Ägypten: Nichts erinnert mehr an das Massaker

Am 10. Jahrestag erinnert kaum noch etwas an das Massaker im Hatschepsut-Tempel in Luxor.

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(c) AP (Frank Boxler)

Luxor. Die Gesichter der Touristen, der ägyptischen Reiseführer und der Wächter des Tempels der Königin Hatschepsut wirken ungläubig, argwöhnisch, voller Fragen. Sie versuchen auszumachen, was am Rande der Tempelanlage am Westen des Nilufers von Luxor vor sich geht. Als Schüsse fallen, gehen sie hinter dem über 3000 Jahre alten Mauerwerk in Deckung. Dann reißt der wackelige Streifen des Hobbyfilmers ab.

Es war ein touristischer Alptraum – der am 17. November 1997 als das „Massaker von Luxor“ in die Geschichte Ägyptens und des Tourismus einging. Sechs mit Schnellfeuergewehren und Messern bewaffnete Männer kamen in den Tempel der Königin Hatschepsut gestürmt. Viele Besucher begingen den verhängnisvollen Fehler, flüchteten in den Tempel. Damit saßen sie in der Falle. Über eine dreiviertel Stunde lang schossen die Attentäter wild um sich, exekutierten auch die am Boden liegenden Verletzten. Neben den Tätern kamen 62 Menschen ums Leben, darunter 35 Schweizer, vier Deutsche, Japaner, Briten, Franzosen, ein Kolumbianer, drei ägyptische Polizisten und ein Reiseführer.


„Der Markt war jahrelang tot“

Zehn Jahre später erinnert nichts mehr an den Anschlag. Friedlich streifen hunderte Besucher durch den Säulenhof des Tempels und lassen sich von den Reiseführern das Relief von Hatschepsuts Expedition ins Weihrauchland des Punt im heutigen Somalia erklären. Um die 4000 Menschen besuchen die Tempelanlage der schwer auszusprechenden ägyptischen Königin täglich. „Für uns spielt das Massaker von damals keine große Rolle mehr“, meint Peter Kahlert, ein Unternehmensberater aus Dresden. Irgendwie sei man im Vergleich zu der Zeit vor zehn Jahren durch die Attentate vom 11.September, Madrid oder London auch ein wenig abgestumpft, glaubt er. „Man sagt sich, das kann überall und zu jeder Zeit passieren, also was soll's“, meint er.

In Folge des Luxor-Anschlages war der Tourismus in Ägypten vollkommen zusammengebrochen. Die Zahl der Touristen ging in den folgenden zwei Jahren fast gegen null. Doch das ist lange her. Am Ende hat die Attraktivität der weltweit einzigartigen altägyptischen Baudenkmäler die Angst besiegt. Heuer erwartet Ägypten einen Besucherrekord von zehn Millionen Touristen.

Im Bazar von Luxor wird wieder gefeilscht und gehandelt. „Ich bin Mr. Billig“, versucht ein Händler eine Reisende in seinen Laden zu locken. Der christliche Teppichhändler Badr Michail sitzt inmitten seiner Boden- und Wandbedeckungen in allen Größen und Farben. „Aladins Höhle“ hat er seinen mehrstöckigen Laden getauft. Stolz zeigt er die Fotos, die ihm Kunden aus aller Welt geschickt haben, mit seinen Teppichen auf spanischen Hauswänden oder japanischen Böden. An das Luxor-Attentat erinnert er sich mit Schrecken – „damals, als der Markt jahrelang praktisch tot war“.

Auch für die militanten Islamisten stellte das Attentat einen Wendepunkt dar. Seit Anfang der 90er-Jahre lieferten sich die militante Gruppe „Gamaa Islamiya“ und die ägyptische Jihad-Bewegung im südlichen Oberägypten einen Abnutzungskrieg mit dem Staat, den sie als „unislamisch“ brandmarkten. Über 1200 Menschen fielen diesem Krieg zum Opfer. Zehntausende saßen im Gefängnis. Mit den Anschlägen auf Touristen wollte die Gamaa den Staat an seiner Achillesferse, dem Tourismus treffen, doch in einem Land, in dem jeder zehnte Arbeitsplatz vom Tourismus abhängt, hatten sie sich ein Eigentor geschossen.


Wende für die Islamisten

Schon zuvor war unter den Militanten heftig diskutiert worden, ob Anschläge auf Touristen noch ein probates Mittel seien, ihre Vorstellungen durchzusetzen. Im Juli 1997 hatte die im Gefängnis einsitzende alte Gamaa-Führung eine „Initiative zur Gewaltfreiheit“ gestartet, mit der sie anbot, die Waffen niederzulegen. Doch die ins Ausland geflüchteten Kader der Militanten, wie Aiman Zawhiri, der sich später als rechte Hand Bin Ladens einen Namen machte, aber auch der in Afghanistan lebende militärische Kopf der Gamaa, Rifai Ahmad Taha, hatten sich damals offen gegen die Waffenstillstandsinitiative ausgesprochen. Ägyptische Sicherheitskreise gehen bis heute davon aus, dass der Befehl für den Anschlag in Luxor von Ahmad Taha aus Afghanistan kam. Es dauerte auch noch, bis Ägyptens militante Islamisten hinter dem Waffenstillstand standen. Jene Radikalen, die sich nicht anschlossen, trugen, wie Ayman Zawahiri, ihren heiligen Krieg in die Welt hinaus, gegen den „fernen Feind“ Amerika.

„Es war ein großer Fehler, dass Unschuldige in unserem Kampf mit dem Regime umgekommen sind“, sagt Kamal Habib. Er gehört mit dem heutigen al-Qaida-Chefideologen Zawahiri zu den Gründern der ägyptischen Jihad-Bewegung. Anders als Zawahiri hat er der Gewalt inzwischen abgeschworen. „Mit Anschlägen wie in Luxor hatten sich die radikalen Islamisten in ihrer eigenen Gesellschaft völlig isoliert“, glaubt er heute und fügt hinzu: „Seiner eigenen Gesellschaft den Krieg zu erklären – das war ein Projekt, das einfach scheitern musste.“

ZEHN JAHRE DANACH. Luxor

Am 17. November 1997 wurden bei einem Attentat in Luxor 62 Menschen, davon 58 überwiegend aus der Schweiz und Japan stammende Touristen, getötet. Zu der Tat bekannte sich die Gruppe Gamaa Islamiya. Mittlerweile boomt der Tourismus wieder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2007)

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