Wo das zweite Leben beginnt

Eine halbe Million Menschen sind heuer nach Europa geflüchtet. Wie genau sieht der gefährliche Weg aus? Die „Presse am Sonntag“ hat mehrere Flüchtlinge begleitet.

Schließen
Der irakische Arzt Mustafa J. mit den beiden Kindern Rayan und Razan in ihrem neuen Zuhause in Wien-Penzing: „Ein Tag und mein ganzes altes Leben war zerstört.“ – Die Presse

Das Styropor ist so sperrig, dass der junge Mann die Platten nur mühselig zusammenfalten kann. Dann nimmt er den Karton auseinander, zerknüllt die permanent an der Haut kleben bleibende, dünne Plastikfolie, und nachdem er die Verpackung endlich zerstückelt hat, schiebt er den Deckel des Mistkübels nach hinten und will mit einer ausladenden Bewegung den unförmigen Haufen loswerden, aber die Frau ist schneller. „Nicht dort hinein!“, ruft sie. Die Handbewegung des Flüchtlings erfriert, große Fragezeichen über seinem Kopf. Die Frau, eine ältere Dame mit fröhlichem Gemüt, eilt zu ihm und klärt auf. Papier: dort. Plastik: hier. Styropor: da hinten, wird extra gesammelt. Er nickt ein bisschen, gibt zu verstehen, dass er verstanden hat.

In der neuen Containersiedlung in Weibern im Hausruckviertel hängt ein leichter Geruch von frischem Lack in der Luft. Die Flüchtlinge sind eben erst angekommen, mehrere Helfer haben hausgemachten Marillenkuchen serviert, dann sind alle in ihre Zimmer gegangen. Die Sonne scheint. Ein guter Tag, um Österreich und die Mülltrennung kennenzulernen. Nach der spontanen Umweltkunde müssen beide, Helferin und Flüchtling, selbst ein bisschen lachen. Und in diesen Frieden platzt Ali al-Jaderi deswegen hinein, weil er Unterlagen braucht. Er springt von einem Container in den nächsten, kramt herum, und verschwindet wieder im ersten Raum – der Küche –, wo er mit seiner Frau und der Sozialarbeiterin Formulare ausfüllt. Später, nachdem der Papierkram erledigt ist, wird sich al-Jaderi auf eine Stufe vor dem Container setzen und sagen: „Ich weiß nicht, wann ich sterben werde. Aber wenn ich fünf, zehn, zwanzig Jahre hier in Frieden leben kann, dann bin ich zufrieden.“ Für Ali al-Jaderi, 48, Flüchtling aus Irak, ist Weibern zum Ziel geworden. Er ist einer von rund 10.000 Asylwerbern, die allein im September einen Antrag in Österreich gestellt haben, und einer von etwa einer halben Million Flüchtlingen, die in diesem Jahr nach Europa geflohen sind. Die „Presse am Sonntag“ hat einige von ihnen begleitet und ihre Fluchtroute erzählen lassen.

Etwa zur gleichen Zeit, als al-Jaderi seine Koffer auspackt, steht in weißen Klettverschlussschuhen Mustafa J., ein irakischer Arzt, vor dem Personalwohnhaus der Wiener Gebietskrankenkasse in einer beschaulichen Siedlung in Wien-Penzing. Hier findet also sein zweites Leben statt. Viel mehr Kontrast zum lärmenden Bagdad geht nicht. Nur das Gelächter und Gequietsche der Kleinen durchbricht die Stille: vom Kindergarten im Erdgeschoß des Wohnheims. Mustafa sieht trotz Dreitagebarts jünger aus, viel jünger als vor drei Wochen, als er sich mit Frau und zwei Töchtern durch das ungarisch-österreichische Niemandsland schleppte – und dann die wichtigste Entscheidung seines zweiten Lebens traf: Austria statt Germany, Wien-Penzing statt Dortmund. Irgendwann will der 29-Jährige im Hanusch-Krankenhaus arbeiten.

