Ahnen auf der Spur: Lemberg, Wien, Auschwitz, Nürnberg und retour

Der Londoner Jurist Philippe Sands hat mit „East West Street“ ein bemerkenswertes Buch geschrieben, das Familien-, Welt- und Rechtsgeschichte in einzigartiger Form verknüpft.

 Die Buchholz-Familie anno 1913 in Lemberg, das Hochzeitsfoto von Leon und Rita Buchholz, Rafael Lemkin und Hersch Lauterpacht (von links nach rechts unten).
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 Die Buchholz-Familie anno 1913 in Lemberg, das Hochzeitsfoto von Leon und Rita Buchholz, Rafael Lemkin und Hersch Lauterpacht (von links nach rechts unten).
Die Buchholz-Familie anno 1913 in Lemberg, das Hochzeitsfoto von Leon und Rita Buchholz, Rafael Lemkin und Hersch Lauterpacht (von links nach rechts unten). – (c) Philippe Sands, Elihu Lauterpacht, Hans Knopf

Im Sommer 2010 erhielt der Londoner Jurist Philippe Sands eine Einladung zu einem Vortrag an der Universität Lemberg über den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1945/46, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Genozid. Zwei Konzepte im Völkerrecht, mit denen Sands in seiner Arbeit als Rechtsprofessor und Anwalt, unter anderem am International Criminal Court (ICC), eng vertraut ist. So viel der damals 50-Jährige über das Internationale Recht weiß, so wenig konnte er ahnen, dass er mit der Reise nach Lemberg eine Entdeckungsfahrt in die Geschichte seiner eigenen Familie antreten würde.

Sein Großvater Leon Buchholz wurde 1904 in der heute westukrainischen „Stadt der Löwen“ (so ihr großer Chronist, der polnische Schriftsteller Józef Wittlin) geboren, die damals die viertgrößte Stadt der österreichisch-ungarischen Monarchie war. „Ich wusste nichts darüber“, erzählt Sands im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ in London. Seine Erinnerung an Großvater Leon führt in eine winzige Wohnung in Paris, die er mit Großmutter Rita, „der Frau, die niemals lachte“, teilte. „Die Vergangenheit schwebte über Leon und Rita, eine Zeit, über die man in meiner Gegenwart nicht sprach oder in einer Sprache redete, die ich nicht verstand“, schreibt Sands in seinem Buch „East West Street“.

Dieses Schweigen wurde auch von seiner Mutter lang gehütet. „Die Vergangenheit, das war ein Tabu, eine schwarze Tür, ein Ort, den man nicht betritt.“ In Vorbereitung auf die Reise sucht Sands aber Informationen, und seine Mutter überreicht ihm zwei alte Koffer aus dem Besitz seines Großvaters. Darin findet er „Bruchstücke“: Adressen, Namen, Dokumente, Notizen, Kritzeleien. In jahrelanger Arbeit rekonstruiert Sands die Geschichte seiner Familie. Sein Buch zeichnet diese Spurensuche ebenso minutiös wie atemberaubend nach – und stellt das individuelle Schicksal in den größeren Zusammenhang von Geschichte, Politik und Recht.

Diese Überschneidung stellt sich immer wieder durch Personen ein. Die Familie von Großvater Leon stammt aus der Kleinstadt Żółkiew im Norden von Lemberg, wo Ukrainer, Deutsche, Polen und Juden lebten. Am anderen Ende der Straße von Ost nach West, nach der Sands unter Bezug auf ein Zitat von Joseph Roth sein Buch nannte, lebte die Familie Lauterpacht. Auch sie waren Juden. Der zweite Sohn, Hersch, wurde 1897 geboren. Im Jahr 1910 zog die Familie nach Lemberg, unter anderem „für eine bessere Erziehung der Kinder“, und fünf Jahre später schrieb sich Lauterpacht an der juristischen Fakultät ein. Da wütete der Erste Weltkrieg schon ein Jahr lang, und Leon Buchholz war von der Familie bereits vor den russischen Truppen nach Wien geschickt worden.

Dorthin folgte Lauterpacht im Sommer 1919 nach antisemitischen Ausschreitungen in Lemberg. In Wien wurde er Schüler des Verfassungsrechtlers Hans Kelsen. Unter dem Eindruck der Geschehnisse beim Zusammenbruch des Habsburger Reiches begann er, Überlegungen anzustellen, wie einzelne Menschen vor Verbrechen des Staates geschützt und Staaten zur Verantwortung gezogen werden können. Lauterpacht wurde zum Schöpfer des Straftatbestands der Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Im Mittelpunkt steht das Individuum.

