Die Apokalypse der Jesiden

Die Jesiden im Nordirak fürchten um ihre historische Existenz. Die selbst ernannten Gotteskrieger des Islamischen Staats wollen die religiöse Minderheit auslöschen.

THEMENBILD: FLUeCHTLINGE IM NORDIRAK: JESIDEN IN IHRER UNTERKUNFT IN ERBIL
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Themenbild: Jesiden im Nordirak – APA/ROBERT JAEGER

Lange schweigt Baba Gawis. Seine Stirn ist tief gefurcht, der Mund unter dem dichten, schwarzen Bart fast unsichtbar. Auf dem Kopf trägt der hoch gewachsene Mann einen beigen Turban, der aus einem Wollband gewickelt ist und ihn als jesidischen Geistlichen ausweist. „Wir Überlebenden sind genauso tot wie die Ermordeten“, murmelt er plötzlich unvermittelt. „So ein Leben brauchen wir nicht. Dann ist es besser, gleich mitzusterben.“ Dabei ist es eigentlich die Aufgabe eines religiösen Oberhauptes, seine Mitgläubigen in der Not aufzurichten und zu trösten.

Doch Baba Gawis, Wächter des jesidischen Heiligtums in Lalisch, hat keine Kraft mehr. Er fühlt sich nach den Massakern des Islamischen Staates wie jemand, der bei lebendigem Leibe den historischen Untergang seines Volkes und seiner Jahrhunderte alten Religion mitansehen muss. Besucher empfängt der fromme Mann in einem winzigen Zimmer mit Steinfototapete, abgewetztem Ecksofa und schlecht abgedichtetem Fenster. „Wo gibt es im Leben noch Platz für uns?“, sinniert er, bevor er seine Nerven mit einer hastig gerauchten Slim-Zigarette beruhigt. 73 Mal in ihrer Geschichte seien die Jesiden verfolgt und massakriert worden, rechnet er vor. Doch so ein Inferno wie Daesh, wie hier alle abfällig die Terrormiliz des „Islamischen Kalifats“ titulieren, habe sich niemand vorstellen können. 2000 bis 3000 Männer wurden auf der Stelle erschossen, über 5000 Frauen und Kinder aus ihren Dörfern nach Mosul verschleppt und als Sexsklavinnen missbraucht – ein Kriegsverbrechen, das der Minderheit ihren Überlebenswillen und ihr moralisches Rückgrat brechen soll.

Seit jenem Schicksalstag, dem 3. August 2014, als die IS-Gotteskrieger zum ersten Mal mit ihren Jeeps in die jesidischen Dörfer der Sindjar-Ebene einfielen, ist Baba Gawis rund um die Uhr für seine verzweifelten Besucher da. Lalisch, das etwa 60 Kilometer von Dohuk entfernt liegt, ist ihr Heiligtum und Pilgerzentrum. Vor der Apokalypse kamen jedes Jahr Zehntausende die schmale Straße hinauf, die sich durch das für den kurdischen Nordirak typische Karstgebirge schlängelt. Jetzt ist die kleine Anlage mit ihren drei gerippten Spitztürmen praktisch menschenleer. Nur eine Handvoll junger Männer kümmert sich um die 366 Olivenölkerzen auf dem Gelände, die das ganze Jahr rund um die Uhr als ewige Lichter brennen. Mehr als die Hälfte der 800.000 irakischen Jesiden hat alles verloren. Allein in der Region um die Stadt Dohuk, wo normalerweise 1,3 Millionen Menschen wohnen, sind 750.000 Flüchtlinge gestrandet, darunter auch 250.000 Syrer und zehntausende irakische Christen. Überall in den Ortschaften und entlang der Straßen sieht man Zeltlager oder provisorische Hütten, erkennbar an den blauen Plastikplanen gegen den Regen.

In dem Dorf Baadre hat sich die Zahl der Familien von 1300 auf 2650 verdoppelt. Die meisten Vertriebenen hausen in Rohbauten ohne Fenster, Garagen oder feuchten Kellern. Viele hier quälen sich mit Gedanken an ihre verschollenen Angehörigen, wie die 31-jährige Wasira Hamu, die sich mit ihren drei kleinen Kindern retten konnte. Ihre Wolldecken liegen makellos gefaltet auf einer Holzpalette, ein Brett auf zwei Steinen dient als Kochstelle. Sechs ihrer Brüder wurden von den Jihadisten gekidnappt, von Vater, Mutter und einer Schwester fehlt ebenfalls jede Spur. An manchen Tagen gehe es einigermaßen, sagt sie, dann werde sie wieder von Angst geschüttelt, so an dem Morgen, als Meldungen die Runde machten, der Islamische Staat habe nahe der Stadt Tal Afar 300 ältere jesidische Geiseln hingerichtet.

