Vom japanischen Gusto auf Walfleisch

Das Recht auf Walfleisch wollen sich die Japaner nicht verderben lassen.

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AP (KOJI SASAHARA)

Tokio. Auch heftigste Proteste können den Japaner den Kulturkampf um ihr „Recht“ auf Walfleisch nicht verderben. Die weltweite Kritik prallt am nationalen Eigensinn wirkungslos ab. Wenn trotzdem weniger Moby Dick auf den Tisch kommt, liegt es daran, dass der Wal auch den Japanern eigentlich gar nicht schmeckt.

Ein japanischer Büro-Lunch muss billig und nahrhaft sein, vor allem aber schnell gehen, denn die 30 Minuten Mittagspause sind kurz. Wie wäre es also mit einem Curry aus Walfleisch, das „Asia Lunch“, eine der großen Tokioter Imbiss-Ketten, seit Jahresbeginn einmal pro Woche anbietet? „Es spricht junge Frauen an, weil es mit hohem Proteingehalt und geringem Fettanteil gesund ist“, bewirbt ohne jede Scheu deren Sprecherin Yuka Yamaguchi das neue Gericht. „Und die Männer stehen auf den hohen Anteil Eisen – also genau die richtige Mahlzeit für den harten Bürotag.“

Und woher hat Asia Lunch derartige Mengen Wal-Curry? „Alles ganz legal“, versichert Yamaguchi, „das Fleisch stammt ganz offiziell aus dem Forschungsprogramm der Regierung.“ Diese beteuert zwar, dass sie Wale – in dieser Saison sogar die seltenen Buckelwale – lediglich zu „rein wissenschaftlichen Zwecken“ abschießen lässt, aber so eng wird die Waljagd trotz internationaler Proteste nicht ausgelegt. Angeboten wurde das Rohfleisch der Imbiss-Kette durch den Fischgroßhändler Whale Labo. Das Agrarministerium wollte angeblich nicht, dass Walfleisch so einfach verdirbt und weggeworfen wird.


Für die breite Masse

Moby Dick als Imbiss-Fastfood für die breite Masse – das ist eine neue Facette des schwer verständlichen Kults, den Japaner fast wie im Trotz mit dem Fleisch der Meeressäuger betreiben. Bisher wurde das „wissenschaftliche Walfleisch“ eher in Spezialitäten-Restaurants aufgetischt, nicht weniger exotisch als Haiflossen-Suppe oder schwangere Muschel. Eines davon ist das Restaurant „Taruichi“ im Tokioter Nightlife-Distrikt Shinjuku. Das umfangreiche Menü wird hier nicht einmal mit Fantasienamen getarnt: Walgehirn mit Schnittlauch und Ingwer als Vorspeise, anschließend Suppe mit Walspeck, als Hauptgericht wahlweise Walzunge mit Paprikaschoten oder Schaschlik aus Walfleisch.

Selbst zum Dessert wird Moby Dick ausgeschlachtet: Man serviert Walhirnsorbet. Viele Japaner mittleren oder älteren Semesters finden hier, was sie als ausgesprochene Delikatesse mögen.


Kulinarischer Imperialismus

Im Restaurant Taruichi sieht man in jeder Kritik am japanischen Walfang sogar einen Angriff von „kulinarischen Imperialisten“ auf die nationale Freiheit, schimpft der Besitzer Takashi Sato. „Japanern vorzuschreiben, sie sollten kein Walfleisch essen, ist wie den Briten ihren Nachmittagstee zu verbieten oder den Franzosen ihre Paté.“

Die meisten Japaner lässt solcher Eifer aber kalt. Dass Walfleisch auch im fernöstlichen Inselreich weit davon entfernt ist, unverzichtbares Grundnahrungsmittel zu sein, beweisen die staatlichen Kühlhäuser. Glaubt man kritischen Zeitungen, lagern dort seit Jahren bis zu 4000 Tonnen von unverkäuflichem Walfleisch. Eine staatlich geförderte Aktion, das Fleisch als subventionierte Speise in Kindergärten, Spitälern und Altersheimen zu servieren, stieß auf wenig Gegenliebe.

Eine von Greenpeace veranlasste Umfrage unter Japanern soll ergeben haben, dass 82 Prozent der Erwachsenen noch nie Wal gegessen und darauf auch keinen gesteigerten Appetit haben. Wie gering das Interesse an dem Thema ist, zeigt auch, dass vier vor zehn Befragten von dem Problem Walfang und internationalen Proteste noch nie etwas gehört hatten.

WALFANG. Kommerz nein, Wissenschaft ja

Bereits 1986 hat sich die Internationalen Walfangkommission (IWC) auf ein Moratorium gegen den kommerziellen Walfang geeinigt. Walfangnationen wie Japan nutzen aber ein Schlupfloch, das den Fang für wissenschaftliche Zwecke erlaubt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2008)

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