Raus aus dem Durchschnittsturnsaal

Der Genetiker Markus Hengstschläger hält ein Plädoyer für die Individualität. Und das Publikum ist erzürnt über Unterrichtsministerin Claudia Schmied.

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Raus Durchschnittsturnsaal
(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

[Alpbach] Oft sind es die scheinbar simplen Bilder, die einen Sachverhalt am besten ausdrücken. Im Fall des Genetikers Markus Hengstschläger ist es ein fiktiver Turnsaal, in dem sich sein Ärger über das heimische Bildungssystem manifestiert. Einer, in dem eine Schulklasse auf einen Ball wartet, der zu einem unbestimmten Zeitpunkt aus einer noch unbekannten Richtung auftauchen wird.


„Niemand weiß, wann und woher die Fragen der Zukunft kommen werden – oder gar, wie sie lauten“, sagte Hengstschläger bei einer Diskussion mit Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) bei den Technologiegesprächen beim Europäischen Forum Alpbach. „Wir sollten aber so aufgestellt sein, dass wir sie beantworten können.“ In dem metaphorischen Turnsaal, im heimischen Bildungssystem also, läuft es laut Hengstschläger jedenfalls grundfalsch ab. Erster Fehler: Es geht immer um den Durchschnitt. „Wenn der Ball bisher zehn Mal von rechts unten und ebenso oft von links oben gekommen ist, stellen sich alle in die Mitte, um ihn zu fangen.“ Zweiter Fehler: Wenn alle sich falsch positionieren, wird das durchwegs akzeptiert. „Es ist einfacher, sich mit der Mehrheit zu irren, als allein recht zu haben.“


Dass der Spitzenforscher vom Durchschnitt wenig hält, ist spätestens seit seinem Buch „Die Durchschnittsfalle“ hinreichend bekannt. In Alpbach beschränkte er sich daher auch nicht darauf, seine Thesen („Die einzig sinnvolle Strategie ist die Förderung höchstmöglicher Individualität.“ „Nur wer einen neuen Weg gehen kann, ist innovativ.“) zu wiederholen. Vielmehr unterbreitete er der Ministerin einen regelrechten Forderungskatalog, um aus dem (Durchschnitts-)Turnsaal ein Bildungssystem zu machen, in dem Talente erkannt und in Erfolge umgesetzt werden.

Talentscouts in der Schule


Angefangen beim Kindergarten mit einem zweiten verpflichtenden Jahr, über eine Art Mutter-Kind-Pass für die deutsche Sprache bis hin zu einer Verlängerung der Sekundarstufe eins und der verpflichtenden mittleren Reife nach der Pflichtschule streiften die Wünsche jeden erdenklichen Bereich. Lehrer sollten nach der Pflichtschule außerdem eine Potenzialanalyse jedes Schülers verfassen, in der Nachmittagsbetreuung sollten Talentscouts eingesetzt werden („Der Genetiker kann nicht das Schlagzeugtalent seines Sohnes erkennen.“) – speziell auch für Schüler aus sozial schwachen Familien, denn gerade in diesen fehle für das Entdecken von Talenten oft Zeit und Geld. Schulen müssten autonom sein und auf dem freien Markt miteinander konkurrieren: „Das beste Angebot setzt sich durch.“ Und schließlich sollten die Lehrer 40 Stunden pro Woche anwesend sein, bei fünf Wochen Urlaub pro Jahr und einer leistungsorientierten Bezahlung – inklusive Prämien.


Dass Ministerin Schmied, die von Hengstschlägers Katalog wohl etwas überrumpelt wurde, daraufhin grundsätzlicher ansetzte, statt im Detail zu den Forderungen Stellung zu nehmen, erzürnte zwar nicht den Genetiker – umso mehr aber das Publikum. Während Schmied den Wert von Bildung betonte – nicht nur für Wirtschaft und Entwicklung, sondern auch für die Gesellschaft („Es geht auch um Haltungen, Einstellungen, Anstand und Integrität, Selbstvertrauen und Zuversicht.“) – wurde auf Twitter gar die Frage gestellt, wer von den beiden denn der Minister sei: „Wenn man nicht weiß, wer Bildungsminister ist, würde man glauben, es sei Hengstschläger.“ So weit wird es nicht kommen. Ihm fehle für die Politik, so der Forscher, eine zentrale Eigenschaft: die Diplomatie.

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