Der Atomausstieg bleibt auf globaler Ebene weiterhin ein Minderheitenprogramm

Nach dem ersten Schock blieb in der Atomwirtschaft nach Fukushima alles beim Alten. Nur in Japan und Deutschland gab es echte Umwälzungen.

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(c) Dapd (Timur Emek)

Wien. „Fukushima ist ein Wendepunkt“ titelte die deutsche „Welt“ vier Tage nach dem verheerenden Tsunami vom 11. März 2011, der im japanischen AKW Fukushima den größten Atomunfall seit Tschernobyl auslöste. Und das normalerweise zurückhaltende „Handelsblatt“ legte noch eins drauf: „Das war's mit der Atomenergie.“ Es war offensichtlich – der Atomunfall von Fukushima verschob die öffentliche Diskussion über AKW zeitweise kräftig in Richtung der Atomkraftgegner.

 

Kurzer öffentlicher Schock

Selbst in Frankreich, das seinen Strom zu 75 Prozent aus AKW bezieht und wo Atomkraft quasi als sakrosankt gilt, gab es erstmals eine öffentliche Diskussion über das Thema. Und China, das von allen Ländern weltweit die ambitioniertesten Pläne für einen Ausbau der Atomkraft hegt, verhängte zeitweilig einen Genehmigungsstopp für neue Meiler.

Heute, ein Jahr später, ist davon wenig übrig geblieben. Wirkliche Folgen brachte Fukushima nur in wenigen Ländern. So beschloss Deutschland noch im Juni des Vorjahres, die erst im Jahr 2010 beschlossene Laufzeitverlängerung für deutsche AKW wieder zurückzunehmen. Wie im Jahr 2000 von der rot-grünen Regierung beschlossen, wird Deutschland somit ab 2022 keinen Atomstrom mehr selbst produzieren.

Ebenfalls aus der Atomkraft endgültig aussteigen will nun auch die Schweiz. Allerdings sollen alle AKW wie geplant weiterlaufen und lediglich nicht mehr durch neue ersetzt werden. Das letzte Schweizer AKW wird demnach 2034 vom Netz genommen. Und Italien beschloss in einer Volksabstimmung im Sommer 2011, den 1986 erfolgten Ausstieg aus der Atomkraft nicht rückgängig zu machen.

Die größten Auswirkungen hatte Fukushima aber naturgemäß in Japan selbst. Dort kam es quasi über Nacht zum Atomausstieg. Denn von den 54 eigentlich aktiven Reaktoren sind nur noch zwei am Netz. Und auch diese beiden sollen bis Ende April abgeschaltet werden.

 

Kommunen gegen AKW

Grund dafür ist jedoch nicht ein neuer Beschluss der nationalen Regierung über einen Ausstieg aus der Atomkraft, sondern ein altes Gesetz, wonach auch kommunale Behörden zustimmen müssen, wenn AKW nach Wartungsarbeiten wieder hochgefahren werden. Vor der Atomkatastrophe war diese Regelung eine Pro-forma-Angelegenheit. Seit dem März des Vorjahres verweigerten jedoch viele kommunale Behörden ihre Zustimmung. So blieben auch AKW abgeschaltet, bei denen die Wartungsarbeiten nach dem Erdbeben und der AKW-Stresstest erfolgreich durchgeführt wurden.

Der Atomstromanteil an der gesamten Elektrizitätsproduktion Japans fiel daher von 30 auf drei Prozent. Um diesen Produktionsausfall zu verkraften, müssen sämtliche Öl- und Gaskraftwerke des Landes auf Volllast fahren. Letztere waren eigentlich dafür vorgesehen, nur bei Strombedarfsspitzen zum Einsatz zu kommen, da der Betrieb sehr teuer ist. Dies hatte große Folgen für Japans Volkswirtschaft: So musste Japan aufgrund der stark gestiegenen Energieimporte das erste Mal seit der Ölkrise von 1980 wieder ein Handelsbilanzdefizit hinnehmen.

Zudem müssen auch Gaskraftwerke irgendwann einmal wieder für Wartungsarbeiten vom Netz genommen werden, was das Risiko eines Blackouts erhöht. Die japanische Regierung will daher die Gesetze entsprechend ändern, sodass AKW wieder ans Netz genommen werden können.

Auf globaler Sicht hat sich an der seit Längerem erwarteten „Renaissance“ der Atomkraft jedoch wenig verändert. So waren im März 2011 (vor Fukushima) weltweit 440 AKW im Einsatz, 220 in Bau oder konkreter Planung und 324 zumindest politisch angedacht. Derzeit sind 435 Meiler (inklusive der technisch verfügbaren in Japan) aktiv, 223 in Bau oder Planung und für 329 gibt es eine politische Absichtserklärung. Vor allem in Asien sind viele Länder weiterhin von einem Einstieg in die Atomkraft überzeugt. Laut Internationaler Energieagentur wird der Anteil der Atomkraft an der globalen Stromproduktion bis 2050 von 13,5 auf 25 Prozent ansteigen.

 

Neue Sicherheitsvorschriften

Einfluss hatte Fukushima aber auf die Sicherheitsbestimmungen für Kernkraftwerke. So war ein Grund für die Katastrophe, dass die Notstromgeneratoren im Keller des Kraftwerks nebeneinander standen und vom Tsunami sofort zerstört wurden. Dies soll bei Kraftwerken künftig geändert werden, indem die Dieselgeneratoren auf mehrere verstreute und gegen äußere Einflüsse gesicherte Generatorhäuser verteilt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2012)

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