1500 jesidische Frauen und Kinder sind inzwischen aus den IS-Gebieten zurückgekommen. Einige Geiseln konnten mithilfe kurdischer Geheimdienstler fliehen, andere wurden von Verwandten freigekauft, wie vor einer Woche Basma Sharaf, für die ihr tunesischer Besitzer in der syrischen Stadt Tabka 10.000 Dollar verlangte. Zuvor hatte sie in Mosul als Sklavin bei einer eingesessenen arabischen Familie schuften müssen. Von der Mutter und ihren drei Töchtern wurde sie ständig misshandelt. Ihre Rippen schmerzen noch heute von dem Sturz, als ihre Peinigerinnen sie die Treppe hinunterstießen. Und der Sohn der Familie sei unverheiratet gewesen. „Für eine vergewaltigte Frau ist das Leben die Hölle“, sagt die 34-Jährige, die am 15. August zusammen mit ihren beiden jüngeren Schwestern Faiza und Vian verschleppt wurde. „Wir können nicht mehr lachen. Wir sind nicht mehr wie normale Menschen und müssen ständig daran denken, was uns zugestoßen ist.“ Vater und Mutter sowie einer ihrer vier Brüder werden immer noch vermisst.

Im Flüchtlingslager Gali Zakho, wo unweit der Grenze zu Syrien 13.000Menschen in 3000 Wohncontainern leben, kümmert sich ein Krisenteam der deutschen Organisation Wadi um verstörte Rückkehrerinnen wie Basma. Die jesidischen Mitarbeiterinnen kennen die strikten Traditionen der Kultur. Sie wissen, dass sich viele junge Frauen niemandem anvertrauen können und vor ihrer Familie voller Scham verbergen, was sie durchgemacht haben. So besorgen sie ihnen heimlich Schwangerschaftstests oder vermitteln eine Abtreibung im Krankenhaus. Manchmal werden die Helferinnen mitten in der Nacht gerufen, weil sich eine der Gepeinigten die Pulsadern aufschneiden will.

Von ihren Erinnerungen geplagt wird auch Faiza, die jüngste der drei entführten Schwestern Sharaf. Nachts mache sie kein Auge zu, wirbelten Bilder davon durch ihren Kopf, „was die mit uns gemacht haben“. In Mosul seien jeden Abend bärtige IS-Kämpfer, aber auch Männer aus Syrien oder Saudiarabien in Zivilanzügen in das Gebäude gekommen und hätten sich unter den gefangenen Frauen die hübschesten ausgesucht. Die 17-Jährige wurde – wie ihre Bewacher zynisch deklamierten – reserviert für den IS-Emir. Ihr erster Fluchtversuch misslang, weil ihr früherer Gymnasiallehrer unter dem Vorwand, ihr zu helfen, sie wieder an die Terrormiliz auslieferte. Nach drei Monaten Albtraum konnte sie schließlich mithilfe kurdischer Schleuser entkommen – verkleidet mit einer schwarzen Abaya. „Wenn ich nur irgendwie könnte, ich würde nicht einen Tag länger in diesem Land bleiben“, sagt sie.

So wie die mittlere Schwester der beiden, Vian, die inzwischen in Deutschland ist, aufgenommen in ein spezielles Therapieprogramm für schwer traumatisierte jesidische und christliche Frauen. „Die Familien sind völlig überfordert. Viele der sexuell misshandelten Frauen sind akut selbstmordgefährdet“, sagt der Psychologe Jan Ilhan Kizilhan, der im Auftrag Stuttgarts die Opfer in den nordirakischen Lagern aufsucht.

Wie tief deren Wunden sind, erlebten die deutschen Helfer, als sie Ende März per Linienflug die ersten 23 Frauen mit nach Deutschland nehmen wollten. Beim Umsteigen in Istanbul kreuzten sich deren Wege zufällig mit einer Gruppe Mekka-Pilger mit den üblichen Bärten und langen Gewändern. Durch den Anblick der islamischen Frommen gerieten die jesidischen Frauen derart in Panik, dass ihnen die deutschen Begleiter schließlich ein Beruhigungsmittel geben mussten. Dann erst waren sie in der Lage, den Flug nach Stuttgart fortzusetzen.

Fakten

Das Jesidentum ist eine uralte monotheistische Religion, die vor allem im Irak, in Syrien und der Türkei verbreitet ist. Zum Jesidentum kann man nicht konvertieren. Jeside ist man nur, wenn beide Eltern Jesiden sind. Im Vergleich zu anderen Religionen gibt es keinen Teufel, weil Gott der absolute Schöpfer ist.

Weltweit gibt es etwa eine Million Jesiden. Sie waren immer schwerer Verfolgung ausgesetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2015)

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