Japan: Schenken als kniffliges Gesellschaftsspiel

Messer und Brieföffner bringen Unglück – ohnehin hat nichts Wert, was nicht kunstvoll eingepackt wird.

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EPA (Tsukase Sogabe)

TOKIO. Japaner pflegen besonders zu festlichen Anlässen eine Etikette, die Ausländer oft als Freude am Zelebrieren verwickelter Umgangsformen empfinden. Die Geschenksaison zum Jahresende gehört unbedingt zu diesen kniffligen Gesellschaftsspielen. So darf man in Japan ohne böse Absicht nie ein Messer, eine Schere oder einen auch noch so wertvollen Brieföffner verschenken. Der Betroffene würde eine solche Gabe als deutliches Signal für die Trennung freundschaftlicher Bande verstehen.

Äußerste Vorsicht ist bei Mitbringseln geboten, die aus mehreren Einzelteilen bestehen. Sie sollten nur in ungerader Anzahl überreicht werden, also bei einem Teeservice statt vier oder sechs Bechern oder Tassen fünf, wie es in Japan ohnehin handelsüblich ist. Nach japanischem Aberglauben verkörpern ungerade Zahlen die positiven Kräfte des Universums und bringen damit Glück.

In eine tiefe Sinnkrise wird jeder Japaner stürzen, wenn ihm ein Präsent überreicht wird, das in irgendeiner Form eine 16-blättrige Chrysantheme enthält. Sie ist Teil des kaiserlichen Familienwappens und damit für die Normalsterblichen tabu.

Ansonsten beschenken einander Japaner sehr freigiebig und oft feinsinnig. Die wichtigste Saison für gegenseitige Aufmerksamkeiten ist neben dem Mittsommer traditionell das Jahresende mit dem O-seibo, bei dem als Zeichen der Dankbarkeit für Treue, erwiesene Dienste und Gefälligkeiten massenweise Waren versendet werden. Da werden Geschäftspartner, Vorgesetzte, Lehrer, Ärzte, Wohltäter, Freunde und alle anderen bedacht, denen sich der Absender verpflichtet fühlt. Oftmals wechseln in dieser Hochsaison des gegenseitigen Nehmens und Gebens sehr praktische Dinge wie Delikatessen, Edelobst und teure Alkoholika die Besitzer.


Auch Geld ist sehr willkommen

Die Hauptsache bei allem Schenken aber ist, es sieht schön aus. Japaner sind regelrechte Verpackungsfetischisten. Nichts hat Wert, was nicht edel umhüllt ist. Der ästhetische Anblick und die kunstvolle Schachtel sind fast genauso so wichtig wie der Inhalt. Aber auch beim äußeren Anschein lauern böse Fallen. Bitte nichts in schwarzes Geschenkpapier einpacken und schon gar nicht in knallbuntes. Das würde den feinen Geschmack beleidigen.

Die ausgeprägte Schenk-Kultur in Japan verlangt selbstredend nach einer besonderen verbalen Form. Das Präsent wird üblicherweise mit den Worten übergeben: „Es ist wertlos, nehmen Sie es aber bitte trotzdem an!“ Der Beschenkte legt das Mitbringsel scheinbar achtlos beiseite. Es sollte bitte nicht geöffnet werden. Es würde von Habgier zeugen, würde man das Papier aufreißen und nachschauen, was drin ist. Zuweilen werden die verpackten Geschenke tatsächlich gleich an andere weitergereicht. Das gilt als nicht weiter schlimm, die Geste des Gebens und Nehmens zählt.

Wer das alles bedenkt, muss nur noch darauf achten, dass die Geschenke nicht zu üppig ausfallen. Große Gaben sind unhöflich, sie bringen andere in Verlegenheit und könnten Schuldgefühle auslösen. Geld dagegen ist meist sehr willkommen und bei Hochzeiten und zu Neujahr sogar die Norm. Allerdings gilt auch hier, die komplizierten Regeln japanischer Formen zu beherrschen. Banknoten werden nur in angemessenen Umschlägen aus weißem Reispapier überreicht, die mit edlen Papierbändern verschnürt sind.


Wie du mir, so ich dir

Die reine Freude ist das aber nicht immer. Die Gastgeber schauen oft heimlich in alle Kuverts, um sich mit exakt derselben Summe beim nächsten Gegenbesuch zu revanchieren. Rein finanziell gesehen, könnte man sich diesen Brauch eigentlich auch gleich schenken.

WISSEN

Tabus beim Schenken in Japan: Weiße Taschentücher weisen auf Trauer hin. Blumen überreicht man nur zu Genesungswünschen oder bei Beerdigungen. Scheren und Messer weisen auf Trennung der freundschaftlichen Bande hin. Von Abbildungen mit Füchsen sollte man lieber die Finger lassen, denn sie stehen für Hinterhältigkeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2007)

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