Föderales Chaos bei Tagesmüttern

19.08.2012 | 18:24 |  von Rosa Schmidt-Vierthaler (Die Presse)

Österreichs Tagesmütter müssen zwischen 60 und 475 Stunden in ihre Ausbildung stecken - je nachdem, in welchem Bundesland sie leben.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Wien. Nirgendwo in Österreich kann man schneller Tagesmutter werden als in Wien. Während in der Steiermark eine Ausbildung von 475 Stunden notwendig ist, damit man den Beruf ausüben darf, reichen in der Bundeshauptstadt 60 Ausbildungseinheiten. In Salzburg sind 172 Einheiten das Minimum, in Kärnten 320. Gibt es einen vernünftigen Grund, warum die gleiche Ausbildung in einem Bundesland achtmal so lange dauert wie in einem anderen?

Eigentlich nicht, denn von Erster Hilfe über Entwicklungspsychologie bis Kommunikation müssen alle relevanten Themen zumindest gestreift werden. Schließlich sollen Tagesmütter (und -väter, doch davon gibt es nur sehr wenige) Kleinkinder kompetent in ihrer Gesamtentwicklung begleiten und fördern. Wer je versucht hat, mehrere Kinder im Alter zwischen null und drei Jahren zu beaufsichtigen, weiß: Das ist wahrlich keine leichte Aufgabe.

Die eklatanten Qualitätsunterschiede will das Familienministerium durch ein Gütesiegel für Ausbildungsstätten mildern, das vor einem Jahr eingeführt wurde. Es verlangt 300 Ausbildungseinheiten und soll „Eltern die Gewissheit geben, dass ihre Kinder von einer qualitativ gut ausgebildeten Person betreut werden“, wie ÖVP-Minister Reinhold Mitterlehner damals erklärte. Es wurden im ersten Jahr allerdings nur acht von 37 Lehrgängen vergeben, wie die aktuelle Beantwortung einer Parlamentarischen Anfrage zeigt: einer in Kärnten, zwei in Salzburg, drei in der Steiermark und zwei in Tirol. Auffällig: Wien ging dabei leer aus.

Die schiefe Optik ist in der Gesetzgebung begründet. Denn die Ausbildung der Tageseltern ist fest in der Hand der Länder, und für die ist Quantität teils wichtiger als Qualität. Wien etwa hat 60 Stunden Ausbildung festgelegt, als der Bedarf an Kinderbetreuungsplätzen sehr groß war. Das bedeutet freilich nicht, dass die Tagesmütter in der Hauptstadt schlechter sind als die auf dem Land. Nur müssen sie sich Kompetenzen Schritt für Schritt selbst erarbeiten oder auf Fortbildungen warten, denn ihre Ausbildung reicht lediglich für ein oberflächliches Bekanntwerden mit den vielen Themen.

Die unterschiedlichen Regelungen in den Bundesländern sind für BZÖ-Familiensprecherin Ursula Haubner „untragbare Zustände, die sofort beseitigt werden müssen“. Sie hält das Gütesiegel des Ministeriums für „eine reine Schönfärbeaktion“ und fordert ein rasches bundeseinheitliches Rahmengesetz für Ausbildung und Bezahlung von Tageseltern. Doch auch, wenn das Ministerium Tageseltern als „unverzichtbares Standbein“ der Kinderbetreuung betrachtet, arbeitet man nicht an einer Gesetzesänderung: Es sei „völlig aussichtslos“, dass die Länder freiwillig Kompetenzen abgeben würden.

 

„Sechzig Einheiten reichen nicht“

Die Institutionen hoffen unterdessen darauf, dass die Bundesländer selbst die Qualitätskriterien anheben. „Ich glaube nicht, dass sechzig Einheiten zur Ausbildung reichen“, sagt Elvira Tomancok, Geschäftsführerin der „Kinderdrehscheibe“. Ihre Institution bildet die meisten Tagesmütter in Wien aus, wie sie sagt, und gestaltet ihre Kurse auch anspruchsvoller als andere Institutionen. Statt der 60 Einheiten, die zur Berufsbefähigung ausreichen würden, müssen dort 120 absolviert werden. Allerdings sei es nicht immer einfach, bei diesen Anforderungen auch genügend Interessenten zu finden: „Ich halte sehr viel vom Qualitätssiegel, und auch wir werden einen Lehrgang dafür einreichen“, sagt Tomancok. Doch das sei erst sinnvoll, wenn eine erweiterte Ausbildung gesetzlich erforderlich werde. Denn wie soll sie künftige Tagesmütter davon überzeugen, eine Ausbildung zu machen, die fünfmal länger dauere als bei anderen Anbietern in Wien?