Konzept vom Genozid. In seiner Argumentation stand er in Widerstreit mit einem anderen Absolventen der Universität Lemberg. Rafael Lemkin, ein 1910 geborener polnischer Jude, studierte hier von 1921 bis 1926 unter anderem bei demselben Professor für Strafrecht, einem strammen polnischen Nationalisten, wie wenige Jahre zuvor Lauterpacht. Über Jahre hinweg entwickelte er – zunächst beeinflusst durch einen Strafprozess in Zusammenhang mit dem Armenier-Mord 1915 im Osmanischen Reich – das Konzept vom Genozid, wonach Verbrechen wegen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe begangen werden. Lemkin, dem 1939 aus Polen die Flucht in die USA gelang, wurde auch Schöpfer des Wortes Genozid als Verbindung des Griechischen „genos“ (Volk) mit dem Lateinischen „caedere“ (morden).

Lauterpacht wurde nach seiner Übersiedlung aus Wien 1923 ein hoch geachteter Universitätsprofessor in Cambridge und spielte eine wesentliche Rolle im Nürnberger Prozess aufseiten der britischen Anklage. Lemkin bleib Zeit seines Lebens ein eigenwilliger Außenseiter und bemühte sich seinerseits fieberhaft um die Aufnahme des Straftatbestands Genozid in die Argumentation des Gerichts. Beide wussten damals noch nichts über das Schicksal ihrer Familien. Wie sie erfahren mussten, waren sie die einzigen Überlebenden. „Mein Vater hat niemals darüber gesprochen“, berichtet Lauterpachts Sohn Elihu. „Aber manchmal in der Nacht hörten wir ihn laut klagen.“

Auch Sands Großvater Leon bewahrte eisernes Schweigen. Er verschwand in einem Winkel der Pariser Wohnung und vertiefte sich in alte Unterlagen. Was er da sah und was er da suchte, ließ er niemals jemanden wissen. Enkel Philippe erlebte erst Jahrzehnte später am Ort der Ermordung seiner Vorfahren am eigenen Leib, was die Juristen Lauterpachts und Lemkins in Gesetzesnormen zu gießen versucht hatten. Sands sagt: „In einer perfekten Welt wird jeder nur als Einzelner gesehen, beurteilt und gemessen. Vor dem Gesetz ist jeder gleich. Im Kopf bin ich bei Lauterpacht. Aber wenn man an einem Ort steht wie Żółkiew, wo immer noch 3500 ermordete Juden liegen, darunter meine eigenen Vorfahren, ist es unmöglich, davon nicht ergriffen zu sein. Da verstehe ich Lemkin. “

„Große Aktion“. Einer der in Nürnberg zum Tode verurteilten Nazi-Kriegsverbrecher war Hans Frank, einst Hitlers persönlicher Anwalt und nach der Zerschlagung Polens 1939 Generalgouverneur der von den Deutschen besetzten Teile des Landes. Ihm unterstand der Österreicher Otto von Wächter, ein Jurist, der zur gleichen Zeit wie Hersch Lauterpacht an der Universität Wien studiert hatte. Wächter war ein Nazi der ersten Stunde und im Krieg Gouverneur des Distrikts Galizien. Hauptstadt: Lemberg, damals wieder unter deutschem Namen. In einer Rede an der Universität der Stadt am 1. August 1942 gab Frank den Startschuss zur „Großen Aktion“ – der Auflösung des Ghettos von Lemberg.

Bis zu 50.000 Juden wurden in den folgenden Tagen deportiert und ermordet. Philippe Sands Großmutter Amalie, die mit den Lauterpachts in Żółkiew gelebt hatte, wurde mit den Lemkins in Treblinka ins Gas geschickt. Im Nürnberger Prozess berichtete der Zeuge Samuel Rajzman „in ausdrucksloser Monotonie“, so Sands, wie ein Wachmann „ein zweijähriges Mädchen nahm, mit ihm zum Krematorium ging und sie in den Ofen warf. Dann tötete er ihre Schwester.“

In demselben Saal der Universität Lemberg, wo Frank dafür den Auftakt gegeben hatte, referierte im September 2010 Philippe Sands über Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord. Und in ebendiesen Saal brachte er für sein Buch die Söhne von Frank und Wächter. Während Niklas Frank an den Verbrechen seines Vaters keinen Zweifel hat und seine Bestrafung für richtig hält („Ich bin gegen die Todesstrafe. Außer im Fall meines Vaters“), will Horst von Wächter bis heute nicht an die Schuld seines Vaters glauben.

