Niederlande: Wenn der Staat Joints verkauft

Die Gemeinden und Städte wollen den Anbau und Verkauf von weichen Drogen selbst kontrollieren, um der illegalen Drogenmafia einen Riegel vorzuschieben.

To match feature DUTCH-COFFEESHOPS/
Schließen
To match feature DUTCH-COFFEESHOPS/
Coffeeshop Niederlande – (c) REUTERS (JERRY LAMPEN)

Den Haag. Wenn es ein Land gibt, das für den liberalen Umgang mit Drogen steht, dann die Niederlande – aber mit einer organisierten Drogenkriminalität muss das Land trotzdem kämpfen. Nun preschen die Städte und Gemeinden mit einem neuen Vorschlag vor: Der Hanfanbau, der Vertrieb und Verkauf von weichen Drogen sollen künftig weitgehend legalisiert und unter die Kontrolle der niederländischen Gemeinden gestellt werden. „Es ist ein unhaltbarer Zustand entstanden. Wir müssen ihn beenden und die Coffeeshops viel strenger kontrollieren sowie den Anbau und den Verkauf von Cannabis selbst regeln,“ fordert Bernt Schneiders, Vorsitzender der Vereinigung Niederländischer Gemeinden (VNG). Der VNG, die ihren Vorschlag mit einer eigenen Studie untermauert, gehören alle 393 Städte und Gemeinden an.

Schneiders ist auch Bürgermeister von Haarlem. Wegen seines Engagements für die VNG und die völlige Freigabe der weichen Drogen unter staatlicher Kontrolle wird er bedroht – erst kürzlich wurde sein Auto angezündet. Möglicherweise wurde der Anschlag von Mitgliedern der Drogenmafia durchgeführt, denn sie sieht ihre Einnahmequellen versiegen, falls der VNG-Vorschlag Realität werden sollte.

 

Cannabis-Clubs als Experiment

Die VNG-Studie, an der eine Expertengruppe acht Monate lang gearbeitet hat, kommt auch zu dem Schluss, dass „der Joint aus dem sozialen gesellschaftlichen Leben nicht mehr wegzudenken ist“. Der jetzige Zustand, wonach die Coffeeshops den Joint-Inhalt zwar frei verkaufen dürfen, die Bevorratung von Cannabis und Hanf aber illegal erfolgen muss, weil der Hanfanbau in den Niederlanden verboten ist, spiele der Drogenmafia in die Hände: Sie habe überall im Land illegale Hanfplantagen angelegt und sei auch eng mit dem Menschen- und Frauenhandel verwoben, heißt es in der Studie. Auch die Produktion und der Handel von harten und synthetischen Drogen wie etwa Ecstasy würden von dieser Mafia weitgehend kontrolliert.

Als Verkaufsmodell schwebt den Gemeinden ein Lizenzsystem vor, wobei Cannabis und andere weiche Drogen nur von geschultem Personal verkauft werden sollen. Somit könne die Einhaltung geltender Gesetzte sichergestellt werden: Der Verkauf an Jugendliche unter 18 Jahren ist nicht erlaubt, pro Person wird nicht mehr als fünf Gramm Cannabis verkauft. Diese Art „Qualitätssystem“ führe auch zu mehr Konkurrenz zwischen den Coffeeshops untereinander; viele würden diesen Konkurrenzkampf wohl nicht überleben, weil sie nicht die gleiche Qualität anbieten könnten wie die staatlichen Haschverkaufsstellen.

Bevor das staatliche Lizenzsystem für den Verkauf weicher Drogen eingeführt werde, solle in einem ersten Schritt auch mit sogenannten Cannabis-Clubs experimentiert werden. Das sind geschlossene Clubs, die das Recht haben, Hanf anzubauen und zu verkaufen. Die Mitglieder dieser Clubs hätten auch das Recht, die weichen Drogen vor Ort zu konsumieren. Als zweiten Schritt könnte aus dem Club ein „offizieller Verkaufspunkt“ werden.

Um die vorgeschlagenen Maßnahmen auch durchsetzen zu können, bedarf es eines neuen Gesetzes. In der VNG-Studie werden die Politik und die 150 Haager Abgeordneten des Parlaments aufgerufen, für ein neues Cannabisgesetz zu stimmen, damit der Verkauf von weichen Drogen durch die Gemeinden selbst geregelt werden kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2015)

Kommentar zu Artikel:

Niederlande: Wenn der Staat Joints verkauft

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen