Wie aus dem Venedig des Orients eine Kloake wurde

Die Stadt Basra im Süden des Irak war einst wohlhabend, tolerant und lebenslustig. Heute prägen Entführungen, Korruption und Müllberge das Bild der einstigen Kulturmetropole. Die Religiösen haben jetzt das Sagen.

IRAQ-DAILYLIFE-FISHING
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IRAQ-DAILYLIFE-FISHING
Ein Fischer auf dem Fluss Shatt el-Arab in der südirakischen Stadt Basra. – APA/AFP/HAIDAR MOHAMMED ALI

Haidar Ali lässt sich in den schweren Ledersessel der Sheraton-Hotellobby fallen. Hinter den hohen Fenstern fließt der Shatt el-Arab, der gemeinsame Strom von Euphrat und Tigris, in den Persischen Golf. Handy und Autoschlüssel landen scheppernd auf dem flachen Tisch, er winkt den Kellner heran und bestellt einen großen schwarzen Kaffee. Daheim hat er schon einen Arak-Schnaps hinuntergekippt, „um mich abzuregen“. Die ganze Nacht bis zur Geldübergabe kurz vor Sonnenaufgang war er unterwegs, nun grinst er erschöpft und aufgekratzt. Das Opfer, einen Immobilienmakler, hat er unverletzt freibekommen, den Preis in einem siebentägigen nervenzerfetzenden Telefonpoker um 90 Prozent auf 50.000 Dollar gedrückt.

Haidar Ali ist Unterhändler bei Kidnappings in Basra. „Ein Freundschaftsdienst für betroffene Familien“, wie er sagt. Seine Stimme ist kratzig und dunkel, seine Haar auffallend gefärbt. Im Hosenbund sitzt ein Revolver. Jasminfarben und frisch gebügelt spannt das Oberhemd über seinem Kugelbauch. Am Handgelenk trägt er eine funkelnde Rolex, alles echt, wie er betont, bevor er das teure Stück mit den Diamanten stolz herumreicht. Haidar Ali kennt sich aus im Milieu, er weiß, wie man mit Ganoven umspringt, seit sein Sohn vor vier Jahren entführt wurde. Er selbst konnte zwei Mal in letzter Sekunde entwischen, regelmäßig findet er Briefe mit Gewehrpatronen in seinem Postkasten.

Aus seiner Sicht war die vergangene Woche in Basra eigentlich ganz normal. Es gab zwölf Entführungen – keine politischen Fälle, nur wohlhabende Geschäftsleute. Im Gegenzug flossen insgesamt eine Million Dollar. Die Polizei schaut dem Mafiatreiben wie immer tatenlos zu, hat meist selbst ihre Hand im schmutzigen Spiel. „Niemand ist hier sicher – so ist das bei uns im Irak“, blinzelt Haidar Ali und pafft den Zigarettenrauch genüsslich in die Luft.

Die ersten Tage werden die Unglücklichen gequält und misshandelt, ihre Schreie über Telefon sollen die Familien in Panik versetzen und gefügig machen. „Der kleinste Fehler des Vermittlers kann ihren Tod bedeuten.“ In dieser Woche jedoch kamen alle mit dem Leben davon, der Teuerste für 300.000 Dollar, einer für 200.000 und ein Dritter für 150.000. So gesehen war Haidar Alis Schützling mit 50.000 Dollar noch ziemlich gut dran.

Verstaut im Schnellboot. Kidnapping ist im Irak eine eigene Industrie. Nur in der Hauptstadt, Bagdad, geht es wüster zu als in Basra. Die Opfer werden gefesselt und in einem Schnellboot verstaut. Vom Zentrum geht es dann den Shatt el-Arab hinauf in den Norden, wo die überfüllten ärmeren Viertel liegen. Die meisten jungen Männer hier sind arbeitslos oder unterbeschäftigt. So mancher lässt sich auch als schiitischer Milizionär anheuern, um für 1200 Dollar Monatssold gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) zu kämpfen, das Dreifache dessen, was hier üblich ist.

Doch so düster waren die Zeiten nicht immer. Vor den Dauerkriegen unter Diktator Saddam Hussein, die 1980 begannen, war Basra eine Vorzeigestadt im mehrheitlich von Schiiten bewohnten Süden des Landes. Mondän und wohlhabend, tolerant und lebenslustig. Malerische Kanäle, auf denen Gondeln mit roten Pölstern verkehrten, durchzogen die Wohnviertel – eine Welt, von der nur noch ausgebleichte Postkarten geblieben sind. Heute ist das einstige Venedig des Ostens die Kloake des Orients. Überall, selbst über dem Obstmarkt, wabert fauliger Dauergestank. Abwasserkanäle und Kläranlagen, Stromleitungen und Trinkwasserrohre, Schulen und Hospitäler, Häuser und Straßen sind zerstört.