Ein Brief. Einen Augenblick lang verlässt Mustafa seine positive Stimmung. „Ein Tag, und das ganze alte Leben war zerstört.“ Es war der 8. August 2015. Der Spezialist für die sogenannte Krebstherapie mit hämatopoetischen Stammzellen hatte zwei Jobs in Bagdad, einen als Arzt und weil das Gehalt nicht ausreichte, einen zweiten als medizinischer Vertreter. Das Büro lag auf der anderen Seite des Tigris-Flusses, der Bagdad durchschneidet, in einem Schiiten-Viertel. An diesem 8. August kommt der sunnitische Muslim in sein Büro. Mitarbeiter deuten ihm, er soll schnell umdrehen – und zeigen ihm einen Brief: „Da stand, dass ich angeblich Daesh (Terrormiliz Islamischer Staat IS, Anm.) angehöre und verschwinden soll, sonst würden sie mich festnehmen und dann . . .“

Der Absender war Asa'ib Ahl al-Haqq, eine schiitische Extremistenmiliz, bekannt dafür, Sunniten zu terrorisieren. Mustafa fährt nach Hause. Seiner Frau sagt er nichts. Stundenlang sitzt er nur da. „Der Kopf war leer. Ich und Daesh: Das ist absurd. Diese Daesh-Leute haben keine Ahnung, was der Islam ist. Sie sind eines der dunkelsten Kapitel der Menschheit.“ Irgendwann greift er zum Hörer, sagt der herzkranken Mutter, er müsse zu einer Konferenz in die Türkei. Dann setzt er sich und seine Familie in den Flieger nach Erbil, Nordirak, mit dem Bus geht es ins türkische Ankara. Die Konferenz gibt es nicht. Die Flucht hat begonnen.

Wegzoll. Rund drei Wochen, bevor Ali al-Jaderi seine erste Nacht im friedlichen Weibern verbringt, kämpft er sich durch die Menschentraube vor der örtlichen Polizeistation auf der griechischen Insel Kos und geht die paar Schritte hinunter zum Strand. Er wartet auf seine Papiere, damit er nach Athen weiterziehen kann. Vor einem Tag ist er auf der Insel angekommen, von Bodrum an der türkischen Küste aus, in einem Schlauchboot. Den Schlepper hat er für die Überfahrt für sich und seine Frau um knapp 5000 Euro reicher gemacht. Im Boot war die ganze Gruppe zusammen: ein Dutzend Flüchtlinge aus dem Irak – alle kennen einander oder sind verwandt – und sie wollen sich gemeinsam mit al-Jaderi durch den Balkan kämpfen, bis nach Deutschland oder Schweden.

Am Strand von Kos haben andere Flüchtlinge Campingzelte aufgeschlagen, zwei syrische Kinder schmeißen sich in die Gischt und kreischen vor Freude. In einem besseren Leben, erzählt al-Jaderi, war er Sportlehrer, hat die irakische Nationalmannschaft in Squash trainiert, war im Ministerium für Bildung und Sport tätig. Aber seit in seinem Land das gegenseitige Quälen von Schiiten und Sunniten zum Volkssport geworden ist, sei er fitnessmäßig ein wenig eingerostet. In Bagdad, seiner Heimatstadt, war sich al-Jaderi seines Lebens nicht mehr sicher. Jeden Tag eine Bombe. „Du weißt nicht, wie du am Abend nach Hause kommst. Ob lebendig oder in Stücken.“ Er verkauft das große Familienhaus, das Geld braucht er als Wegzoll für die Schlepper.

»Und die Babys?« Eine Bombe kracht auch in das Haus von Ibrahim, in einem Vorort von Damaskus, wo er mit seiner Frau Nour und den gemeinsamen Kindern, ein und zwei Jahre alt, lebt. Dann, wenige Tage später, klopft ein Beamter an die Tür seiner Eltern. Ibrahim soll wieder zur Armee. Für Bashar al-Assad will Ibrahim aber nicht mehr kämpfen. Er ist 27, genauso alt wie Nour. Er will Milch für seine Babys. „Kein Mensch kann mir sagen: Bashar al-Assad ist ein guter Mann. In diesem Land kann keiner mehr leben.“

Nour ist mit den Nerven am Ende, will mit Ibrahim auf die Reise, obwohl er sich unsicher ist. „Wenn du allein nicht gehst, dann komme ich mit.“ Und die Babys? „Die nehme ich mit.“ Wenn das Boot sinkt? „Dann schwimmen wir mit ihnen an den Strand.“ Ibrahim organisiert die Tickets. Ihre Reise beginnt am 15. August. Ibrahims Gruppe ist in der Zwischenzeit angewachsen, Verwandte und enge Freunden der Familie, die es ohne einander wohl nie weit geschafft hätten. Babys, Teenager, ein Mann mit Krücken. Die Gruppe nimmt einen Bus von Damaskus Richtung Norden, nach Tripolis im Libanon. Von dort geht es per Schiff weiter in den türkischen Hafen von Taşucu. Zwölf Stunden warten sie im Bauch des Schiffe auf die Abfahrt. Mit dem Bus geht es weiter in das südtürkische Mersin – zwei Stunden Fahrt, sechs Stunden Wartezeit auf den Bus nach Izmir. Dort schlafen sie am Busbahnhof. Es sei ein erster Vorgeschmack davon gewesen, sagt Ibrahim, wie es in den kommenden Wochen weitergehen würde. 17 Stunden brauchen sie von Mersin nach Izmir. Dort wählt Ibrahim das erste Mal eine jener Handynummern, die er auf einer Liste zu Hause in Damaskus vorbereitet hat. Nummern, die schon Freunde gewählt haben, um nach Europa zu kommen.

