Auch die Volksschule braucht ausgebildete Sportlehrer

07.10.2012 | 18:16 |  von Julia Neuhauser (Die Presse)

Von sinnvollem Turnunterricht könne keine Rede sein, kritisieren Sportexperten. Der Einsatz von universitär ausgebildeten Sportlehrern in den Volksschulen wäre „ideal, aber teilweise unrealistisch“, so Amesberger.

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Wien. Durch die Medaillenflaute bei den Olympischen Spielen in London wurde eine breite Diskussion über den heimischen Turnunterricht losgetreten. Erste Quintessenz dieser: Es braucht mehr Turnstunden. Nun werden jedoch erstmals Stimmen laut, die sich weniger um die Quantität – sondern mehr um die Qualität des Turnunterrichts Sorgen machen.

Die Vorwürfe sind dabei teils heftig: „Von sinnvollem Sportunterricht kann keine Rede sein“, außerdem werde dieser oftmals „dem Zufall überlassen“, sagt etwa Otmar Weiß vom Zentrum für Sportwissenschaft an der Universität Wien im Gespräch mit der „Presse“. Die Sorge um die Qualität scheint nicht unbegründet zu sein. Denn betrachtet man die Zahlen, zeigt sich, dass Österreichs Schüler im Vergleich zu Schülern in anderen Ländern – trotz Stundenkürzungen im Jahr 2003 – gar nicht so wenig Schulsport betreiben. Laut der erst kürzlich veröffentlichten OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ werden bei den Neun- bis Elfjährigen in Österreich zehn Prozent der Pflichtstunden für Sport genutzt. Der OECD-Durchschnitt liegt bei neun Prozent. Der sportlichen Ausbildung der Lehrer wird in diesem Altersbereich hingegen nur wenig Beachtung geschenkt. Während es in Volksschulen für einzelne Fächer wie Werken oder Religion eigens ausgebildete Lehrer gibt, wird das im Bereich Sport für nicht notwendig erachtet. Volksschullehrer erhalten lediglich eine kurze Basisausbildung für den Turnunterricht.

 

Der „Kennerblick“ fehlt

Ein schwerer Fehler, sagt Weiß. In diesem Alter befinden sich die Kinder im „goldenen motorischen Lernalter“. Hier könnte ein Grundstein für die motorische Entwicklung der Schüler gelegt werden. Ausgebildete Sportlehrer wüssten, welche Bewegungsabläufe trainiert werden sollten, welche Sportarten in welchem Alter ausgeübt werden können und welche Gefahren im Turnsaal lauern. „Den Kennerblick hat nur jemand, der eine pädagogische und methodische Ausbildung hat“, sagt Weiß. Es sei anspruchsvoll, den Turnunterricht optimal zu gestalten. Es brauche nicht nur ein breites Angebot an verschiedenen Sportarten und Bewegungsabläufen. Sondern auch abwechslungsreiche Übungen, die sowohl auf Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit als auch Koordination abzielten.

Seine Forderung: Bereits in der Volksschule – im Idealfall schon im Kindergarten – sollten nur Lehrer eingesetzt werden, die eine universitäre Ausbildung in diesem Bereich genossen haben. Prinzipiell kann dem auch Günter Amesberger, Sportwissenschaftler an der Uni Salzburg, etwas abgewinnen. Der Einsatz von universitär ausgebildeten Sportlehrern in den Volksschulen wäre „zwar ideal, aber teilweise unrealistisch“, so Amesberger.

 

Zweifel an täglicher Turnstunde

Kritik üben die beiden Sportwissenschaftler auch an der Unterschriftenaktion zur täglichen Turnstunde. Anfang September wurde diese von der Bundes-Sportorganisation (BSO) gestartet. Seither wurden bereits 61.139 Unterschriften gesammelt (Stand: Freitag). Amesberger hält die Aktion bloß für eine „politische Willensäußerung“. Weiß bezeichnet sie als eine „populistische Forderung“, die ohnehin nicht umsetzbar sei. Sein Vorschlag: Wöchentlich sollte es drei Turnstunden geben.