Keine Kinos mehr. Einst konzipiert für 300.000 Bewohner, wird die ramponierte Infrastruktur heute von fünfmal mehr Menschen beansprucht. Zerfallene Patrizierhäuser in der Altstadt lassen noch die einstige Pracht erahnen. Vor ihren Haustüren in den Kanälen steht eine ölig-schwarze Brühe. Die engen Straßen im Zentrum sind Buckelpisten mit permanentem Sperrmülltag. An jeder Ecke stehen alte Waschmaschinen, Fernseher oder zerfetzte Fauteuils. Und die Kellner der verkommenen Open-Air-Teehäuser entlang des Shatt el-Arab schütten ihre Mistkübel ganz selbstverständlich über die Kaimauer in den mesopotamischen Doppelfluss.

Noch mit am besten erhalten inmitten dieser Tristesse ist das zweistöckige Haus der Kunst, eine ehemalige Notablenvilla, die 1915 von einem Golfprinzen gebaut wurde, den die britischen Kolonialherren später hinrichteten. Immer wieder unterbrochen durch Stromausfälle, versuchen an diesem Abend ein Dutzend Maler, Schriftsteller und Filmemacher über ihre Stadt zu reden. Bahaa al-Kadumy etwa ist Regisseur. In seinem nächsten Spielfilm, „Dialing“, geht um irakische Soldaten, die im Kampf gegen die IS-Terrormiliz von der Front aus ihre Mütter anrufen und Trost suchen – eine Situation, die viele irakische Familien kennen.

Trotzdem hat Bahaa al-Kadumy daheim kein Publikum. Sein Film wird auf Festivals und Wettbewerben in Dubai und Europa zu sehen sein, nicht jedoch in Basra, weil es da keine Kinos mehr gibt. In den goldenen Sechziger- und Siebzigerjahren dagegen konkurrierten 50 Kinos um die Zuschauer. Damals arbeiteten 92 Schauspielerinnen in der vitalen Hafenmetropole, heute keine einzige mehr. Ihre zwölf Theater sind genauso verschwunden wie das Konzerthaus und die zwei Dutzend Buchhandlungen, sagen die Kreativen. „Kulturinteressierte in Basra, das sind heute vielleicht noch einige hundert.“

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Stattdessen fließe praktisch alles Geld in religiöse Projekte – Moscheen, Pilgerreisen und Koranzentren, in denen Männer abends heilige Texte lesen. „Basra ist eine fundamentalistische Stadt geworden“, klagt die einsame Künstlerrunde. „Die Menschen verehren Tod und Leid und haben das Glücklichsein verlernt.“ Die Ausfallstraßen sind gepflastert mit Plakaten von gefallenen schiitischen Helden und streng blickenden Ayatollahs. Fast alle Frauen tragen schwarzen Tschador nach dem Vorbild der Islamischen Republik nebenan, was dem Straßenbild das übliche islamistische Einheitsgepräge gibt.

In den 1970ern dagegen waren die „Hamlet“-Gastspiele der britischen Royal Shakespeare Company stets ausverkauft, obwohl die Aufführungen auf Englisch waren. Das Open-Air-Frühlingsfest auf der Sindbad-Insel nahe dem Hafen, die Vergnügungsmeile der Watani-Straße, die Bars und Clubs zogen Besucher aus dem gesamten Nahen Osten an. Vor drei Jahren indes musste ein ukrainischer Zirkus nach einer Woche seine Zelte streichen und abreisen, weil den frommen Männern im Stadtrat die Akrobatinnen zu leicht bekleidet waren.

Eisentor und Feuerlöscher. Mohammed Eitan lebt seit Jahren hinter hohen Mauern. Der 57-Jährige besitzt in Basra die Fernsehstation Al-Fayhaa und moderierte zehn Jahre lang eine eigene tägliche Talkshow, die alle diese Missstände aufs Korn nahm. Hoch über den Studios hat er irgendwo seine Privatwohnung. Seine Frau und die drei halbwüchsigen Kinder leben nach wie vor im Exil in London. Direkt neben dem schweren Eisentor ließ er ein Regal aufstellen, auf dem gleich sechs Feuerlöscher stehen. Draußen in der Dunkelheit schwatzen leise ein halbes Dutzend privater Wachleute.