Schlepper haben die Angewohnheit, sich zu verspäten. Zwei Tage lässt sie der Mann, der Ibrahims Gruppe nach Griechenland bringen soll, in Izmir warten. Als er schließlich kommt, lässt er die Gruppe für 1200 Dollar in einen Kleinbus klettern – zu 40 anderen. 50 Leute, 90 Minuten Fahrt, keine Fenster, irgendwann keine Luft mehr. „Zum Glück starb niemand.“ Als sie von dem türkischen Strand, an dem sie abgesetzt werden, per Gummiboot sechs Stunden lang Richtung Griechenland fahren, beginnt der Kapitän des Bootes laut zu beten: „Gott, lass mich meine Frau, meine Töchter noch einmal sehen!“ Benzin war ausgetreten. Schwere Verätzungen bei den Passagieren. Irgendwie erreichen sie Lesbos. „Ein Wunder“, sagt Ibrahim. Europa.

Keine Schlafpause. „Auf dem Schlauchboot“, sagt Ali al-Jaderi, „wird alles ausgeblendet. Da gibt es nur noch den Glauben an Gott.“ Yasser, ein junger Mann in seinen frühen Zwanzigern, wendet seinen Blick vom Meer ab und nickt al-Jaderi zu. Er gehört zu seiner Gruppe. Zwei Tage später geht die mühselige Reise der Iraker weiter: mit dem Boot nach Athen, gleich anschließend mit dem Bus an die Grenze nach Mazedonien, drei Kilometer über die Grenze zu Fuß, gleich anschließend mit dem Bus an die Grenze nach Serbien, zu Fuß über die Grenze, mit dem Bus an die Grenze zu Kroatien, zu Fuß über die Grenze, und während dieser ganzen Zeit keine Schlafpause. Ständig stockt der Atem.

Halbzeit: Erleichterung. „Willkommen, Herr Doktor“, sagt der alte Türke am Ufer der Stadt Bodrum. Mustafa, der Arzt, hat ihn angerufen, die Nummer hat er von einem Freund, der sich nach Deutschland durchgeschlagen und ihn ermutigt hat, seinem Beispiel zu folgen. Als Arzt werde es ihm dort gut gehen. Er gibt Mustafa die Kontaktdaten des Schleppers und überweist ihm Geld auf die Western Union Bank. 1400 Euro will der alte Türke für die Bootsüberfahrt. Pro Kopf. „Aber er war ein guter ehrlicher Mann“, sagt Mustafa. „Er hat die Boote nicht so überfüllt wie die anderen.“ 42 Menschen drängen sich auf dem neun Meter langen Boot sagt er, nebenan pferchen sich jedoch 60 zusammen. Die See ist unruhig an diesem Tag. Ein Kind muss sich übergeben. Er soll langsam fahren, bedeuten sie dem Steuermann. Nach dreieinhalb statt einer Stunde Fahrt setzen sie den ersten Fuß auf die griechische Insel Kos und damit in die Europäische Union.

Das Warten auf die zur Überfahrt aufs Festland ermächtigenden Registrierungspapiere zieht sich über Tage. Bis der Doktor bemerkt, dass die griechischen Polizisten Geld für die Papiere nehmen. Also steckt er einem Beamten Euro zu – nicht zum letzten Mal auf dieser Reise. In Athen angekommen spürt er Erleichterung: Halbzeit. Doch das „härteste Pflaster“, wie Mustafa sagt, liegt noch vor ihnen: Serbien. Es regnet, als sie dort ankommen und nicht wissen, wohin. Ein Taxifahrer knöpft ihnen 150 Euro ab, für die zehn-minütige Fahrt bis zum nächsten Bahnhof. Polizisten klopfen ans Taxi-Fenster: Sie wollen Geld. Mustafa hat Angst. Er zahlt. Die Szene wiederholt sich. In den Bus zur Grenze steigen andere Polizisten ein. Mit demselben Anliegen. Mustafa zahlt wieder. Als er mit der Familie über die Gleise nach Ungarn läuft, ist er am Tiefpunkt. Das linke Knie gibt nach. Er stürzt, liegt mit seinen Kindern im Schlamm der Pannonischen Tiefebene.