BSO-Präsident Peter Wittmann zeigt sich verärgert. Die Forderung sei sehr wohl umsetzbar. Das Argument, dass es zu wenige Turnsäle gebe, sei nicht nicht haltbar. Es brauche lediglich ein besseres Management in diesem Bereich. Außerdem müsse nicht jede Sportstunde im Turnsaal stattfinden. Genutzt werden sollten auch Eislaufplätze, Hallenbäder, Fitnessparcours und Fußballplätze.

Auch in puncto Lehrermangel hält Wittmann dagegen. Es gebe genügend Sporttrainer, die gelte es auch in der Schule einzusetzen. Und zwar nachdem sie entsprechende Pädagogikkurse absolviert hätten. Mit der Ausbildung zum akademischen Freizeitpädagogen sei man auf dem richtigen Weg. Obwohl dieser von Sporttrainern bislang nur wenig genützt wird. Ändern könnte sich das, wenn den Trainern ihre Ausbildung in höherem Maß angerechnet wird, fordert Wittmann. Hier sei die Initiative von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) gefragt.

Auf einen Blick

Die Unterschriftenaktion zur täglichen Turnstunde startete Anfang September (www.turnstunde.at). Seither sammelte die Bundes-Sportorganisation bereits 61.139 Unterschriften. Kritiker halten die tägliche Sportstunde für eine unrealistische Forderung. Es gebe sowohl zu wenige Turnsäle als auch einen Mangel an Lehrern. Augenmerk solle vor allem auf die Qualität des Turnunterrichts gelegt werden. Schon in der Volksschule brauche es universitär ausgebildete Lehrer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2012)

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23 Kommentare

vergesst pisa

olympia kommt wieder! da liegt die herausforderung der zukunft! die ersten medizinstudenten satteln bereits auf volksschulsportlehrer um, schliesslich gehts hier um die nächste generation...

Re: vergesst pisa

...du bist sehr gescheit oder?....hast du schon mal was gehört davon, dass sich physische Fitness auf psychische Leistungsfähigkeit positiv auswirkt???

Gast: Bodyrock
09.10.2012 09:30
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Meine Rede!

Unser ältester ist Schulanfänger und ich kann die o.a. Mängel nur bestätigen.
Die Turnstunde besteht meistens aus herumlaufen und Toben / Spielen ... "Damit sie sich abreagieren". Es gibt in unserer Volksschule keinen Sportpädagogen, die Turnstunde wird von unsportlichen und in dieser Hinsicht laienhaften Lehrerinnen abgehalten.
Für die Religionsstunde gibt es aber Fachpersonal, katholisch und muslimisch, und diese Lehrer werden keineswegs von den entsprechenden Sekten bezahlt ... nein DAS zahlt der Staat - ist doch wirklich unglaublich!
Das Argument mit den Turnsälen ist lächerlich - man kann auf jeder Wiese, im Wald, in jedem Park, am Schulhof, in jeder Schulklasse, nötigenfalls am Gang, ... Sport treiben.

in der ddr gabs auch "volksturnen"

wie waers wenn die eltern verantwortung fuer die kinder uebernehmen und in der schule wissen vermittelt wird?

aber nein, am besten bekommt jeder noch eine einheitsuniform und singt die volkshymne jeden morgen. dann wird noch ein treue-eid auf den praesidenten geschwoert, gleich nach dem taeglichen vater unser und bis zum jausen kakao/milch/latella gibts sandmann cartoons


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Bewegung stärkt die Gesamtpersönlichkeit

Vielleicht ist die tägliche Turnstunde nicht zu erreichen, aber dass Kinder, die ausreichend Bewegungsmöglichkeiten haben " besser drauf sind", leichter lernen und mehr Selbstvertrauen haben, das ist ja bekannt.

Alleine die veränderte Körperspannung, die Freude an der Aktivität, den eigenen Körper besser kennen, das stärkt die Kinder.

Je qualifizierter die Ausbildung ist umso besser. Die Verantwortung ist hoch und viele Fehlhaltungen etc. werden besser erkannt.