Tomancok ist aber optimistisch: „Ich glaube, dass die Stadtregierung das Gesetz ändern wird.“ Denn Wien hat das sogenannte Barcelona-Ziel – eine EU-Vorgabe – erreicht: 33 Prozent der unter Dreijährigen haben einen Betreuungsplatz. „Es sind genügend Betreuungsplätze vorhanden. Jetzt kann man an der Qualität arbeiten.“ Ob die Stadt Wien diesem Argument folgen wird, bleibt offen.

Auf einen Blick

Das Gütesiegel „Ausbildungslehrgänge für Tagesmütter/-väter“ wird seit einem Jahr vom Familienministerium verliehen. Bisher haben es acht Organisationen erhalten, die einem Curriculum-Vorschlag mit 300 Unterrichtseinheiten in Theorie und Praxis folgen. Die Mindestanforderungen der Bundesländer sind höchst unterschiedlich: In Wien sind Tageseltern schon nach 60 Stunden Ausbildung berufsfähig, in Salzburg nach 172, in Kärnten nach 320 und in der Steiermark nach 475.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

14 Kommentare
Gast: Schweinchen Schlau
23.08.2012 08:37
2 0

Bei wem liegt das Chaos?

Das Chaos liegt wohl nicht bei den Tagesmüttern, sonder bei der Politik. Bitte liebe Presse, achten Sie etwas genauer auf Ihre Worte und schieben Sie das Chaos nicht den Tagesmüttern in die Schuhe. Die sind höchstens die Leidtragenden des Chaos'.

Gibt es dafür einen vernünftigen Grund?

Nein! es gibt keinen Grund solche rethorische Fragen zustellen! Besonders dann nicht, wenn die Zeitung "Die Presse" heißt!

Im Artikel wird eindeutig aufgezeigt, dass die föderale Lösung genau ihre Aufgabe erfüllt.
Dort wo es möglich ist, wird die Qualität hochgefahren um eine möglichst gute Betreuung zu garantieren.
Dort wo man Kräfte braucht, muss es schnell gehen. Das war wohl der Weg der Wiener.
Was wären die Alternativen in Wien? Die Mutter/der Vater müßte zu Hause am Herd bleiben, oder eine Lösung wie bei den Schulen: Irgendeine Person wird einer horrenden Zahl an Kindern gegenübergestellt. Mit dem Konsequenz, dass sie sich die Kleinen still beschäftigen müssen.

Der Unterschied zwischen den Regelungen finde ich jetzt nicht so schlimm, weil Eltern sehr wohl aussuchen können, wen sie haben wollen.

Und mal ehrlich: Welche Eltern haben 60 Stunden Erziehungsausbildung? Die meisten scheinen das auch ohne zu schaffen.

Eines bin ich mir sicher: Fr. Schmidt-Vierthaler würde ich nicht als Tagesmutter nehmen. Dass bei Betreuung eine Lebenseinstellung transportiert wird, ist mir klar. Aber dass eine Ideologie mit aller Gewalt eingetrichtert werden soll, die dann nicht einmal durchüberlegt und reflektiert wird, disqualifiert als Tagesmutter. Mit oder ohne Ausbildung.


Was wir brauchen ...

... ist der sozialistische Einheitsstaat?
Ich wünsche mir verschiedene Regionen, in denen sich die Menschen ihre eigenen Regeln machen. Nur in Ausnahmesfällen soll an die übergeordnete Stelle deligiert werden.
Nennt sich Subsidiarität oder "small is beautiful".

2 0

Augenauswischerei

1) Wenn ich mir eine Tagesmutter suche, dann seh ich sie mir an
2) Befrage ich die Kinder wie es ihnen gefallen hat
3) Wenn ich eine brauche, dann soll eine verfügbar sein
Einschulung ja, wenn einem das nicht liegt, dann soll er das nicht machen.
Denn die tollste, teuerste und beste Ausbildung mit Diplom kann eine schlechte Betreuungsperson nicht besser machen!
Das soll in diesem Seminar festgestellt werden und eine Einschulung stattfinden, sowie eine berufsbegleitende Betreuung, wenn notwendig.

Wien und Österreich hinkt was kinderbetreungsplätze betrifft dermaßen hinterher!!!

viel zu wenige Kindergartenplätze, da kommen schnelle im husch Pfusch entstandene tagesmütterstätten wie gerufen! naja so lange genug Geld für unseren "sumpf" und Griechenland über ist, brauchen wir uns ja nicht zu sorgen! net woar?!