Sands hat die Geschichte der beiden nicht nur in seinem Buch, sondern auch in dem Dokumentarfilm „My Nazi Legacy“ festgehalten. Horst von Wächter lebt bis heute bei Wien. Er akzeptiert, dass sein Vater ein Nazi war. Er weiß, dass er der Gründer der gefürchteten Waffen-SS-Division Galizien war. Aber er bestreitet seine Verantwortung: „Ich will Dokumente sehen“, ruft er aufgebracht in dem Film. Sein Vater, Otto von Wächter, starb 1949 in Gewahrsam des Vatikan unter ungeklärten Umständen. Sands arbeitet derzeit an einem neuen Projekt dazu.

Dieses wird ihn auch wieder nach Wien führen, eine Stadt, die ihn, wie er sagt „gleichzeitig anzieht und abstößt“. Großvater Leon entkam nach dem Anschluss Österreichs Ende 1938 mit legalen Ausreisepapieren. Zurück ließ er seine junge Ehefrau Rita und die neugeborene Tochter Ruth. Diese, Philippe Sands Mutter, wurde 1939 von einer englischen Missionarin als Einjährige in abenteuerlicher Mission nach Paris gebracht, während Rita bis August 1941 in Wien blieb und erst in letzter Sekunde nach Paris ausreiste. Auch darüber wurde in der Familie jahrzehntelang geschwiegen. Sands findet die Hintergründe in einer Vielzahl von Wendungen, die er mit forensischer Genauigkeit untersucht und ebenso schonungslos wie einfühlsam darlegt. Er spart sich selbst dabei nicht aus.

Seit dem Erscheinen im Vorjahr hat das Buch im englischen Sprachraum gewaltigen Niederschlag gefunden, der sich nicht nur in Lobeshymnen der Kritik ausdrückt. Vor Jahresende gewann Sands den angesehensten englischen Sachbuchpreis (und spendete das Preisgeld von 30.000 Pfund umgehend einer Flüchtlingshilfsorganisation), derzeit werden Übersetzungen in zwölf Sprachen vorbereitet. Die deutsche Fassung erscheint im Februar 2018.

Sands führt das Echo darauf zurück, dass er einen Nerv unserer Zeit getroffen hat: „Viele Menschen haben das Gefühl, dass wir in die 1930er-Jahre zurückgehen. Es gibt ein bewusstes Bestreben, die Nachkriegsordnung zu zerstören: Die EU, die Europäische Menschenrechtskonvention, der Internationale Gerichtshof – alle Institutionen, die eine logische Konsequenz aus den Bestrebungen waren, nach 1945 die richtigen Lehren zu ziehen, werden heute zunichtegemacht.“ Das zeige sich an der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ebenso wie der Brexit-Entscheidung: „Ich bin ein zutiefst optimistischer Mensch. Aber ich mache mir Sorgen, wohin das führen wird, welche Türen damit geöffnet wurden. Die Menschen haben Angst und Ärger, das ist eine schreckliche und giftige Mischung.“

„Alles Deutsche meiden“. Leon Buchholz lebte 1914–1938 in Wien in der Klosterneuburger Straße im 20. Bezirk. Das ist keine fünf Kilometer entfernt vom Palais Ephrussi, das in dem Bestseller „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ von Edmund de Waal eine so prominente Rolle spielt. Aus einem der zur Ringstraße gerichteten Fenster konnte Familienoberhaupt Viktor Ephrussi damals vielleicht den jungen Hersch Lauterpacht zu einer Vorlesung eilen sehen. Die Familie Buchholz hatte keine Reichtümer, aber wie die Ephrussis erstreckt sich ihre Geschichte vom Osten Europas über Wien in den Westen nach Paris und London. East West Street. Die beiden Familien lebten in verschiedenen Welten. Und gehörten doch derselben an. Beide lasen die „Neue Freie Presse“. Es ist eine Welt, die zerstört worden ist und deren Verlust unermesslich bleibt.

Sands, „ein Nordlondoner Jude, der damit aufgewachsen ist, alles Deutsche zu meiden“, hofft heute auf die deutsche Bundeskanzlerin, Angela Merkel, und sammelt Erstausgaben österreichischer Klassiker wie „Die Welt von Gestern“ von Stefan Zweig. Sein eigenes Buch „East West Street“ führt in eine Vergangenheit, von der er fürchtet, dass sie alles andere als vergangen ist: „Kein gut situierter Bürger im Lemberg des Jahres 1925 hätte sich vorstellen können, was nur 15 Jahre später hier geschehen würde. Wir haben keine Sicherheit, dass es heute anders ist. Was einmal geschehen ist, ist immer wieder möglich.“ 

Das Buch

Philippe Sands. „East West Street. On the Origins of Genocide and Crimes Against Humanity“
Weidenfeld & Nicolson, London 2016
464 Seiten

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2017)

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