"Costa Concordia": Unglück aus Prahlerei?

Während sich die Vorwürfe gegen den Kapitän des Kreuzfahrtschiffes verdichten, steigt laut Angaben der Küstenwache die Zahl der Vermissten.

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(c) EPA (MASSIMO PERCOSSI)

Es ist ein Kampf gegen die Zeit. Noch ist die Costa Concordia nicht ganz versunken, noch liegt der Koloss in Seitenlage vor dem Hafen der toskanischen Insel Giglio auf einer Felskante. Doch am Montag verschlechterte sich das Wetter, der Seegang wurde stärker, der Rumpf des in der Nacht auf Samstag havarierten Kreuzfahrtschiffes begann so zu rutschen, dass die schwierige Suche nach Überlebenden zeitweise gestoppt werden musste.

„Die Hoffnung, weitere Vermisste lebend zu finden, ist sehr klein“, hatte der Bürgermeister von Giglio, Sergio Ortelli, eingeräumt. Die ganze Nacht über waren Retter im Einsatz, doch konnte am Morgen lediglich eine weitere Leiche geborgen werden. Die Zahl der Toten stieg damit auf sechs. Kein Lebenszeichen gibt es von 25 Passagieren und vier Crewmitgliedern, sagte Küstenwachenchef Marco Brusco am Montagabend im Fernsehsender RAI Uno. Nach seinen Angaben sind zehn Deutsche und sechs Italiener unter den Vermissten. Zuvor hatte die Polizei die Zahl der Vermissten mit mindestens 16 angegeben.

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Seemännischer Gruß mit Folgen

Wie es zu dem bisher größten Unglück der modernen Kreuzschifffahrt kam, war weiter unklar. Der Fahrtenschreiber muss erst ausgewertet werden. Doch spricht alles dafür, dass der Kapitän grob fahrlässig seine schwimmende Kleinstadt mit über 4000 Menschen auf ein Riff gesteuert hatte. Augenzeugen und Überlebende berichten, Capitano Francesco Schettino (52) habe das Unglück wegen Wichtigtuerei und Prahlerei heraufbeschworen: Er habe das 290 Meter lange Schiff abweichend von der üblichen Route dicht an die Insel herangesteuert – wohl, um die Familie eines Chefkellners, die dort lebt, zu „grüßen“. Solche „Verneigungen“ vor Küstenbewohnern und Touristen an Land sind üblich – oft verlassen die Schiffe die normale Route und nähern sich stark den Küsten. Die Regierung in Rom will das nun verbieten.

Der Concordia wurde dieser „Gruß“ zum Verhängnis. Ein Granitfelsen schlitzte ihren Rumpf auf mehr als 50 Metern auf, Schettino steuerte das Schiff bis in die Nähe des Hafens, dort legte es sich zur Seite. Die Hafenbehörden aber erfuhren davon offenbar nur, weil die Mutter einer Passagierin sie alarmierte – denn Schettino spielte die dramatische Situation zuerst herunter: „Alles unter Kontrolle, wir haben nur ein kleines technisches Problem“, soll er auf Fragen der Küstenwache geantwortet haben. Einen SOS-Ruf hielt er für unnötig, das Signal zur Evakuierung wurde spät gegeben. Diese verlief nach Aussagen vieler Geretteter chaotisch. Der aus Süditalien stammende Kapitän aber wartete nicht, bis die letzten Passagiere von Bord waren, wie es der (ungeschriebene) Ehrenkodex der Seeleute vorsieht, sondern setzte sich per Rettungsboot ab. „Bringen Sie mich weit weg“, soll er zu einem Taxifahrer gesagt haben. Selbst Befehlen der Hafenkommandantur, sich sofort auf sein Schiff zu begeben, widersetzte er sich.

Später sagte Schettino, die Felsen, die das Schiff rammte, seien in den Seekarten nicht verzeichnet. Die Staatsanwaltschaft von Livorno glaubt das ebenso wenig wie die Bewohner von Giglio und Kenner der Gewässer, welche als gefährlich bekannt sind. Seit Samstag sitzt Schettino wegen Fluchtgefahr in U-Haft, ihm droht unter anderem eine Anklage wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung.

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„Beurteilungsfehler“

Selbst die Genueser Reederei Costa Crociere, eine Tochter der amerikanischen „Carnival“, ging auf Distanz zu Schettino, der seit 2006 Kapitän ist. Er habe „Beurteilungsfehler mit schwersten Folgen gemacht“, hieß es. Der Präsident der Firma, Pier Luigi Foschi, räumte Fehler ein. „Wir werden unserem Kapitän juristisch beistehen,“ sagte er. „Aber wir gehen davon aus, dass menschliches Versagen zu dem Unglück geführt hat.“ Und: „Ja, der Kapitän wollte die Insel grüßen.“

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Die Reederei lässt untersuchen, wie das 110.000 Tonnen schwere Schiff geborgen werden kann. Man könnte es mit Luftkissen heben und abschleppen; möglicherweise muss es zerlegt werden. Vorerst drohen tausende Liter Diesel auszulaufen; ein holländisches Bunkerschiff ist unterwegs, um eine Ölsperre um das Wrack zu legen.

Zur Person

Der Kapitän der Costa Concordia war zum Unglückszeitpunkt Francesco Schettino, ein 52-Jähriger aus dem Ort Meta di Sorrento nahe der süditalienischen Stadt Neapel. Er kommt aus einer Familie mit seemännischer Tradition und trat vor zehn Jahren in die Dienste der Reederei Costa Crociere in Genua. Zuerst war er Sicherheitsoffizier, 2006 wurde er zum Kapitän befördert. Nun sitzt er wegen Fluchtgefahr in U-Haft.

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