Ein Ritter verwirklicht seinen Traum

Ein junger Quebecer zieht als Ritter mit seinem Pferd Löwenherz durch Kanada. Fasziniert von "Herr der Ringe" sieht er sich als Kreuzzügler des 21.Jahrhunderts.

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(c) Clemens Fabry

Ottawa. Der blank geputzte, im Sonnenlicht funkelnde Helm ist schon von Weitem zu sehen, und durch die Blätter der Bäume und Büsche auf dem Reiterhof in Ottawa leuchtet die rot-weiße Tunika, die sich Ritter Vincent Gabriel Kirouac umgehängt hat. Sein Pferd Coeur de Lion wartet auf das Signal, dass es nach einem Tag Pause weitergeht. Ein weiter Weg liegt noch vor dem Ritter und seinem Pferd Löwenherz. Das Ziel ist tausende Kilometer entfernt: Kanadas Westküste am Pazifischen Ozean.

Ein Ritter auf seinem Weg durch das große Land: Der 22-jährige Vincent Kirouac aus Quebec City, sein ritterlicher Namen lautet Vincent Gabriel I. de Beauport Kirouac, ist ein Edelmann des 21.Jahrhunderts. Er versteht sich als Ritter der Moderne („chevalier des temps modernes“), als Ritter auf Weltreise, der ritterliche Tugenden preisen will. Am 1.April begann seine Reise in St. Pacôme bei Rivière-du-Loup am St.-Lorenz-Strom. 700 Kilometer hat er schon zurückgelegt und die Hauptstadt Ottawa erreicht.

 

Inspiration durch „Herr der Ringe“

„Ich habe als Kind und Jugendlicher davon geträumt, Ritter zu sein“, erzählt er. Coeur de Lion, die neunjährige braune Stute mit dem markanten weißen Fleck auf der Stirn, steht ruhig neben ihm. Rittertum und Rittergeschichten faszinierten Vincent schon sehr früh, aber die richtige Begeisterung kam vor etwa acht Jahren, ausgelöst durch die Verfilmung des Tolkiens-Romans „Herr der Ringe“. „Die Gefährten kämpften zusammen, standen füreinander ein, gewannen gegen ihre Feinde.“ Der junge Mann mit dem Bart und den wehenden braunen Haaren war fasziniert. Seinen mit der Quebecer Lilie verzierten Helm, der Stirn und Nase bedeckt, hat er stets dabei. Nach seinem Schulabschluss in Quebec City ging er an das „Institut de technologie agroalimentaire“ in La Pocatière bei Rivière-du-Loup, das einen Studiengang für Pferdehaltung anbietet. Drei Jahre studierte er, arbeitete als Pferdetrainer, bis er genug Geld hatte, sich ein Pferd zu kaufen.

Er lächelt glücklich. Er verwirklicht seinen Traum. „Ich will Menschen treffen und mit ihnen ins Gespräch kommen“, sagt er. Vincent weiß, dass ihn viele zunächst als Sonderling ansehen. „Aber dann stellen sie interessiert Fragen, und wenn sie mir zuhören, ändert sich das“, sagt er. Der bekennende Katholik spricht von „ritterlichen Tugenden“, die er propagiert: „Freundschaft und Ehre, Respekt, Demut, Aufrichtigkeit, Glaube und Frömmigkeit“, zählt er auf. „Es sind die kleinen Dinge wie Mitgefühl und ein Lächeln, die das Leben verändern.“ Man müsse kein Ritter sein und zu Pferd durch Kanada ziehen, um für diese Werte einzutreten. Aber das sei der Weg, den er gewählt habe. Er sei nicht streng religiös erzogen worden, „aber ich ging in die Kirche, und mein Glauben wurde sehr stark“.

 

Durch Erspartes finanziert

Kritik musste er sich anhören, dass er sein Pferd überfordere. Tatsächlich bildeten sich nach wenigen Tagen bei dem Tier Druckstellen durch Sattel und Gepäck. Er kaufte einen synthetischen Sattel, der nur einen Bruchteil des Gewichts des Ledersattels hat. Zwei Tage lief er neben dem Pferd. Erst als die Stute wieder gesund war, ritt er weiter. Wegen des Gewichts verzichtete er darauf, Brust- und Beinpanzer mitzunehmen. Einen Tag der Woche legt er als Ruhetag ein. Wenn er, wie jetzt im „National Equestrian Park“ von Ottawa-Nepean, Station macht, kommt der Hufschmied und sieht nach, ob die Beine des Pferdes gesund sind.

Seine Reise finanziert er mit Erspartem. Seine Religiosität gibt ihm die Zuversicht, stets Menschen zu begegnen, die ihm helfen. Er will es nicht umsonst haben. Auf Farmen arbeitet er mit, kümmert sich um Tiere, repariert Zäune oder hilft bei der Feldarbeit oder im Haus. „Wenn ich Freundschaften schließen kann, erfülle ich meine Mission“, sagt er und klingt wie ein Ritter auf einem Kreuzzug.

 

Zeichen des 21. Jahrhunderts: GPS

Nun ist Ritter Vincent per Nebenstraßen und Feldwegen auf dem Weg nach Toronto. Von Toronto aus will er mit einem Wagen mit Anhänger nach Winnipeg fahren. Die 2000 Kilometer entlang der Großen Seen, wo es viel Wald und wenig Gemeinden gibt, will er schnell durchqueren. „Ich will vor allem Menschen treffen, nicht möglichst viele Kilometer reiten.“

Ob er es bis Herbst an den Pazifik bei Vancouver schafft, weiß er nicht. Vielleicht wird er irgendwo mit seinem Pferd überwintern und auf einer Farm arbeiten. Und vielleicht ein weiteres Projekt in Angriff nehmen: „Ich würde gern von Edinburgh in Schottland bis Messina in Sizilien reiten, und dann vielleicht bis Jerusalem.“ Seine Verlobte, Katrine Conelly, die er beim Studieren kennen lernte, unterstützt ihn, pflegte seine Website und leitete E-Mails weiter. „Es ist eine großartige Reise. Ich hätte gern mitgemacht, aber ich habe kein Pferd“, sagt Vincents „Prinzessin“.

Ritter und Pferd setzen sich wieder in Bewegung. Dann stoppt Vincent, nestelt in seinem Umhang mit den Löwen als Wappen und holt sein bimmelndes Handy hervor. Auch ein GPS hat er zur Orientierung bei sich. Auf moderne Hilfsmittel will er nun doch nicht verzichten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2012)

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