Gast: Gastname2
19.08.2012 21:45
1 0

Erziehungswissenschaften studieren

http://www.bfi-stmk.at/seminare/lehrgang/tagesmutter-vaterkinderbetreuerin/364929
" target="_blank">http://www.bfi-stmk.at/seminare/lehrgang/tagesmutter-vaterkinderbetreuerin/364929

" target="_blank">http://www.bfi-stmk.at/seminare/lehrgang/tagesmutter-vaterkinderbetreuerin/364929
" target="_blank">http://www.bfi-stmk.at/seminare/lehrgang/tagesmutter-vaterkinderbetreuerin/364929



Die Ausbildung kostet 1600 Euro und dauert ein Jahr - ein Studium der Erziehungswissenschaften dauert ein bisschen länger ist kostenlos und ermöglicht auch noch andere Berufsfelder


Gast: AMS_Kurs2012
19.08.2012 21:35
1 0

EU schau oba

wozu haben wir die EU wenn jetzt doch in Ö allein wieder 9 verschiedene Zuständigkeiten sind? Sind die Kinder in Wien anders zu betreuen als in Eisenstadt?
Unglaublich und ich hab gedacht, die Monarchie mit den Landesfürsten wurde abgeschafft, was sagt eigentlich die EU dazu?
Ist doch ein glatter Verstoss gegen die Niederlassungfreiheit wenn die in Wien ausgebildete Tagesmutter in OÖ nicht arbeiten darf ....

Gast: Mamutschka
19.08.2012 21:32
1 0

überreguliert wie so vieles

300 "Ausbildungseinheiten" a 120 min - also 600 h Kurs in der Stmk und - das steht ja hier nicht dabei - und zusätzlich ein (unbezahltes) 160 h Praktikum bei zwei unterschiedlichen Tagesmüttern und einer Kinderbetreuungseinheit ..... dazu kostet der Kurs inzwischen über 1000 Euro und ist privat zu bezahlen .... dann kriegt man ca. 2 Euro pro Kind/h und muss sich noch selber versichern wenn man nicht über den Verein angestellt wird (und das nur wenn man viele Kinder Vollzeit nimmt).

niemals - das ist echt der Overkill - da hab ich als zweifache Mutter die Babysitterausbildung gemacht (16 h) und darf jetzt auch legal Kinder sitten und die such ich mir selber aus .... brauch ich keine Verein dazu ....

Typisches Zeichen einer postindustriellen Gesellschaft ist die Verschulung von Hilfsjobs (siehe Kinderbetreuung, Altenbetreuung - was kommt als nächstes? Studium der Boden- und Fensterpflege?) Naja die Sozialvereine der verschiedenen Colours wollen ja auch wofür zuständig sein .....



0 0

Re: überreguliert wie so vieles

Die Qualität der Ausbildung lässt auch zu Wünschen übrig.
Bachblüten Beraterin die ihre Seminare an die Frau bringen wollen, Ernährungsberaterinnen die den zukünftigen TM die Makrobiotikkochkunst nahe bringen will, eine Krankenschwester die zeigen will wie TM mit Stoffwindeln wickelt.....
u.s.w. einfach vergeutete Zeit!!!

0 0

Re: überreguliert wie so vieles

danke für ihren Kommentar.

Nicht vergessen werden darf, dass sich eine zukünftige TM in der Steiermark auch noch von der zuständigen BH mit vielen Auflagen dransalieren lassen darf.
von einer Bescheinigung, dass alle elektrischen Installationen im Haus/Wohnung von einer Fachfirma durchgeführt wurden, bis zu den versperrbaren Fenstergriffen.
Der Durchleuchtung der Familie durch 2 Sozialarbeiter, und noch alle Familienmitgleider müssen ein ärztliches Gutachen bringen, dass sie frei von krankheiten sind:..

all das für diesen mickrigen Stundenlohn aber Hauptsache die Organisationen haben ein schönes Büro und viele Angestellte auf Kosten der Tagesmütter versteht sich.


ich wunder mich, dass sich jemand das antut....

für den bettel, der gezahlt wird.

Antworten Gast: Zenzine
20.08.2012 07:19
0 0

Re: ich wunder mich, dass sich jemand das antut....

Es gibt halt doch noch ein paar Idealisten.

0 4

Re: ich wunder mich, dass sich jemand das antut....

Was haben Sie für das Posting bekommen?

die selben gründe die für den

parallelen erhalt von 9 lokalverwaltungen sprechen. viva austria, wir schwimmen im geld!

Schlagzeilen Bildung

AnmeldenAnmelden