Sexualerziehung: Ein heikles Thema für die Erwachsenen

25.11.2012 | 18:42 |  von Bernadette Bayrhammer (Die Presse)

Kinder gehen an das Thema Sexualität grundsätzlich neugierig und offen heran. Die meisten Probleme entstehen dann, wenn sie merken, dass die Erwachsenen unsicher sind.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Mehr zum Thema:

Wien. Bevor der Salzburger Sexualpädagoge Wolfgang Plaute seine Workshops abhält, dürfen Volksschüler eine Woche lang ihre Fragen anonym in eine eigens dafür aufgestellte Box werfen. Es sind Fragen, die Eltern mitunter verstören – oder zumindest überraschen: Warum liebt man jemanden und andere nicht? Können Siebenjährige schon Kinder kriegen? Ist Sex schlimm? Kann eine Frau auch mit einer Frau Sex machen? Was ist ein Vibrator? Als Plaute diese – und eine ganze Menge andere, ähnliche – Fragen am Elternabend den Müttern und Vätern einer Volksschulklasse im Salzburger Land vorlegte, ließ eine Reaktion nicht lange auf sich warten: „Diese Fragen haben nicht unsere Kinder geschrieben. Das waren Sie.“

Mehr zum Thema:

Für Erwachsene ist Sexualerziehung, zumal in der Volksschule, mitunter heikles Terrain. Vor allem dann, wenn die Themen über das rein biologische hinausgehem und Erregung, Selbstbefriedigung oder Homosexualität angesprochen werden. Ist das nicht zu früh? Muss das sein? Ist das notwendig? Erst kürzlich meldete sich eine Gruppe katholischer Eltern empört zu Wort: Neue Lehrmaterialien zur Sexualerziehung in der Volksschule seien ein „Skandal“. Ein Grund: Themen wie Inter-, Trans- oder Homosexualität würde darin zu viel Platz eingeräumt.

 

Die Vielfalt bejahen

Sexualpädagogen sehen das – wenig überraschend – anders. Es gehe ja vorerst nicht darum, zu werten. Die Vielfalt des Lebens solle wahrgenommen – und grundsätzlich begrüßt – werden. Auch aus einer Perspektive der Prävention heraus: Nur wer sich akzeptiert fühlt, ist stark genug, um Nein zu sagen. Nur wenn Dinge kein Tabu sind, können sie besprochen werden.

Andererseits würden Kinder ja nicht gezwungen, sich mit Themen auseinanderzusetzen – im Gegenteil. „Man arbeitet ja vorwiegend aufnehmend“, sagt Bettina Weidinger vom Institut für Sexualpädagogik. Thematisiert wird das, was den Kindern unter den Nägeln brennt. „Und Inter-, Trans- oder Homosexualität – das sind Dinge, die die Kinder hören. Und sie sprechen das dann auch an.“

Per se hätten Kinder nämlich überhaupt kein Problem mit solchen Themen: „Im Gegensatz zu Erwachsenen gehen sie meist noch neugierig und offen an so etwas heran.“ Probleme entstehen, wenn Kinder merken, dass die Erwachsenen unsicher sind. Was keine Seltenheit ist. „In Wahrheit tun wir uns alle nicht leicht mit dem Thema Sexualität“, sagt Wolfgang Plaute. Das betrifft auch die Lehrer. Ein Beispiel: Eine Volksschulklasse in Wien erkundet die Umgebung der Schule. Alle Geschäfte werden aufgemalt und besprochen – mit Ausnahme des Bordells, das sich mittendrin befindet.

„Die meisten Lehrer klammern das Thema Sexualität eher aus“, sagt dazu Plaute, der auch an Uni und PH Salzburg lehrt bzw. gelehrt hat. „Ich habe auch Verständnis, denn sie sind dafür kaum ausgebildet.“ Fakt ist: Obwohl Sexualerziehung in der dritten und vierten Klasse auf dem Lehrplan steht und zudem ein sogenanntes Unterrichtsprinzip ist, ist sie in der Lehrerausbildung lediglich optional.

 

Experten als Ergänzung

Eltern – und Lehrer – seien die wichtigsten Akteure in puncto Sexualerziehung, sagt Plaute. Manchmal aber seien sie nicht die richtigen Ansprechpartner. „Gegen Ende der Volksschule beginnen Kinder Fragen zu haben, die sie ihren nächsten Bezugspersonen nicht mehr stellen wollen“, sagt Bettina Weidinger. Dann nämlich, wenn sie anfangen, sich – in der Fantasie – mit erwachsener Sexualität auseinanderzusetzen. Das sei der Moment, in dem externe Sexualpädagogen – als punktuelle Ergänzung – sinnvoll seien, so Weidinger.

Was längst nicht immer klappt: Vom flächendeckenden Einsatz externer Sexualpädagogen sind die heimischen Volksschulen weit entfernt. Das Problem ist weder neu noch originell: Es fehlt das Geld.