Gast: bärig
08.10.2012 16:21
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Tägliche Turnstunde

Die tägliche Turnstunde kann auch außerhalb der Schule angeboten werden: Meine Kinder gingen zu Fuß in die Schule (hin und zurück täglich 30 Minuten), benutzten keinen Lift im Wohnhaus, mussten nachmittags den Müll entsorgen, durften einkaufen gehen. Heute sitzen die Kinder nach dem Unterricht vor dem Computer- was von manchen "Bildungsexperten" sogar noch unterstützt wird!

Gast: spark
08.10.2012 11:51
0 0

bei manchen turngruppen

hilft dir auch die sportlehrerausbildung nicht mehr weiter.

Antworten Gast: Turnlehrer
08.10.2012 12:18
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Re: bei manchen turngruppen

ich habe als junger man im tschetschenienkrieg gegen die russen gekämpft. als ich dann nach dem krieg, als mittdreisiger, aus meiner zerstörten heimat nachösterreich immigriert bin, um turnlehrer in einer volksschule zu werden, sind mir viele meine erfahrungen zu gute gekommen.

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Hat jemand schon überlegt, wie das alles gehen soll?

Ich habe an meiner Schule 32 Klassen und 2 Turnsäle.
D.h. wenn ich in jeder Klasse täglich 1 Turnstunde habe, beginnen wir um 8 Uhr und beenden den Tag nach 16 Stunden um 24 Uhr.

Abgesehen davon, dass ich auch die Lehrer dazu nicht habe.

Also: Zuerst Räume, LehrerInnen und Geld organisieren, d.h. die räumliche, personelle und vor allem finanzielle Infrastruktur schaffen, und dann weiterreden und -planen.

Nicht (wie bei fast allen aktuellen Reformen im Schulwesen) umgekehrt, denn das kann einfach nicht funktionieren.

Mehr Phantasie ist aber auch eine gute Idee!

Täglich eine Turnstunde kann aber auch heißen, das man mit den Kindern laufen, walken, schwimmen geht, .... oder im Schulhof eine Qui Gong, Tai Chi oder Karatestunde, .... abhält.

Ich denke, das viel mehr umgedacht werden sollte, wie auch der Stundenplan endlich einer Modernisierung bedarf (mein Kind hat genau eine Physikstunde pro Woche - wozu dann überhaupt?) und mehr zu Blockveranstaltungen, mehr zur freien Fächerwahl für Schüler, usw. verändert werden sollte.

Natürlich wäre das alles leichter in einer Ganztagsschule bis 15 oder 16h zu organisieren, aber da landen wir sicher früher am Mars, bevor eine solche sinnvolle Lösung für Schüler, Lehrer und Eltern in Österreich kommt ;-))

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Re: Mehr Phantasie ist aber auch eine gute Idee!

Genau - Nomen est omen, Herr oder Frau "Nachdenken", denn über die Logistik nachzudenken wäre einmal ganz gut.
a) Ich habe rund 800 Schüler und keinen Schulhof (ist in der Stadt nicht so üblich).
Also - wie soll ich mit 800 Kindern im Schulhof turnen?
(Bitte nachdenken!).
b) WER soll mit den Schüler (in der Stadt) 1 Stunde walken gehen - durch die Häuserschluchten mit Verkehr eine Stunde herumhatschen - also bitte nachdenken!
c) Wenn die ganze Turnerei etwas bringen soll, dann sollten das auch ausgebildete Turner tun. Ich gehe ja auch nicht zum Internisten, wenn ich Zahnschmerzen habe.
d) Wo soll die eine Stunde Schwimmen stattfinden - die Zahl der Hallenbäder ist enden wollend, und auch Erwachsene wollen irgendwann in Ruhe schwimmen gehen und nicht einen ganzen Tag von schreienden Kindern umgeben sein.

Antworten Antworten Antworten Gast: Mittamoavoda
09.10.2012 09:48
0 0

Re: Re: Mehr Phantasie ist aber auch eine gute Idee!

Ich geb Ihnen schon recht, daß das auch Fragen aufwirft, aber mit dieser seit Ewigkeiten typisch lehrerhaften Verneinermentalität wird sich sicher nix rühren.
Mit etwas Phantasie lassen sich viele Koordinations- und Kräftigungsübungen wunderbar im Klassenzimmer durchführen - ich mach mit meinen 3 Buben immer wieder was im Wohnzimmer. Sie sind begeistert davon. Außerdem liegen ja viele Schulen nicht so ungünstig wie die Ihre. Siehe Asien - dort ist Sport im Park / auf öffentlichen Plätzen Teil des Alltags.

