Arktis: Suche nach den verschwundenen Schiffen

1845 verschwand eine britische Expedition mit 129 Menschen. Ihr Ziel war es gewesen, die legendäre Nordwestpassage durch die arktische Inselwelt Kanadas zu finden. Nun startet ein neuer Versuch, das Mysterium zu klären.

Arktis Suche nach verschwundenen
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Arktis Suche nach verschwundenen
Arktis – (c) AP (LAURA RAUCH)

Der Name des britischen Seefahrers SirJohn Franklin (1786–1847) steht für eine der größten Tragödien in der Arktis: 1845 brach der Konteradmiral, der 1836 bis 1843 Gouverneur von Tasmanien war und schon als junger Mann Erfahrungen in der Polarforschung gesammelt hatte, mit den Segelschiffen „Erebus“ und „Terror“ sowie 128Mann Besatzung in England auf. Ziel: die legendäre Nordwestpassage durch die arktische Inselwelt Kanadas zu finden.

Doch die Expedition führte in den Tod. Später fand man nur einige gefrorene Leichen, die Schiffe waren verschollen. Nun kündigte Kanadas Regierung an, dass Wissenschaftler im August einen neuen Versuch unternehmen werden, die Schiffe nahe ihrem vermutlichen Aufenthaltsort bei der King-William-Insel (s.Karte) zu finden– und man will noch mehr als bisher auf die Überlieferungen der Ureinwohner setzen.

 

Urgroßvaters Geschichten

Louis Kamookak lebt im 1100-Seelen-Ort Gjoa Haven auf der King-William-Insel im Arktisterritorium Nunavut. Von Kindheit an ist der 50-jährige Inuit von Franklin fasziniert: „Meine Oma erzählte mir eine Geschichte, die sie von ihrem Großvater gehört hatte. Er hatte Sachen gefunden, die er nicht kannte. Löffel, Gabeln, Messer, Steine mit fremden Schriftzeichen.“ Der Ururgroßvater nahm ein Messer an sich. Später stellte es sich heraus, dass es zur Ausrüstung der Franklin-Expedition gehört hatte.

„Als ich Kind war, lebten wir Inuit in Iglus oder Zelten. Wir hatten kein Fernsehen, kein Telefon“, sagt Kamookak, „das Erzählen von Legenden und Geschichten war ein wichtiger Teil unseres Lebens. Daher ist unsere mündlich überlieferte Geschichte so stark“, sagt er im Gespräch mit der „Presse“.

Die Überlieferungen gewinnen bei der Suche nach den Schiffen neue Bedeutung: Die Forscher stützen sich auf Erzählungen, die Kamookak seit 25 Jahren sammelt und andeuten, dass ein Schiff an der Westküste der rauen, waldlosen King-William-Insel unterging, nachdem es aufgegeben worden war. Es gibt auch Erzählungen, wonach Inuit das im Eis steckende Schiff aufsuchten.

 

„Finsternis“ und „Terror“

Erebus (benannt nach dem griechischen Gott der Finsternis) und Terror fuhren im Mai 1845 in England los. Man wollte eine Seewegabkürzung nach Asien finden; damals waren noch etwa 500Kilometer der kanadischen Festlandküste im Norden unbekannt. Franklin war schon 1819 bis 1822 und 1825 in der Region gewesen; bei der von ihm geführten ersten Expedition starben elf seiner 20 Untergebenen, es gab Kannibalismus, der Rest wurde von Indianern gerettet.

Die Schiffe fuhren durch die Baffin-Bucht und wurden im Juli zuletzt gesehen, von Walfängern. Bei der kleinen Beechey-Insel im Südwesten der Devon-Insel wurde überwintert und im Frühjahr 1846 der Weg fortgesetzt (Karte). Weiter südlich, im McClintock-Kanal nahe der King-William-Insel, wurden sie im Herbst von Eis eingeschlossen. Der Winter war hart, und der Sommer genügte nicht, das Eis aufzubrechen, und so musste ein zweites Mal überwintert werden.

Nach Notizen, die 1859 auf der Insel gefunden wurden und über den Verlauf der Expedition Aufschluss gaben, starb Franklin um 1847 auf der Erebus. Im April 1848 – da waren schon 24Mann tot – machten sich 105 Seeleute mit Booten und zu Fuß auf den Weg nach Süden. Sie wollten das Festland und einen Handelsposten in Nordkanada erreichen. Sie begegneten Inuit, die ihnen Nahrung gaben, dann verliert sich ihre Spur.

 

Skelette zwischen Duftseifen

Es gab mehrere Suchexpeditionen. In der Steinwüste der Beechey-Insel fand man drei Mumien in Gräbern. Todesursache(n) waren Lungenentzündung, Skorbut, Unterkühlung, Erschöpfung. Später fand man heraus, dass eine schleichende Bleivergiftung mitgewirkt hatte: Die Konservendosen im Proviant, damals eine Novität, waren mit Blei verschweißt. Man fand noch drei Skelette, zwei davon in einem Beiboot auf der King-William-Insel inmitten diverser Objekte wie Seidentaschentüchern, Büchern, Duftseifen. Zudem fand man Knochen von sechs bis 14 Menschen. Die verschwundenen Schiffe wurden 1992 von Kanada zu „nationalen historischen Orten“ erklärt. 1997 beschlossen Großbritannien und Kanada, dass die Suche und Bergung in kanadischen Händen liegt.

 

Aufbruch im August

Noch heute ist die Nordwestpassage fast immer zugefroren. Im August wird sie sich öffnen: Auf dem Eisbrecher „Sir Wilfried Laurier“ würden Unterwasserarchäologen und Experten der Küstenwache die Suche in der Queen-Maud-Bucht bei der King-William Insel in einem 400Quadratkilometer großen Seegebiet starten, sagt Ryan Harris von „Parks Canada“, wissenschaftlicher Leiter der Expedition. Man benütze Echolote und das Inuitwissen. „Die Schiffe verkörpern eines der größten Kapitel der Polarforschung.“ Seit 1850 hatten zirka 20 Expeditionen nach Resten der Franklin-Expedition gesucht. 2008 war der Meeresboden in der Region „gescannt“ worden; sollte der zweite Versuch scheitern, folgt 2011 eine dritte Expedition.

Ein Erfolg wäre ein Beweis, dass die Überlieferungen der Inuit korrekt sind. Was es für Louis Kamookak bedeuten könnte? Er lacht: „Vielleicht werde ich zum Ritter geschlagen, wenn man die Schiffe findet. Dann wäre ich ein ,Sir‘“ – wie einst Sir John Franklin.“

Sir John Franklin (1786–1847), britischer Konteradmiral, sollte 1845 mit zwei Schiffen und 128Mann Besatzung eine Nordwestpassage zum Pazifik finden. Im Juli 1845 wurden die Schiffe in der Baffin-Bucht zuletzt gesehen, 1846 blieben sie rettungslos im Eis vor der King-William-Insel stecken. Dutzende Männer starben, 1848 versuchten sich die Letzten nach Süden durchzuschlagen, kamen aber um; man fand nur wenige Leichen, die Schiffe bleiben verschwunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2010)

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