Auf einen Blick

Sexualerziehung ist in Österreich seit 1970 per Erlass geregelt. Sie ist Bestandteil des Lehrplans Sachunterricht bzw. Biologie, gilt aber auch als Unterrichtsprinzip: Sexualerziehung soll demnach „fachübergreifend und im gesamten Unterricht wirksam werden“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

Mehr aus dem Web

19 Kommentare

Zwei Fliegen auf einem Streich

In einer Stammtischrunde hörte ich folgenden Vorschlag zu den Themen "täglich eine Turnstunde" und "Sexualunterricht für 6 bis 14jährige in der Schule" : Diese beiden Forderungen könnte man kostensparend vereinigen, indem man den "Sexualunterricht" in der täglichen Turnstunde erteilt. Durch diesbezüglichen praktischen Übungen wären beide Forderungen erfüllt.
Frau Ministerin Schmied hat offensichtlich keine anderen Sorgen.

9 11

Himmel hilft

Was bereits in der Schweiz und in Deutschland an der Tagesordnung ist, soll jetzt anscheinend mit solchen Artikel auch in Österreich umgesetzt werden.

Ich hoffe, dass diese Nachwirkungen und Auswüchse der ach so aufgeklärten 68erGeneration für unsere Gesellschaft bald ohne größeren Schaden überwunden sein werden.

Ich bin da guter Dinge, da der ganze Gender-Mist nur in einem Umfeld gedeihen kann, wo genug Steuergeld dafür da ist und Leute nicht für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen.

3 11

„Gegen Ende der Volksschule beginnen Kinder Fragen zu haben, die sie ihren nächsten Bezugspersonen nicht mehr stellen wollen"

Ist auch sinnlos, die richtigen Antworten werden sie vom Herrn Vater und auch dem Herrn Mutter nicht bekommen. LOL.

26 17

Viel zu früh

Da versucht man einerseits (richtigerweise) alles mögliche um die Kinder vor sexuellen Missbrauch zu schützen.
Andererseits will man nun schon Volksschulkinder sexualisieren, durch eine Horde wildgewordener Sexualpädagogen, die sich versuchen auf Kosten unserer Kinder neue Betätigungsfelder zu erschließen.
In diesem Alter ist das jedenfalls noch deutlich zu früh, außerdem gilt hier auch kein Präventionsgedanke, denn eine ungewollte Schwangerschaft wegen mangelnder Aufklärung ist in diesem Alter absolut auszuschließen.
Es mag ja sein, dass Kinder irgendwelche Fragen haben, das heißt jedoch noch lange nicht, dass man sie in diesem Alter auch schon beantworten und die Kinder mit Wissen über Sex&Co zumüllen muss, denn es ist eine Zumüllung, da die Kinder mit diesem Wissen nichts anzufangen wissen.

Sexualpädagogen raus aus den Volksschulen! Die Mittelschule ist noch früh genug.

sexualität beginnt nicht mit der geschlechtsreife.

und dem i-net ists wurscht wie alt der konsument ist.

ihre weigerung, kindern wissen zu vermitteln, ist irritierend.

1 2

Re: sexualität beginnt nicht mit der geschlechtsreife.

Wie Sie weiter unten in meiner Antwort lesen können, weigere ich mich nicht Wissen mitzuteilen.
Jedoch finde ich, dass man diese Aufgabe bei Volksschulkindern noch den Eltern überlassen und es ihnen nicht durch (teils ideologisierte) Sexualpädagogen aufdrängen sollte.

Re: Viel zu früh

Die Kinder stoßen aber auch früher auf das thema sex vorallem aufgrund des internets und beziehen daher informationsbrocken und die pädagogen sollen helfen den kindern das zu erklären...
also ich finds gut!

und selbst wenn man den internet konsum seines eigenen kindes im griff hat erfahren sie auch immer etwas von teils auch älteren freunden...

Re: Viel zu früh

Wenn die Kinder aber solche Fragen stellen, wieso sollte man sie dann nicht beantworten, bzw. wieso sollte man sie anlügen oder ausweichen (und was wird dem Kind in Wahrheit vermittelt, wenn die Eltern versuchen solchen Fragen auszuweichen?)?

Ich persönlich finde jetzt auch nicht, dass man sich vor eine Volksschulklasse stellen und den Kindern erklären muss, wie zwei Menschen Sex haben. Aber wenn solche Fragen von selbst auftauchen, halte ich es nicht für richtig, zu lügen oder auszuweichen. Das vermittelt ein falsches Bild, denke ich.

Re: Kinder fragen

Ich glaube eigentlich nicht, dass das zu früh ist. Mein Sohn ist 3 und weiß schon, dass Babys aus dem Bauch kommen (er meinte unlängst, wir bräuchten noch ein Baby, ER würde schwanger werden). Dass er bis zur Mittelschule keine Fragen zu Mann-Frau bzw Sexualität hat, kann ich mir nicht vorstellen.

