

Gemeindebau in Wien
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Gemeindebau in Wien
Gemeindebau in Wien – Michaela Bruckberger

Am 10. März war es überstanden: Der letzte Turm der Brewster-Douglass-Wohnbauten in Detroit war demoliert. 1935 beim Spatenstich durch die damalige First Lady Eleanor Roosevelt als vorbildliches Wohnprojekt für arme schwarze Arbeiterfamilien gelobt, war es spätestens in den 1980er-Jahren eine gemeingefährliche Brutstätte der Rauschgiftkriminalität. Was auf den mehr als sieben Hektar Fläche gebaut werden soll, auf denen die Soullegenden Smokey Robinson und Diana Ross aufwuchsen, ist offen. Gewiss ist nur: Niemand will die Fehler wiederholen, die den Sozialwohnbau in den USA zur Chiffre für Armut und Verbrechen gemacht haben.

Das ist nicht nur für die kriselnde Stadt Detroit bedeutsam. Auch in blühenden Metropolen wie San Francisco, Chicago, New York oder Washington stehen Stadtpolitiker vor der Frage, wie sie den enorm wachsenden Bedarf an Wohnraum befriedigen können. Hier entspringt das wachsende Interesse amerikanischer Architekten und Stadtplaner am Wiener Gemeindebau.

„Die wichtigste Lehre aus der Beschäftigung mit dem Wiener Modell ist: Man könnte in Amerika ohne signifikant höhere Kosten öffentliche Wohneinheiten von besserer Qualität bauen“, sagt William Menking, Architekturprofessor am Pratt Institute in New York, im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Er hat 2013 eine Wanderausstellung über den Wiener Wohnbau gestaltet, die in mehreren amerikanischen Städten gezeigt wurde.

Die durchschnittlichen Baukosten für öffentliche Wohnbauten sind in Wien in etwa gleich hoch wie in den USA. Hier endet jedoch die Vergleichbarkeit. Denn die Ziele hinter dem öffentlichen Bauwesen in den USA weichen von jenen in Wien ab. „Als man in den 1930er-Jahren damit begann, hoffte man, dass das ein vorübergehendes Phänomen ist: Sobald man wirtschaftlich aufgestiegen ist, zieht man weiter.“ Alle Programme der US-Bundesregierung zur Wohnbauförderung sind also an Einkommensobergrenzen geknüpft. In den „Projects“ wohnen darum nur arme Menschen. „Das war ein Desaster. Öffentliche Wohnungen sind stigmatisiert. Wien macht das hingegen hervorragend, verschiedene soziale Schichten zu mischen.“

Doch lässt sich das Wiener Modell über den Atlantik verpflanzen? David Bieri ist skeptisch. Der Schweizer Volkswirt befasst sich an der University of Michigan mit Fragen der Stadtplanung. Der wesentliche Konstruktionsfehler des öffentlichen Wohnbaus in den USA sei 1949 begangen worden, als man die US-Wohnbaubehörde schuf. Sie finanziert die Baukosten in den Städten, aber nicht den Erhalt der Objekte. „Diese Projekte wurden überdimensioniert gebaut. Das Geld dafür aus Washington hat man gerne genommen, mit den Folgekosten sind viele Städte aber bis heute überfordert“, sagt Bieri.

Eine Frage der Kultur

Darüber hinaus mangelt es in fast allen Städten Amerikas am grundsätzlichen Bekenntnis zur Verantwortung der öffentlichen Hand für die Bereitstellung erschwinglichen Wohnraumes. Milwaukee sei eine Ausnahme. „Dort hatte man nach 1945 kontinuierlich eine rote Regierung – und zwar rot im europäischen, sozialdemokratischen Sinn. Der enorme deutsche und skandinavische Einfluss auf das Denken über öffentliche Güter ist dort heute noch spürbar.“

Die staatlichen Programme – allen voran Mietgutscheine für Arme und Steuergutschriften für Bauherren, die Wohnungen für Arme herstellen – seien nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Und manche sind selbstschädigend: Um besagte Steuergutschrift zu lukrieren, müsse man einwilligen, die Mieten für 15 Jahre zu begrenzen, erklärt Bieri: „Darum werden die Häuser so gebaut, dass sie sich schon binnen 15 Jahren amortisieren – also billig und schlecht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2014)

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