Seit 18 Monaten sitzt Mohammed Eitan jetzt als parteiloser Abgeordneter im Nationalparlament in Bagdad und hat sich viele Feinde gemacht. „Ich erhalte ständig Morddrohungen, damit muss ich leben“, gibt er sich betont gelassen. Als Mitglied des Finanzausschusses deckte er auf, dass im vergangenen Jahrzehnt insgesamt 6000 Investitionsprojekte mit einem Volumen von 228 Milliarden US-Dollar beauftragt wurden, die niemals zustande kamen und deren Gelder spurlos in den Taschen korrupter Politiker und Bürokraten verschwanden. „Eine solche Dimension von Korruption zerstört den Staat“, sagt er. Seit Wochen gibt es im Zentrum von Basra Demonstrationen entnervter Bürger gegen das schier endlose Versagen von Politik und Staat. „Unter dem Deckmantel von Religion haben sie uns bedroht und bestohlen“, skandieren die meist jungen Leute, deren Protest sich vor allem gegen das Treiben der schiitischen religiösen Mehrheitsparteien richtet.

Mohammed Eitan will daher für die Südprovinz Basra mit ihren drei Millionen Einwohnern einen ähnlichen Autonomiestatus erstreiten wie der kurdische Nordirak. „80 Prozent des irakischen Ölreichtums kommen aus unserer Gegend, doch es fließt nichts zurück“, argumentiert der Neu-Politiker. Ein Drittel der Einwohner lebt unterhalb der Armutsgrenze.

Seit der US-geführten westlichen Invasion 2003 habe es keine größere Investition mehr für die Stadt gegeben, obwohl dringend ein neues Krankenhaus, eine weitere Universität und eine Raffinerie gebaut werden müssten. Und so kamen die 35.000 Unterschriften, die laut Verfassung für den Antrag eines Referendums notwendig sind, schnell zusammen. Seitdem jedoch mauern Bagdads Mächtige nach Kräften, die die Volksabstimmung nun organisieren müssten. Alle großen schiitischen Parteien und ihre Schutzmacht Iran lehnen eine Autonomie Basras kategorisch ab, weil es den endgültigen Staatszerfall bedeuten könnte.

Die Stadt als unabhängige Golfrepublik vom Irak abzutrennen, diese Träume gab es schon immer, weiß Ihsan Waal Samarrai, der sich jahrzehntelang als Chronist von Basra einen Namen gemacht hat. Sein Haus am Ende einer Sackgasse hat eine mächtige Palme im Hof. Gäste bewirtet der 74-jährige Witwer mit eigenen Basra-Datteln, die klein und besonders wohlschmeckend sind. Er hat eine Anthologie über die glänzende Vergangenheit seiner Heimatstadt herausgegeben, ihre berühmten Häuser und Cafés, ihre Geschäftsleute und Literaten, ihre Feste und Festivals. 4000 Bücher über Basra stehen ringsherum in den Regalen seines Arbeitszimmers, in dem er lesend und schreibend seine Tage verbringt, meist eingehüllt in dichten Pfeifenrauch. Unter Saddam Hussein saß Ihsan Waal Samarrai wegen regimekritischer Essays vier Jahre in Isolationshaft, ein 1979 kurz vor seiner Verhaftung zugesagtes Stipendium für Deutschland konnte er nicht antreten.

Endgültig verschwunden. „Basra ist eine Tragödie“, seufzt er, springt plötzlich auf von seinem Stuhl und gestikuliert durch das Fenster in die dunkle Nacht, als stünde er auf einer Theaterbühne. Nichts sei mehr geblieben von dem multikulturellen Geist, als Sunniten, Schiiten, Christen, Juden, Hindus, Perser und Mandäer hier in Frieden zusammenlebten. „Das alte Basra existiert nur noch in Büchern und in unserer Erinnerung – und es wird endgültig mit uns verschwinden.“ Vor die Tür geht der alte Mann nur noch selten. „Ich habe keine Angst vor Entführung“, sagt er. „Aber ich kann das Elend meiner Stadt nicht mehr mitansehen.“

kamelSchlacht

Eine wichtige Rolle in der Geschichte des Islam spielt die Stadt Basra mit der „Kamelschlacht“, die die Anhänger des Propheten Mohammed und die Anhänger seines Schwiegersohns Ali Ibn Ali Talib gegeneinander führten (656). Die Region wird heute mehrheitlich von Schiiten – den Anhängern Ali Ibn Ali Talibs – bewohnt.

ERdöl

In Basra befinden sich mehrere Raffinerien, die Gegend rundherum beherbergt über die Hälfte der Erdölreserven im Irak. Die Einnahmen machen aus Basra eigentlich eine reiche Stadt, allerdings ist Korruption weitverbreitet, wiewohl in den vergangenen Jahren in die – nötigste – Infrastruktur der Stadt investiert wurde. Der historische Teil der Stadt hingegen verfällt zunehmend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2016)

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