Für mich ist dann der richtige Zeitpunkt, mit dem Kleinen zu reden, wenn er mit Fragen zu mir kommt. Ich dränge nicht auf möglichst frühe Sexualerziehung, aber ich halte auch nichts davon, das Thema zu mystifizieren/dämonisieren, indem ich ihm ausweiche. Allerdings ist es mir auch nicht peinlich, Fragen zur Sexualität zu beantworten. Für Kinder ist das etwas ganz Natürliches (sie haben ja zu allem Fragen), sie fragen, kriegen eine Antwort und haben ein paar Sekunden später schon wieder etwas anderes im Kopf.

2 0

Re: Re: Kinder fragen

Da bin ich Ihrer Meinung. Wenn mein Kind (2 1/2) mit einer diesbezüglichen Frage daherkäme, würde ich sie natürlich auch ehrlich beantworten. Sex ist ja nichts Böses, das man verheimlichen muss. Das sollte man aber in einer freien Gesellschaft immer noch den Eltern überlassen und nicht den Kindern durch Sexualpädagogen zwangsweise aufdrängen. Denn dafür ist die Mittelschule auch noch früh genug.

23 0

Meiner

Meinung nach, sollten in dem Alter nur einige wenige Dinge behandelt werden.

- grob erklären, wie Kinder auf die Welt kommen (die Frage stellt man sich sehr wohl in dem Alter)
- erklären, was okay ist und was nicht (zB das Anfassen im Intimbereich [von Erwachsenen oder an anderen Kindern])
- Unterschiede zwischen Buben und Mädchen
- eventuell, dass es auch Mann + Mann und Frau + Frau gibt

aber viel mehr ist in dem Alter noch nicht notwendig. Der Rest kann mit 9-10 Jahren behandelt werden (Menstruation, Verhütung, etc).
Das Thema Verhütung dann ab 12 Jahren gleich jedes Jahr nochmal und nochmal und nochmal :D

15 9

In der Volksschule ist es zu früh!

Nun werden unsere Kinder schon in der Volksschule damit belästigt, sich mit Sexualität auseinander setzen zu müssen. Die Zwangsbefreiung der Kinder aus ihrer Kindheit wird immer früher gestartet. Viele Volksschulkinder sind noch unverdorben und wären vermutlich lieber noch ein wenig das unbeschwerte Kind. Da kommt man dann mit Broschüren und anderen Materialien und glaubt, man bringt den Kindern das Heil, doch in Wahrheit verstört es viele. Welche Industrie da wohl ein Interesse daran hat?

Re: In der Volksschule ist es zu früh!

Definieren Sie bitte den Begriff Verdorbenheit im Kontext ihres Kommentars

7 3

Re: Re: In der Volksschule ist es zu früh!

Unverdorbenheit bedeutet "rein, unbelastet, frei von äußeren (schädlichen) Einflüssen, natürlich geblieben oder kindlich unbeschwert".

Kinder können heute keine normale Beziehung zur Sexualität aufbauen

DANK der "sexuellen Revolution".

Pornos sind heute bei Vierzehnjährigen Alltag, Zehnjährigen bekannt, und manch jüngerer wird schon mehr Kontakt dazu haben als gesund ist.
Das Fernsehen übernimmt eine sehr zweifelhafte Rolle als Erzieher, wenn es den Kleinen dann "freie Liebe" als das Normalste auf der Welt präsentiert.
Die Eltern wissen sehr wohl, was sie von linken Sexualkundelehrern zu befürchten haben: In Hamburg wurde vor kurzem von der Stadt eine Broschüre verteilt, die Eltern auffordert, ihre Kinder an die Genitalien ihrer Eltern fassen zu lassen, weil das die sexuelle Entwicklung fördere.
Sexualerziehung sollte kurz vor der Pubertät stattfinden, und zwar durch eine Vertrauensperson - nicht durch fremde Ideologen.

Re: Kinder können heute keine normale Beziehung zur Sexualität aufbauen

Können Sie.mir schlüssig erklären was an einem Porno ihrer Meinung nach schädlich ist?

Re: Re: Kinder können heute keine normale Beziehung zur Sexualität aufbauen

Ein Porno an sich ist nicht schädlich, aber für die sexuelle Entwicklung eines jungen Buben nicht unbedingt förderlich.
Besonders unerfahrene Burschen könnten einen Porno als Anleitung betrachten. Nur sind Pornos eine Masturbationsvorlage die hauptsächlich an Männer gerichtet ist. Und ein Junge könnte dann tatsächlich denken, dass weinende Frauen, schmerzhafte Penetration, Sex mit der "Oma", etc üblich sind. Deshalb sollte die Aufklärung vor dem Ansehen von Pornos stattfinden um zwischen Realität und Fantasie unterscheiden zu können.

6 3

Anders gefragt:

Was ist an einem Porno nicht schädlich für ein Kind?

Re: Kinder können heute keine normale Beziehung zur Sexualität aufbauen

Dank geht an Cohn-Bendit und Konsorten der Frankfurter Schule

Schlagzeilen Bildung

AnmeldenAnmelden