Gast: Mayer L
08.10.2012 07:12
1 0

Ausgebildete Turnlehrer kosten!

Daher geht der Trend leider zu Sportwarten, Fitnesstrainern, Hobbygurus, die keine solide Ausbildung, sondern meist nur einen Schnellsiederkurs absolviert haben.

Dabei geht es aber auch um die Gesundheit der Schüler in der Wachstumsphase und Verletzungsvermeidung.

Und nicht zuletzt geht es auch um sittlich einwandfreie Lehrer, die sich in langem Studium von der Streu getrent haben.

Gast: Mayer L
08.10.2012 07:12
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Ausgebildete Turnlehrer kosten!

Daher geht der Trend leider zu Sportwarten, Fitnesstrainern, Hobbygurus, die keine solide Ausbildung, sondern meist nur einen Schnellsiederkurs absolviert haben.

Dabei geht es aber auch um die Gesundheit der Schüler in der Wachstumsphase und Verletzungsvermeidung.

Und nicht zuletzt geht es auch um sittlich einwandfreie Lehrer, die sich in langem Studium von der Streu getrent haben.

In meinem Turnunterricht ...

... und dem meiner Kinder war das so verschult. Wir haben es gehasst.
Auch der natürliche Bewegungsdrang der Kinder wird einem auf der Schule ausgetrieben.
Ich bin für die Förderung von Sport- und Wandervereinen.
Aber da kann Neugebauer nichts abzocken.

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ganz einfach..

im Turnunterricht gibt es Stationen mit Rechenaufgaben, wer sie gelöst hat, darf zur nächsten Station. Dort wartet eine Aufgabe aus Deutsch, irgendwas richtig schreiben, dann kommt Heimatkunde und so weiter. Die Kinder sind so ehrgeizig, die rennen sich die Seele aus dem Leib. Ich brauche weder einen Turnsaal noch sonst was. Wer solche Dinge in der Natur macht, auf Waldwegen. Man kann mit einem iPad Blumen bestimmen lassen, mit dem iPhone Tierlaute aufnehmen und dann andere Raten lassen. Ach ich könnte noch vieles schreiben. Warum muss lernen und Bewegung immer getrennt ablaufen? Wir haben die Welt so verkompliziert, wem nützt das nur. Wenn ich ganz kleine Kinder sehe, mit welch großer Freude die bei Wind und Wetter raus wollen, dann weiß ich, welch armseliges Häufchen wir Erwachsene doch geworden sind. Ich zitiere hier einen ganz großen Menschen ... ihr müsst werden, wie die Kinder ...

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Re: ganz einfach..

Und ganz wichtig: schon in früher Jugend zu Apple-Zombies machen.

Re: ganz einfach..

theoretisch funktioniert unterricht immer perfekt. und alle sind lieb.

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Re: Re: ganz einfach..

wie wäre es mit einer ordentlichen Portion gutenmWillens?

Re: Re: Re: ganz einfach..

nach 30 jahren guten willen wird einem dieser zunehmend von den experten und poltikern ausgetrieben.

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Lesen und schreiben können sie nicht.

Aber Turnen, das ist wichtig.

Gast: Gast yxyx
07.10.2012 19:58
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Volksschule braucht ausgebildete Sportlehrer

Jeder kennst die Situation, dass die Frau Lehrer -vor allem, wenn sie schon etwas älter ist - die Turnstunde gerne ausfallen lässt. Wenn es regnet, kann man den Weg zum Turnsaal nicht auf sich nehmen; für manche ist das Umziehen zu mühsam. Beliebt ist auch die Behauptung, dass Stoff nachgeholt werden muss, weshalb Turnstunden dafür herhalten müssen.

Re: Volksschule braucht ausgebildete Sportlehrer

Ich kenne die Situation nicht. Bei uns ist nie eine Turnstunde ausgefallen, mit der Begründung, dass Stoff nachgeholt werden müsse. Und der Turnsaal lag im Schulgebäude, weshalb es egal war, ob es draußen regnete oder hagelte.

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