Serbien/Rumänien: Hitlers Flotte als Hindernis für Donau-Schifffahrt

Wracks der 1944 versenkten deutschen Schwarzmeer-Flottille sollen geborgen werden. Schuld daran ist einmal mehr der Klimawandel.

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(c) Reuters (Goran Sivacki)

Prahovo. Eine starke Brise vom rumänischen Ufer lässt die Donau schäumend kräuseln. Hart biegen sich am serbischen Gestade bei Fluss-Kilometer 857 die aufgepflanzten Angelruten im Wind. In Wohnwagen und Zelten haben die Angler unterhalb der Staumauer des Wasserkraftwerks Djerdab 2 ihr Sommerquartier bezogen.

In den letzten Sommern seien die „deutschen Schiffe“ stets zu sehen gewesen, doch heuer sei der Wasserpegel relativ hoch, erzählt im Donau-Dorf Prahovo ein braun gebrannter Angler. Deutsche Schiffe? Mit der Rechten weist der Mann auf eine dunkle Erhebung in der Flussmitte – die Spitze eines versenkten Kriegsschiffs: „Wenn der Wasserstand nur noch ein wenig sinkt, werden hier mindestens drei oder vier Wracks freigelegt.“

Hastig hatte die deutsche Marine Mitte 1944 den Rückzug ihrer Schiffe aus dem Schwarzen Meer und der unteren Donau angeordnet. Im August knackte die Rote Armee die deutsch-rumänische Front in Bessarabien und beendete den Krieg am Schwarzmeer; der einstige Alliierte Rumänien wechselte zudem ins Lager der Sowjets.

Der deutsche Admiral Paul Willy Zieb sollte den Konvoi von über 200 Kriegsschiffen (durchwegs kleine Einheiten wie Schnellboote, Minenleger, U-Boot-Jäger und Artillerie-Träger) und Frachtkähne mit rund 8000 Soldaten und Zivilisten vor den anrückenden Russen über die Donau zurückführen. Doch die Flucht endete vorzeitig – auf dem Flussgrund bei Prahovo.

 

Marine floh zu Fuß

Drei Wochen lag die Flotte dort fest. Eine Flussinsel und unzugängliche Sümpfe am rumänischen Ufer schützten die am serbischen Ufer dümpelnden Boote vor Bodenangriffen; doch als vier Durchbruchsversuche durch die Flussenge am Eisernen Tor gescheitert waren, sprengten die Deutschen am 21.September 1944 die Schiffe und flohen über Land weiter.

In Zickzack-Linien quer durch den Fluss sind die Liegeplätze der zum Teil übereinander versenkten Wracks auf den Plänen von Roberto Zanetti eingezeichnet. Die Deutschen hätten durch das Leckschlagen der Maschinenräume nicht nur die Schiffe unbrauchbar gemacht, sondern mit deren Versenkung über mehrere Kilometer die Fahrrinne blockieren und den Vormarsch der Russen abbremsen wollen, erläutert der Wasserbau-Experte des niederländischen Ingenieur-Büros Witteveen-Bos.

Finanziert von der EU und im Auftrag der serbischen Regierung haben die Niederländer einen Aktionsplan zur Unterstützung der darnieder liegenden Binnenschifffahrt des Landes ausgearbeitet – und als einen der Engpässe den Flussabschnitt bei Prahovo ausgemacht. Eigentlich seien die Wracks ein „altes Problem“, so Zanetti: Allerdings habe es sich durch den Klimawandel merklich verschärft. Der Flusspegel sei bei Trockenheit wesentlich niedriger als früher: „Im Sommer haben größere Schubkonvois in der engen Fahrrinne kaum Manövrierraum.“

 

Zeitverlust bis zu drei Tage

Bis zu neun Schubleichter zählen große Fracht-Konvois. Normalerweise können diese komplett durch die Schleusen der Djerdap-Kraftwerke gehievt werden. Doch wegen der Wracks müssen sie bei Niedrigwasser entkoppelt und in mehreren Teilen oder gar einzeln durch die Schleuse gelotst werden. Den Zeitverlust durch die riskanten Manöver beziffert der Ingenieur auf bis zu drei Tage.

Im Süden des Kraftwerks müssten zumindest 22 Wracks geborgen werden, um den Flaschenhals zu entschärfen. Schon seit mehr als einem Jahr liegen klare Bergungspläne der EU-Kommission und Serbiens Regierung zur Ausschreibung vor. Auf gut 23 Mio. Euro taxiert Zanetti die Kosten. Nicht nur die vielen Wahlen in Serbien, sondern auch die ungeklärte Finanzierungsfrage haben die Räumung der Wracks verzögert.

„Egal, wer finanziert“, sagt Zanetti, „der Klima-Wandel lässt keine Wahl. Irgendwann steht man mit dem Rücken zur Wand – und wird die Schiffe bergen müssen.“

AUF EINEN BLICK

Abgewrackt. Seit Ende 1944 ruhen die Reste der deutschen Schwarzmeer-Flottille, die sich selbst versenkte, auf serbischem Donau-Grund. Der Klimawandel und stets niedrigere Wasserpegel machen die Wracks im Sommer für die Binnenschiffer zum lästigen Hindernis. Pläne zu ihrer Bergung sind zwar ausgearbeitet, doch die Finanzierung ist noch immer ungewiss. Die Kosten werden mit 23 Millionen Euro beziffert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2008)

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