Lech: Herrscherfamilie sammelt sich am Krankenbett

Eigentlich wollte sich die Familie von Königin Beatrix in Lech zum Skifahren treffen. Nun bangen die Oranier in der Universitätsklinik Innsbruck um das Leben von Prinz Johan Friso.

Herrscherfamilie sammelt sich Krankenbett
Schließen
Herrscherfamilie sammelt sich Krankenbett
Herrscherfamilie – (c) APA/ROBERT PARIGGER (ROBERT PARIGGER)

Es hätte ein entspannter und diskreter Skiurlaub in Lech am Arlberg werden sollen. So wie in all den vergangenen Jahren. Doch nun strömt das niederländische Königshaus am Krankenbett von Prinz Johan Friso von Oranien zusammen. Er war am Freitag unter eine Lawine geraten. Noch am selben Abend fuhr ein schwarzer BMW erstmals am Besuchereingang der Universitätsklinik Innsbruck vor. Die niederländische Königin Beatrix und ihre Schwiegertochter Mabel stiegen aus. Sie besuchten den schwer verletzten Prinzen auf der Intensivstation.

Am Samstag wiederholte sich das Schauspiel vor den Augen zahlreicher Journalisten, gleichzeitig fanden sich die übrigen Mitglieder der niederländischen Königsfamilie in Lech ein. Via Schweiz reisten Thronfolger Willem-Alexander, Prinzessin Maxima und die Kinder an, mit dabei auch Beatrix' dritter Sohn Constantijn mit Familie.

Der Prinz schwebte noch immer in Lebensgefahr. Doch es kam auch eine gute Nachricht aus der Klinik: Er hat keinen Schädelbruch. Das zumindest sagt der behandelnde Arzt Claudius Thomé in einem Gespräch mit der Zeitung ,,NRC Handelsblad.‘‘ Und: ,,Der Prinz hat auch keine Verwundungen am Körper.“ Aber: ,,Die wichtigste Frage ist nun, was mit seinem Gehirn ist. Wenn ein Körper zu wenig Sauerstoff bekommt, dann weiten sich die Blutgefäße aus und das Gewebe schwillt an. Im Gehirn ist das sehr gefährlich.“

Momentan sei noch nicht absehbar, wie dieser Prozess bei dem 43-jährigen Friso enden wird. 23 Minuten lag er bewusstlos im Inneren der Lawine. Dann wurde er geborgen und wiederbelebt. Als ihn die Retter aus dem Schnee schaufelten, betrug seine Körpertemperatur nur noch 32 Grad Celsius.Lechs Bürgermeister Ludwig Muxel erklärte am Samstag, dass wenige Stunden vor dem Unglück in der Region Lawinensprengungen stattgefunden hätten. „Wir waren deshalb überrascht, dass sich eine Lawine löste.“ Derzeit prüft die Staatsanwaltschaft den Fall – eine Standardprozedur bei Lawinenunglücken mit Personenschaden.

Laut den behandelnden Ärzten könne man derzeit nur abwarten. Der Prinz soll im künstlichen Koma liegen. Seine Körpertemperatur habe sich noch immer nicht auf Normalniveau stabilisiert.

Chronologie: Das Lawinenunglück von Prinz Friso

Besonders schlimm ist das Lawinenunglück von Prinz Friso für seine Gattin Prinzessin Mabel. Sie leidet in diesen Tagen doppelt. Denn fast auf den Tag genau vor 34 Jahren, an dem jetzt ihr Mann Friso von einer Lawine verschüttet wurde, starb ihr Vater. Ebenfalls bei einem tragischen Unglück. Er sackte beim Schlittschuhlaufen durchs Eis und ertrank. Mabel war damals neun Jahre alt.

Bewegte Vergangenheit.
Neben Maxima ist Prinzessin Mabel die schillerndste Persönlichkeit im Clan der Oranier. Als Studentin war sie eine Zeit lang mit dem Amsterdamer Unterweltboss Klaas Bruinsma liiert. Diese Liaison kostete Prinz Friso die Thronfolge und seinen offiziellen Status als Mitglied des Königshauses. Denn die beiden verschwiegen die Affäre, die Mabel als Studentin mit dem Unterweltboss Bruinsma hatte, gegenüber Königin Beatrix und gegenüber der niederländischen Regierung, die Prinz Friso daraufhin die parlamentarische Genehmigung seiner Hochzeit mit Mabel am 24. April 2004 verweigerte, was automatisch den Ausschluss von der Thronfolge mit sich bringt.

Prinzessin Mabel ist politisch engagiert und arbeitet für die George-Soros-Stiftung. Prinz Friso, der vor seiner Hochzeit Gerüchte dementieren ließ, er sei homosexuell, ist angeblich der Lieblingssohn von Beatrix. Er gilt auch als der intellektuellste der drei.

Lieblingssohn der Königin? Friso gab öffentlich zu, dass er niemals König der Niederlande werden möchte. Als die drei Buben im kindlichen Alter manchmal miteinander rauften, soll Friso zu seinem jüngeren Bruder Constantijn gesagt haben: ,,Wir müssen Alex am Leben lassen, sonst muss ich König werden.‘‘

Prinz Friso war laut der Zeitung ,,de Telegraaf‘‘ mit dem Hotelmanager des Hotel Post in Lech, wo die königliche Familie jedes Jahr im Winterurlaub logiert, zum Skilaufen unterwegs. Allerdings auf einer ungesicherten Piste, und das obwohl die vierte von fünf Lawinenwarnstufen galt. Sein Begleiter hat die Wucht der Lawine überlebt, weil er einen Airbag-Rucksack trug. Prinz Friso soll keinen solchen Airbag-Rucksack getragen haben. Er war aber mit einem sogenannten Lawinenpieps ausgestettet, das die Suchmannschaften schnell orten konnten.


Das Land zittert mit. Die Nachricht, dass Prinz Friso von einer Lawine verschüttet wurde, hat ganz Holland geschockt und eine Welle der Anteilnahme in der Bevölkerung ausgelöst. Radio- und TV-Sender änderten das Programm und brachten Sondersendungen über das Unglück von Prinz Friso.

Ministerpräsident Mark Rutte telefonierte mit Königin Beatrix, um ihr zu sagen: ,,Majestät, das ganze Land lebt mit Ihnen und Ihrer Familie mit.‘‘ Politiker aller Parteien bekundeten öffentlich ebenfalls ihre Anteilnahme an die königliche Familie. ,,Wieder hat es die Königin getroffen. Sie hat schon ihre beiden Eltern verloren, ihren geliebten Ehegatten Prinz Claus ebenso. Und jetzt muss sie am Bett ihres Sohnes Friso wachen und um dessen Leben bangen“,‘ schrieb das ,,Algemeen Dagblad.‘‘

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2012)

Mehr zum Thema:

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.