„Warum mag uns Österreich nicht?“

Hassliebe zwischen Tschechen und Österreichern erhält neue Nahrung. In Prag versucht man, die vermeintliche Boshaftigkeit Wiens zu erklären.

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(c) Clemens Fabry

„Sie konfiszieren uns unberechtigt wertvolle Kunstgegenstände und eine Lokomotive, blockierten unsere Grenze, drohten, uns wegen Temelin nicht in die EU zu lassen, während ihnen deutsche oder schweizerische Atomkraftwerke nichts ausmachen. Weshalb eigentlich mögen uns die Österreicher nicht?“, fragte am Dienstag verzweifelt die konservative Prager Tageszeitung „Lidove noviny“. Und sie gab auch gleich die Antwort: Die Aversionen stammten aus der Zeit, da ihnen die Tschechen die Monarchie zerstörten.

Normalerweise ist das ein klassisches Thema für die journalistische „Saure-Gurken-Zeit“. Aber in diesem Fall ist das anders. Die Tschechen sind wirklich richtig sauer. Zwei Vorfälle sind daran schuld: Ein Wiener Gericht hat drei Leihgaben der Prager Nationalgalerie, die sich gerade bei einer Ausstellung im Wiener Belvedere befanden, auf Antrag einer in Liechtenstein residierenden Blutplasmafirma konfiszieren lassen. Besagte Firma befindet sich in einem Rechtsstreit mit Tschechien. Und zudem durfte Ende vergangener Woche eine Lokomotive aus den Škoda-Werken nach einer Testfahrt in Österreich nicht zurück nach Tschechien.

 

Ins Arbeiterviertel verwiesen

Dabei räumen die Tschechen selbst ein, dazu beizutragen, dass das Verhältnis zu den Österreichern bestenfalls „kühl“ ist. Natürlich könne es den Nachbarn nicht gefallen, wenn die Tschechen die Zeit des Zusammenlebens in einem gemeinsamen Staat bis heute als „Temno“ (Zeit der Finsternis) bezeichnen.

Selbstverständlich hätten sie den Österreichern nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen ein Botschaftsgebäude im eher schmuddeligen Prager Arbeiterbezirk Smíchov zugewiesen, während alle anderen Nachbarn auf der zauberhaften barocken Kleinseite residieren konnten. Ganz sicher hätten sich die Österreicher auch daran gestört, dass die Tschechen zu denen gehörten, die am lautesten in Europa gegen die Beteiligung Jörg Haiders an der Regierung in Wien protestiert und sich den EU-Sanktionen angeschlossen hatten.

Für den tschechischen Botschafter in Wien, Jan Koukal, steht fest, dass sich die Österreicher bis heute nicht mit der Vergangenheit ausgesöhnt haben. „Wann immer ich auf einer Vortragsreise unterwegs bin, steht immer einer aus dem Publikum auf und beginnt, auf die Beneš-Dekrete zu schimpfen.“ Vratislav Lokvenc, der fünf Jahre in Österreich Fußball spielte, meint: „Sie neiden uns unserer sportlichen Erfolge und haben da einen regelrechten Komplex.“ Petr Kratochvil von der Agentur „CzechTourism“ begreift nicht, weshalb die Österreicher als Touristen Tschechien meiden, obwohl die Zahl der tschechischen Österreich-Touristen stetig wachse. Botschafter Koukal sieht eine Besserung der Beziehungen: „Immer mehr Leute vom Balkan wandern nach Österreich ein, die vermehrt Kriminalität mitbringen. Daher betrachten die Österreicher uns Tschechen nicht mehr so sehr als kriminelles Volk.“

Außenminister Karel Schwarzenberg, der in Österreich gelebt hat und die Nachbarn wegen ihrer Temelin-Aversion schon mal „Verwirrte“ nannte, sagt, Tschechen und Österreicher seien für den jeweils anderen „wie ein Spiegel“.

 

„Jeder hat Tante in Österreich“

Für die „Lidove noviny“ steht fest, dass die Österreicher – ungeachtet des Vorwurfs der Verwirrtheit – nie wieder so einen netten tschechischen Außenminister bekommen werden. Und im Grunde verhielten sich die Tschechen gegenüber schwächeren Ländern ähnlich arrogant wie die Österreicher gegenüber den Tschechen.

Das Blatt zitiert den ersten tschechoslowakischen Präsidenten, Tomáš Masaryk, der die Tschechen aufgerufen hat, für die Vorurteile der Österreicher Verständnis aufzubringen. „Schließlich“, so Masaryk, „hat jeder von uns eine Tante in Österreich.“ Die Tschechen mögen Masaryk bis heute. Dass sie seinem Rat folgen werden, darf aber bezweifelt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2011)

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