Raus aus dem Durchschnittsturnsaal

26.08.2012 | 20:38 |  Von Bernadette Bayrhammer (Die Presse)

Der Genetiker Markus Hengstschläger hält ein Plädoyer für die Individualität. Und das Publikum ist erzürnt über Unterrichtsministerin Claudia Schmied.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Mehr zum Thema:

[Alpbach] Oft sind es die scheinbar simplen Bilder, die einen Sachverhalt am besten ausdrücken. Im Fall des Genetikers Markus Hengstschläger ist es ein fiktiver Turnsaal, in dem sich sein Ärger über das heimische Bildungssystem manifestiert. Einer, in dem eine Schulklasse auf einen Ball wartet, der zu einem unbestimmten Zeitpunkt aus einer noch unbekannten Richtung auftauchen wird.

Mehr zum Thema:


„Niemand weiß, wann und woher die Fragen der Zukunft kommen werden – oder gar, wie sie lauten“, sagte Hengstschläger bei einer Diskussion mit Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) bei den Technologiegesprächen beim Europäischen Forum Alpbach. „Wir sollten aber so aufgestellt sein, dass wir sie beantworten können.“ In dem metaphorischen Turnsaal, im heimischen Bildungssystem also, läuft es laut Hengstschläger jedenfalls grundfalsch ab. Erster Fehler: Es geht immer um den Durchschnitt. „Wenn der Ball bisher zehn Mal von rechts unten und ebenso oft von links oben gekommen ist, stellen sich alle in die Mitte, um ihn zu fangen.“ Zweiter Fehler: Wenn alle sich falsch positionieren, wird das durchwegs akzeptiert. „Es ist einfacher, sich mit der Mehrheit zu irren, als allein recht zu haben.“


Dass der Spitzenforscher vom Durchschnitt wenig hält, ist spätestens seit seinem Buch „Die Durchschnittsfalle“ hinreichend bekannt. In Alpbach beschränkte er sich daher auch nicht darauf, seine Thesen („Die einzig sinnvolle Strategie ist die Förderung höchstmöglicher Individualität.“ „Nur wer einen neuen Weg gehen kann, ist innovativ.“) zu wiederholen. Vielmehr unterbreitete er der Ministerin einen regelrechten Forderungskatalog, um aus dem (Durchschnitts-)Turnsaal ein Bildungssystem zu machen, in dem Talente erkannt und in Erfolge umgesetzt werden.

Talentscouts in der Schule


Angefangen beim Kindergarten mit einem zweiten verpflichtenden Jahr, über eine Art Mutter-Kind-Pass für die deutsche Sprache bis hin zu einer Verlängerung der Sekundarstufe eins und der verpflichtenden mittleren Reife nach der Pflichtschule streiften die Wünsche jeden erdenklichen Bereich. Lehrer sollten nach der Pflichtschule außerdem eine Potenzialanalyse jedes Schülers verfassen, in der Nachmittagsbetreuung sollten Talentscouts eingesetzt werden („Der Genetiker kann nicht das Schlagzeugtalent seines Sohnes erkennen.“) – speziell auch für Schüler aus sozial schwachen Familien, denn gerade in diesen fehle für das Entdecken von Talenten oft Zeit und Geld. Schulen müssten autonom sein und auf dem freien Markt miteinander konkurrieren: „Das beste Angebot setzt sich durch.“ Und schließlich sollten die Lehrer 40 Stunden pro Woche anwesend sein, bei fünf Wochen Urlaub pro Jahr und einer leistungsorientierten Bezahlung – inklusive Prämien.


Dass Ministerin Schmied, die von Hengstschlägers Katalog wohl etwas überrumpelt wurde, daraufhin grundsätzlicher ansetzte, statt im Detail zu den Forderungen Stellung zu nehmen, erzürnte zwar nicht den Genetiker – umso mehr aber das Publikum. Während Schmied den Wert von Bildung betonte – nicht nur für Wirtschaft und Entwicklung, sondern auch für die Gesellschaft („Es geht auch um Haltungen, Einstellungen, Anstand und Integrität, Selbstvertrauen und Zuversicht.“) – wurde auf Twitter gar die Frage gestellt, wer von den beiden denn der Minister sei: „Wenn man nicht weiß, wer Bildungsminister ist, würde man glauben, es sei Hengstschläger.“ So weit wird es nicht kommen. Ihm fehle für die Politik, so der Forscher, eine zentrale Eigenschaft: die Diplomatie.

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

Mehr aus dem Web

13 Kommentare

da sieht man mal wieder, dass in der Politik schon lang nicht mehr die besten köpfe sitzen.

Maria Theresia holte van swieten nach Wien!

Werner faymann holte Frau Schmied nach Wien...

...kein Wunder, dass nix dabei herauskommen mag.

Gast: Kunigunde
30.08.2012 16:36
0 2

Ja genau

Die schule sollen die Turnsaale die dem Stadt gehören nicht vermieten, selber verwenden.
Schulkinder am Nachmittag auch Turnen schicken. Die Kinder sitzen nur mehr bei Computer und spielen oder sehen TV am Handy.
Das alles liegt an unserer Gesellsachaft. Nur miteineander könen das verrückte system lösen. Eltern und Lehrer.

