UN-Bericht: „Es war wie Sklaverei“

77 Prozent aller Kinder, die übers Mittelmeer nach Europa flüchten, haben unterwegs Gewalt und Ausbeutung erlebt. Das geht aus einer neuen Unicef-Studie hervor.

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(c) REUTERS

Wien. Die Zwillingsbrüder Aimamo und Ibrahim wussten zwar, dass sie zur Abbezahlung ihrer Reise von Gambia nach Libyen arbeiten mussten. Doch was sie im nordafrikanischen Land erwartete, übertraf die schlimmsten Befürchtungen der beiden 16-Jährigen. „Es war wie Sklaverei“, erzählen sie. Die Burschen mussten jeden Tag auf einer Farm schuften. Wer nicht spurte, wurde geschlagen und bedroht. Jeden Abend wurden sie gemeinsam mit 200 weiteren jungen Afrikanern eingesperrt, damit sie nicht davonlaufen konnten. „Die Überfahrt auf einem Schlauchboot nach Italien war eine große Erleichterung“, so die Brüder.

Auch auf ihren Erzählungen basiert eine am Dienstag veröffentlichte Studie des UN-Kinderhilfswerks Unicef und der UN-Migrationsorganisation IOM. 11.000 Jugendliche und junge Erwachsene von 14 bis 24 Jahren haben Mitarbeiter der beiden Einrichtungen befragt. 77 Prozent von ihnen berichten über „direkte Erfahrungen von Misshandlungen, Ausbeutung und Praktiken, die Menschenhandel gleichkommen“. Das sind acht von zehn der befragten jungen Flüchtlinge. Sie kommen vor allem entlang der gefährlichen Route durch Afrika nach Libyen und weiter übers Mittelmeer nach Italien – die sogenannte zentrale Mittelmeerroute. Besonders Libyen ist für Kinder und Jugendliche auf der Flucht gefährlich: Laut Bericht passieren im gesetzlosen Land, das von verschiedene Milizen beherrscht wird, die meisten Übergriffe. Jugendliche berichten von traumatisierenden Erlebenissen wie Kidnapping, Inhaftierung, ausbeuterische Arbeit, Diskriminierung und Gewalt.

Die östliche Mittelmeerroute über Ägypten, Jordanien, Libanon, Syrien und die Türkei nach Griechenland gilt als sicherer, „nur“ 17 Prozent der Jugendlichen berichten von Gewalterfahrungen in diesen Ländern.

 

Zwei Drittel wurden eingesperrt

Am stärksten trifft es Jugendliche, die aus dem südlichen Afrika kommen, die alleine und nicht in einer Gruppe reisen sowie Jugendliche mit einem geringen Bildungsgrad. Sie werden häufiger gegen ihren Willen festgehalten, geschlagen und bedroht, zur Arbeit gezwungen – oder der versprochene Lohn wird ihnen vorenthalten. Zwei Drittel der befragten Unter-25-Jährigen gaben an, irgendwo entlang ihrer Reise gegen ihren Willen eingesperrt worden zu sein. Ihnen ist oft nicht klar, wer sie nun festhält – ihre Schleuser, kriminelle Banden, Bewaffnete und Uniformierte oder gar Behörden der jeweiligen Länder. Die Schlepper nutzen das Abhängigkeitsverhältnis der Kinder und Jugendlichen aus. Knapp fünfzig Prozent werden zur Arbeit gezwungen, um die Reise abzubezahlen. Haben sie Schwierigkeiten, die Summe aufzubringen, reichen die Schlepper sie weiter an Menschenhändler. Die Kinder enden in der Sklaven- oder in der Sexarbeit.

 

Stärker in der Gruppe

Warum sind Kinder und junge Menschen alleine unterwegs? Auch diese Frage versuchen die Studienautoren in ihren Interviews zu klären. Die Antworten fielen recht unterschiedlich aus: Oft legt die Verwandtschaft alles Geld zusammen, um einem aus der Familie – in den allermeisten Fällen sind das junge Burschen – ein neues Leben zu ermöglichen. Die Erwartungen an den, der in Nordafrika oder in Europa angekommen ist, sind hoch und enden oft in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen, um Geld nach Hause schicken zu können. Doch manche werden unterwegs von ihren Familien getrennt und sind plötzlich auf sich alleine gestellt. Alleinreisende werden öfters Opfer von Gewalt und Missbrauch als Jugendliche, die sich in Gruppen organisieren – die Gruppe macht sie stärker.

Abschließend fordern Unicef und IOM mehr legale Fluchtwege, zum Beispiel durch humanitäre Visa und Neuansiedlung, bei der Flüchtlinge direkt und legal aus ihrer Heimat in ein Gastland geholt werden können. Diese Wege in die EU gibt es zwar, allerdings aus Sicht der internationalen Organisationen auf viel zu niedrigem Niveau.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2017)

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