Wie Biosprit-Erzeugung Hungerkrisen anfacht

Im westafrikanischen Land Sierra Leone haben Bauern ihre Äcker an einen Konzern zur Ethanolerzeugung verpachtet. Nun droht ihnen Nahrungsknappheit. NGOs sprechen von Landraub.

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(c) Reuters (STRINGER)

Makeni. Wo sich einst bunte Felder über die sanften Hügel der Savanne zogen, befindet sich heute eine riesige Baustelle. Der Lärm schwerer Baufahrzeuge stört die sonst idyllische Stille der ländlichen Gegend. Statt Vogelgezwitscher hört man das Dröhnen von Motoren und Hämmern.

Kleinbauern sehen entsetzt zu, wie ihr Land für eine großflächige Zuckerrohrplantage der Firma Addax Bioenergy gerodet wird. Ab 2013 will das Unternehmen jährlich 90.000Kubikmeter Biosprit herstellen, hauptsächlich für den europäischen Markt. Den einheimischen Bauern der Makeni-Region im Norden Sierra Leones wurde Ersatzland versprochen, um ihre Versorgung mit Getreide zu sichern. Zusätzlich sollte die Ethanolherstellung 4000 neue Arbeitsplätze schaffen. Auch der Bau von Schulen, Gemeindezentren und Kliniken wurde zugesichert.

Das Angebot war verlockend. Die Bauern verpachteten Addax, einer Tochterfirma des transnationalen Energiekonzerns Addax & Oryx Group mit Sitz in Genf, 57.000 Hektar über eine Laufzeit von 50 Jahren. Doch nur wenige Monate nach Unterzeichnung der Verträge erwachten die Landbewohner in der bösen Realität: Sie haben die fruchtbarsten Ländereien – und damit ihre traditionelle Einnahmequelle – verloren. Doch die Jobs sind ausgeblieben.

 

Gesetz führte zu Verpachtungen

„Die Versprechen waren ein großer Anreiz für die Bauern. Nun stehen sie mit leeren Händen da“, sagt Sheku Mansaray, Geschäftsführer des Sierra Leone Verbands für Erwachsenenbildung (Sladea), der sich für die Rechte der Bauern einsetzt. Die Bauern, die oft weder lesen noch schreiben können, hätten Pachtverträge unterzeichnet, ohne deren Inhalt genau zu kennen. Zwar wurden sie von Anwälten beraten. Doch später stellte sich heraus, dass diese von Addax bezahlt worden waren.

Das Sierra Leone Netzwerk für Nahrungssicherheit (Silnorf), zu dem Sladea gehört, hat nun eine unabhängige Studie durchgeführt, um die Beschwerden der Bauern zu überprüfen. Das Ergebnis war eindeutig. „Es handelt sich um einen klaren Fall von Landraub“, bestätigt der Agrarhandelsexperte Francisco Mari vom Evangelischen Entwicklungsdienst, der die Studie mitfinanzierte. „Addax scheint viele der vertraglich festgelegten Versprechen nicht einzuhalten.“ Die Ethanolherstellung bedrohe den Zugang zu Ackerland und zu Trinkwasser und verletze das Recht auf Nahrung.

Im Nachhinein können die Bauern kaum gegen die Verträge angehen. „Es kann nur in London, dem Sitz der Addax-Muttergesellschaft, gegen die Pachtverträge geklagt werden. Das ist natürlich für Kleinbauern aus Sierra Leone unmöglich“, sagt Mari.

Die Situation der Bauern der Makeni-Region, die rund 150Kilometer nordöstlich von Sierra Leones Hauptstadt Freetown liegt, ist kein Einzelfall. Der Beschluss der EU, seit dem 1.Jänner 2011 Benzin mit einer Beimischung von bis zu zehn Prozent Bioethanol einzuführen, hat zur Verpachtung großer Landflächen in zahlreichen afrikanischen Ländern geführt, unter anderem Kenia, Mozambique, Mali und im Senegal.

In den zwölf Dörfern der Makeni-Region mussten Einwohner tatenlos zusehen wie Addax 2000 Hektar Gemeindefelder, die die Firma zur Nahrungsmittelversorgung bepflanzen sollte, zu lange brach liegen ließ. In Sierra Leone, wo die Regenzeit im Mai einsetzt und bis Oktober andauert, müssen Felder Ende April bestellt sein. Andernfalls sind Ernteausfälle die Folge. „Wir befürchten Hunger in der Region“, warnt Karen Neumeyer von der NGO „Brot für die Welt“. Davon werden 14.000Menschen betroffen sein.

 

Keine Arbeit für Unqualifizierte

Die Studie erhebt zudem schwere Vorwürfe gegen Addax, Einwohner von der Wasserversorgung abzuschneiden. Die Firma hat sich vertraglich die Rechte an den Wasserläufen des Rockel, des größten Flusses des Landes, gesichert. „Die Umleitung zweier Zuflüsse haben in einem der Dörfer die Bäche versiegen lassen“, sagt Neumeyer.

Die Einwohner fühlen sich außerdem um die versprochenen Arbeitsplätze betrogen. Bisher wurden nur 600 Kurzzeitjobs vergeben. „Niemand ist länger als zwei bis drei Monate beschäftigt“, sagt Mansaray vom Verband für Erwachsenenbildung.

Addax behauptet, die Arbeitsplätze müssten erst noch geschaffen werden. Für den Bau der Ethanolfabrik und des Kraftwerks sollen mehr als 2000Leute eingestellt werden. Doch Mansaray glaubt, auch dann werden die Dörfler nicht profitieren. „Für solche Jobs braucht man technische Fähigkeiten, die Kleinbauern nicht haben. Addax wird die Arbeitsplätze an qualifizierte Leute von außerhalb vergeben“, befürchtet er.

 

Rechtmäßiges Verfahren

Addax beharrt darauf, es habe ein rechtmäßiges Konsultationsverfahren durchgeführt. „Wir haben über mehr als zwei Jahre intensive Dialoge mit Landbesitzern, Gemeinderäten, Landesbehörden und Vertretern der Zivilgesellschaft geführt“, sagt Geschäftsführer Nikolai Germann in einer Mitteilung.

NGO-Vertreter verlangen, dass sich Addax erneut mit den Kleinbauern an den Verhandlungstisch setzt, um sich auf einen gerechteren Deal zu einigen. Doch bisher blieb Addax stumm.

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Grafik: Die Presse

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2011)

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