Mexiko: Leere Fußballstadien, volle Spitäler

Das Schweinegrippe-Virus breitet sich in Mexiko-Stadt rasant aus und stürzt die Metropole ins Chaos. Schulen, Museen, Stadien blieben geschlossen, die Krankenhäuser sind überfordert.

A health worker stands by ready to ask incoming passengers to remove any head gear prior to temperatu
Schließen
A health worker stands by ready to ask incoming passengers to remove any head gear prior to temperatu
(c) AP (Vincent Yu)

Sie sind blau, aus Zellstoff, und federleicht, eigentlich ein billiges Wegwerfprodukt. Und doch sind die Gesichtsmasken für die Einwohner von Mexiko-Stadt der einzige Schutz gegen das unheimliche Grippevirus, das allein zwischen Donnerstag- und Samstagabend im ganzen Land 1300 Menschen befiel und 81 Todesopfer forderte. Soldaten verteilten in der Metropole vier Millionen Stück Mundschutz. Apotheken und Drogerien waren bereits am Freitag ausverkauft.

Am Donnerstagabend wurde in Mexiko die Schließung von Schulen verkündet, nachdem die US-Regierung vor einem möglichen Ausbruch der Schweinegrippe gewarnt hatte. Am Samstag rief Präsident Felipe Calderón den Notstand aus. Nun bleiben alle Schulen bis auf weiteres geschlossen, ebenso die Museen. Allein in der Hauptstadt wurden 500 Veranstaltungen abgesagt, die Fußballspiele fanden vor leeren Rängen statt.

Sogar die Sonntagsmessen waren betroffen. Auch wenn das Episkopat die Kirchen nicht vollkommen verschließen wollte, empfahl es den Priestern, ihre Gottesdienste kurz zu halten und bei der Kommunion die Hostien den Gläubigen in die Hand, nicht direkt in den Mund zu geben. Außerdem forderte die Kirchenleitung die Menschen auf, die Messe doch lieber im Radio zu verfolgen.

 

Ausgestorbene Hauptstadt

17 von den 32 Staaten Mexikos hatten am Samstagabend bereits Grippefälle gemeldet. Es gibt Kranke im Norden, an der US-Grenze, über die das Virus womöglich ins Land gekommen sein könnte, so lautet eine in Mexikos Medien verbreitete Theorie.

Es gibt sie im Süden, an der Grenze zu Guatemala, das am Samstag, wie auch Panama, El Salvador und Nicaragua den Alarmzustand ausgerufen hat. Aber die meisten Fälle registriert der Distrito Federal, wie die Mexikaner ihre Hauptstadt nennen.

20 Mio. Menschen leben in der stetig wachsenden Metropole, die normalerweise am Wochenende brummt. Die Leute strömen in Shoppingcenter, in Parks und auf Flohmärkte. Doch diesen Samstag war die Stadt wie leergefegt. Selbst der Prachtboulevard Reforma blieb weitgehend menschenleer. Viele verbrachten das Wochenende daheim oder flohen aufs Land.

Auf dem internationalen Flughafen Benito Juarez versuchen hunderte Ärzte und Sanitäter, schon beim Check-in Kranke zu erkennen und diese von einer Reise abzuhalten. Lautsprecherdurchsagen auf Spanisch und Englisch fordern alle Reisenden auf, falls sie auch nur leichte Symptome einer Grippe zeigen, zum Arzt zu gehen.

Das versuchen inzwischen so viele Menschen, dass die Spitäler nicht mehr nachkommen. Vor dem allgemeinen Klinikum im 32.Bezirk warten Dutzende Angehörige auf Nachrichten über ihre internierten Verwandten. Eine Frau erzählt, dass ihre 22-jährige Tochter am Freitagabend krank von ihrer Arbeit am Flughafen zurückgekehrt sei, mit Fieber, Husten, Kopf- und Gliederschmerzen. Dass sie am Samstagmorgen eingeliefert und isoliert wurde und dass die Ärzte noch nicht wissen, ob es tatsächlich jenes mysteriöse Virus ist, das erstaunlicherweise viele junge und bisher gesunde Menschen umbrachte. Niemand weiß, ob dieses Spital für eine Epidemie überhaupt eingerichtet ist.

 

„Wir haben Anti-Virenmittel“

Die Antwort gab der Präsident: „Grippe ist heilbar“, sagte Calderón, passenderweise anlässlich einer vom nationalen Fernsehen übertragenen Einweihung eines Spitals im Staat Oaxaca. „Die Zentralregierung verfügt über genügend Antivirenmittel, um dieser Epidemie entgegenzutreten.“ Der Mandatar verzichtete ostentativ darauf, dem Klinikdirektor die Hand zu schütteln, auch die üblichen Busserl mit den Damen fielen diesmal aus. Gesundheitsminister José Ángel Córdova schätzte einstweilen, dass die schlimmste Grippewelle innerhalb von zehn Tagen ausgestanden sein müsste.

 

Kritisch wird's zu Wochenbeginn

Die Regierung versucht zu beruhigen. Das funktioniert bisher. Doch die große Sorge ist der Wochenanfang. Wenn das Arbeitsleben wieder beginnt, wird der Verkehr wieder anschwellen, werden sich Millionen Menschen in die U-Bahn-Züge quetschen, werden Taco-Stände auf der Straße ihre billige und beliebte Zwischenmahlzeit anbieten – ohne Möglichkeiten zum Händewaschen.

Wenn die Zahl der Infektionen Anfang kommender Woche weiter rasch steigt, müsste die Regierung noch viel härter zulangen. „Die müssten das ganze Land lahmlegen“, sagt eine Notärztin in Mexikos In-Viertel La Condesa.

Doch das wird Präsident Calderón nach Möglichkeit zu vermeiden suchen. Denn Mexiko hat auch ohne Schweinegrippe schon genug Probleme.

AUF EINEN BLICK

Influenza ist ein Virus, das in immer neuen Varianten in Geflügel und/oder Schweinen entsteht und auf Menschen kommen kann. Diese Varianten unterscheiden sich durch Hüllproteine, Hämagglutinin (H) und Neuraminidase (N). Von ihnen kommen die Namen der Typen, die jetzige etwa ist H1N1.

Pandemien können ausbrechen, wenn ganz neue Viren-Typen entstehen. Die bisher schlimmste – eine vom Typ H1N1 – tötete 1918 bis zu 50 Millionen Menschen. 1957 kam eine weitere mit zwei Millionen Opfern, 1968 wieder eine mit einer Million. Seitdem fürchtet man die nächste – irgendwann kommt sie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2009)

Kommentar zu Artikel:

Mexiko: Leere Fußballstadien, volle Spitäler

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen