Endrunde gegen „Kapitän Feigling“

Vor Italiens Höchstgericht startete die Verhandlung gegen den Crash-Kapitän Francesco Schettino. Die Vorinstanzen hatten ihn zu 16 Jahren Haft verurteilt.

Giglio, Sommer 2012, im Hintergrund das seitlich liegende Schiff. Es wurde 2014 abgeschleppt.
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Giglio, Sommer 2012, im Hintergrund das seitlich liegende Schiff. Es wurde 2014 abgeschleppt.
Giglio, Sommer 2012, im Hintergrund das seitlich liegende Schiff. Es wurde 2014 abgeschleppt. – REUTERS

Francesco Schettino war nicht im Saal, als am Donnerstag die Verlesung der Protokolle der bisherigen Prozesse in zwei Instanzen durch einen Richter des Kassationskollegiums begann. Schettino (56), der ehemalige Kapitän, war, so berichteten italienische Medien, zu Hause in seinem Heimatort, Meta am Golf von Neapel, geblieben.

Auch dort ließ er sich nicht blicken. Nicht überall ist er beliebt, wie er es etwa als Gastdozent in einer römischen Universität oder als VIP bei weiblichen Gästen der Sommerpartys auf der Insel Capri war – Auftritte, mit denen er in den fünf Jahren seit dem Schiffsunglück vor der Toskana von 2012, das er verursacht haben soll, für Schlagzeilen und Empörung in aller Welt gesorgt hat. Auch die Medien haben sich zuletzt von ihm abgewendet. Im März hat er in einem YouTube-Video ein ungewöhnliches Plädoyer für sich selbst gehalten. Wird es ihn vor der von den Unterinstanzen verhängten 16-jährigen Haftstrafe retten können?

 

Die folgenschwere „Verbeugung“

In einer leichtsinnigen Aktion hatte Schettino den mit 4229 Passagieren und Besatzungsmitgliedern (darunter 77 Österreichern inklusive des Salzburger Bürgermeisters Heinz Schaden) besetzten Ozeanriesen Costa Concordia der Genueser Reederei Costa Crociere am Abend des 13. Februar 2012 waghalsig nah an die Mittelmeerinsel Giglio vor der toskanischen Küste gesteuert.

Das Schiff rammte einen Felsen und kenterte. 32 Menschen starben, darunter zwölf deutsche Passagiere. Der Kapitän hatte, lang vor den Passagieren, das Schiff verlassen und sich mit einem Rettungsboot an Land bringen lassen. Die Anklage lautete später auf fahrlässige Tötung, fahrlässige Havarie und vielfache Körperverletzung sowie Verlassen des Kommandos. 2015 war er zu 16 Jahren Haft verurteilt worden, was die Berufungsinstanz später bestätigte.

„Kapitän Feigling“ schimpften ihn die Italiener, waren geschockt, als bei den Ermittlungen und im Lauf der Prozesse Einzelheiten an den Tag kamen. Schettino hatte am Unglücksabend in der Kapitänskajüte mit mehreren Gästen, darunter einer angeblichen Geliebten, diniert. Gut gelaunt nahm er Kurs auf die Insel Giglio, ordnete, noch bevor er selbst auf die Brücke kam, einen verhängnisvollen Kurswechsel an. Dabei gab es Kommunikationsfehler und Schlamperei.

Auch am Donnerstag war es wieder sehr still in der Aula Magna, als ein Richter den Unglücksverlauf verlas: Wie Schettino in einer chaotischen Aktion das Schiff nah an die Insel steuerte, um vor den Gästen mit einem „Inchino“, einem Manöver, das eine Verbeugung vor dem Hafenort und den Menschen an Land darstellen soll, zu prahlen und zugleich einen alten Freund auf der Insel zu grüßen. Wie er es versäumte, gleich nach dem Crash gegen die Felsen das Schiff zu evakuieren – es war ja an sich leicht, die Menschen zu retten, denn die Insel war zum Greifen nahe. Dass er von Opfern wusste, die von Bord gestürzt und im Sog des Schiffes ertranken. Dass er die Gefahr kannte und trotzdem das Schiff als einer der Ersten verlassen hatte, was man als Führungsoffizier eines Schiffes gemeinhin nicht tut.

 

Für Italien ein Schnellverfahren

Bisher war Schettino, der sagte, er sei damals nur in das Rettungsboot gestürzt, auf freiem Fuß. Seine Anwälte hatten Revision beim Höchstgericht eingelegt, wegen angeblicher Verfahrensfehler. Auch die Staatsanwaltschaft Florenz hat Rechtsmittel eingelegt: Sie fordert eine höhere Strafe, denn Schettino verdiene nicht, dass die Vorgerichte mildernde Umstände berücksichtigt haben. Sollten die Kassationsrichter seiner Revision stattgeben, muss der Prozess neu aufgerollt werden. Das kann Jahre dauern, aber im Juli 2019 wäre der Fall bereits verjährt.

Es wäre ein „Skandal, wenn die Verurteilung vom Kassationshof nicht bestätigt wird“, sagte ein Anwalt der Zivilkläger am Donnerstag. Für italienische Verhältnisse habe man den Prozess in Rekordzeit erledigt, ja sogar „teilweise bis in die tiefe Nacht verhandelt, um Tempo zu machen“. Die Verhandlung wurde dann doch wieder vertagt, auf 12. Mai. Nicht ausgeschlossen, dass dann das Erkenntnis gefällt wird. Sollte die Strafe bestätigt werden, würde Schettino umgehend ins Gefängnis wandern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2017)

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