6910 Menschen strömen an diesem 11. September vom ungarischen Grenzort Hegyeshalom über die Grenze nach Nickelsdorf. Eine Schwangere sitzt am Straßenrand. Irgendwo in diesem Meer aus Menschen mit Rucksäcken und Schlafsäcken in allen Farben marschiert auch Doktor Mustafa mit seiner Frau Inas. Es ist sein Geburtstag. Er schnauft. Die dreieinhalbjähige Rayan in den Tiger-Leggins trägt er in einer Babytasche vor der Brust, die zweieinhalbjährige Razan sitzt auf den Schulter. Mustafa ärgert sich, „dass sich so viele um ihn herum als Syrer und Iraker ausgeben, obwohl sie aus sicheren Gebieten kommen. Warum verlässt man die Heimat, wenn es Frieden gibt?“

In Hamburg. Nach fünf Tagen auf Lesbos besorgt die Gruppe um Ibrahim Tickets nach Athen, weiter nach Mazedonien und Serbien und schließlich nach Budapest, wo sie acht Tage im Park verbringen. Sie haben Tickets für den Zug nach München, aber der fährt nicht. 300 Euro bezahlen sie schließlich einem Schlepper für die Fahrt nach Österreich. Doch auch er verspätet sich. Die Gruppe nimmt einen jener Busse, die von der ungarischen Regierung gestellt werden. Nickelsdorf, Hauptbahnhof Wien, Zug nach Hamburg. Als sie in Hamburg einfahren, kümmert sich die Polizei sofort um alle. Schon nach wenigen Tagen sitzen sie alle im ersten Deutschkurs.

Im Spital. Hauptbahnhof, Wien. Mustafa steckt die Tickets nach Dortmund ein. Seine Frau bekommt einen Weinkrampf. Mustafa irrt durch den Bahnhof, weil er nicht weiß, wann der Zug abfährt. Ein ägyptischer Schüler redet ihn an – und sagt ihm, er soll doch bleiben. Deutschland sei überfüllt und als Arzt werde es ihm auch hier gut gehen. Mustafa blickt zu seiner Frau und den Kindern hinüber. Helfer bringen ihnen Suppe. Er entscheidet sich für Österreich: „Gott zeigt mir immer den richtigen Weg.“ Ein Arzt mit kleinen Kindern in Traiskirchen, so etwas spricht sich schnell herum. Die Diakonie schaltet das Hanusch-Krankenhaus ein. Nach ein paar Wochen geben sie Mustafa eine Wohnung – und eine Perspektive im Spital.


Chaotisch. Hauptbahnhof, Wien. Yasser trägt einen roten Kapuzenpulli, ein paar Helfer bieten ihm Essen an. Er ist mit seinem kleinen Bruder hier. Seinen Gruppenführer, den Iraker Ali al-Jaderi, hat er in Ungarn verloren. Die Gruppe hat sich unfreiwillig aufgelöst, als sie im Menschengewirr in zwei verschiedene Züge eingestiegen sind. Alles war unglaublich chaotisch, erzählt Yasser. Sein kleiner Bruder ist in Ungarn in ein Handgemenge gekommen. „Aber nur blaue Flecken“, beeilt sich der Bruder zu versichern. Ein 15-jähriger, schmächtiger Bursche mit Baseballmütze. Auf Kos haben sie gesünder, aber besorgter gewirkt, jetzt wirken sie müde, aber erleichtert. Ali habe beschlossen, in Österreich zu bleiben, sagt Yasser. Er selbst und sein Bruder haben aber Tickets nach Hamburg, dann geht weiter nach Göteborg. Ein paar Tage später eine Nachricht: „Ich liebe Schweden so sehr.“

In Zahlen

Etwa 200.000 Flüchtlinge durchquerten Österreich im September (genaue Zahl für BMI nicht eruierbar). Fast 10.000 von ihnen stellten Asylanträge. Von Januar bis August 2015 wurden 46.133

Anträge gestellt. Im ersten Halbjahr 2015 vor allem von Syrern (12.948), Afghanen (10.487) und Irakern (6419).

In Deutschland wurden im September 164.000 Asylsuchende registriert. Von Jänner bis August 2015 sind 171.785registriert worden. Deutschland rechnet mit 1,5 Millionen Flüchtlingen.

Von Jahresbeginn bis Ende August kamen mehr als eine halbe Million Menschen nach Europa. Ein Dritteldavon sollen aus Syrien stammen.

Europäische Lösung oder jeder für sich allein? Diskutieren Sie mit im Themenforum

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2015)

Meistgelesen