Re: Ja genau

Eine Art Mutter Kind Pass für die deutsche Sprache ist wirklich nützlich, nicht nur ein Turnsaal. Man sieht das immer wieder...auch in den Postings

Antworten Antworten Gast: raasdorfer
30.08.2012 20:56
0 8

das sind die ganz gscheiten

die ihren kommentar dazugeben. Die super gscheiten. Die vielleicht die Deutsche sprache zu genau nehmen. Selber aber unfäg zu allem anderen sind. Wies halt so im leben is....

Re: das sind die ganz gscheiten

Manchmal wirkt es pedantisch, auf die korrekte Verwendung der Sprache zu bestehen, aber was bedeutet der Satz "Die schule sollen die Turnsaale die dem Stadt gehören nicht vermieten, selber verwenden."?

Gast: Kiesbacher O
30.08.2012 10:05
7 0

Beide liegen falsch

Fragen sie die richtigen Experten-die Lehrer, die tagaus tagein mit den Schüler zu tun haben und stellen sie sich vor, sogar ausgebildete und geprüfte Pädagogen mit oft jahrzehntelanger Erfahrung sind.

Gehör finden aber leider nur Bänkerinnen und andere Schwafler.

Gast: avalon234
28.08.2012 22:44
4 0

Kabarett

Da fechten zwei gegeneinander, die beide von der Materie keine Ahnung haben, und heraus kommt ein passables Kabarett!

Gast: max56
28.08.2012 09:33
2 0

es gibt noch probleme, diese sind aber lösbar

das problem scheint auch (noch) dieses zu sein: die schulpolitik versucht dzt, die individualität durch wesentlich größere normierung zu stärken, um dadurch die begabungen eines jeden einzelnen zu erkennen und aufzubauen. nur: ab dem erkennen der begabung muss sich der begabte letzten endes vom anders-begabten in seiner weiteren entwicklung loslösen und trennen können. und dafür gibt es noch kein von bm schmied vorgestelltes szenario - an der schule kann diese förderung definitiv nicht bzw nur sehr eingeschränkt geschehen.

individualität und stärkung von begabung bedeuten aber, dass freiheit und unabhängigkeit wesentlich größer sein müssen, und dies bei wesentlich differenzierterer und zielgerichteter individualisierter anleitung. dies bedeutet jedoch, dass das individuum mit stärke x sich wesentlich (zeit-)intensiver und disziplinierter mit den dort geltenden inhalten auseinandersetzen (können) muss als das individuum mit stärke y, welches in x ein minimum an allgemeinwissen braucht.

nur sieht das schulsystem dzt de facto keine individualisierung vor, sondern lediglich eine betreuung durch zwei lehrer, sodass ein klar definiertes enges lernziel auf jeden fall erreicht wird. wie soll der lehrer dadurch die begabung erkennen? die anzahl der richtig gelösten aufgaben wird es wohl nicht sein, der diese aussagekraft zugestanden werden kann, zudem auch irrtum und suche sowie lösung und verbesserung teil eines jedweden lernprozesses sind, ganz gleich ob begabt oder unbegabt.

Begabtenförderung, Leistung, Wettbewerb? - Pfui gack in Österreich!

Na das geht gar nicht - ein österreichischer Beamter respektive Lehrer soll mehr arbeiten? Wettbewerb unter den Schulen? Verkürzung der Ferien? Da sieht man schon den Schaum vor dem Munde eines jeden Lehrergewerkschafters vor seinem geistigen Auge erscheinen... Dass solche Ideen hierzulande nicht gut ankommen, ist klar, daher wursteln wir weiter und lassen unser Schulsystem in der Internationalen Bedeutungslosigkeit versinken. Hauptsache, die Lehrer brauchen sich um Begriffe wie Leistung , Wettbewerb oder gar Zukunft nicht zu kümmern. Da wird eine bemühte aber letztlich bedeutungslose und fachfremde Unterrichtsministerin auch nichts ändern und froh sein, endlich in den Bankenbereich weggelobt zu werden, fern der Niederungen des Klassenzimmers. Dass sie unserem Land großen Schaden zufügt, wird ihr egal sein, bis dahin ist sie ja nicht mehr in der Politik...und der nächste Zauberlehrling wird tollpatschig an unserem Schulsystem herumbasteln, was soll sich da ändern...?

Antworten Gast: asterix der gallier
29.08.2012 20:49
2 0

"Dass sie unserem Land großen Schaden zufügt, wird ihr egal sein"

Äh, meinten Sie "als Unterrichtsministerin" oder "als Bankerin".
Talent zum Schaden anrichten, hat sie ja in beiden Tätigkeitsfeldern bewiesen ;-)

auch eine meinung

als praktiker muss ich ihm ahnungslosigkeit zusprechen.

Putzfrauen und Schulwarte verstehen mehr von Schule&Bildung

als so manche Superkluge ohne Praxis und Ausbildung.

Mediziner

mir war der Herr Prof. schon immer suspekt, da er den Eindruck vermittelt, Mediziner zu sein, was er ja nicht ist. Also denk ich, dass er mit seinen Aussagen zur Bildung in fremden Gewässern fischt.

Schlagzeilen Bildung

AnmeldenAnmelden