Ein Ampelsystem gegen frühen Schulabbruch

25.11.2012 | 18:43 |  JULIA NEUHAUSER (Die Presse)

Schulabbrüche können anhand bestimmter Faktoren mit hoher Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden. So erhöht nicht nur das Wiederholen einer Klasse die Wahrscheinlichkeit eines späteren Schulabbruchs:

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Wien. So bald als möglich raus aus der Schule. Getreu diesem Motto verlassen mehr als 7000 Schüler jährlich gleich nach Vollendung der Schulpflicht das Bildungssystem. 1700 davon haben dabei nicht einmal den Hauptschulabschluss geschafft. Eine Studie hat sich nun mit den Gründen für den Schulabbruch beschäftigt. Resümee: Abbrüche können mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhergesagt – und dadurch vermieden – werden.

Es gibt gewisse Risikofaktoren, die einen Schulabbruch prognostizierbar machen. So erhöht nicht nur das Wiederholen einer Klasse die Wahrscheinlichkeit eines späteren Schulabbruchs (4,7-fach höheres Risiko), sondern auch der Besuch einer Hauptschule (3,7-fach höheres Risiko). Auch ein Migrationshintergrund (2,7-mal so hohes Risiko) zählt als Risikofaktor. Wer während der Pflichtschulzeit von einem Elternteil allein erzogen worden ist, dessen Abbruchrisiko ist 1,6-mal so hoch.

Es gibt aber auch Faktoren, die das Risiko eines Schulabbruchs vermindern. Wer etwa die eigene Wunschausbildung ergreift und aus einem Haushalt kommt, in dem auf Bildung viel Wert gelegt wird, wird die Schule mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht abbrechen. Auch ein hohes Bildungsniveau der Eltern spricht gegen einen vorzeitigen Ausstieg. Das zeigt eine von Robert Klinglmair – er ist Volkswirt an der Uni Klagenfurt – durchgeführte empirische Untersuchung. Dabei wurde die Bildungssituation von Kärntner Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren untersucht. Der Fragebogen mit 67 Fragen wurde an 6700 Jugendliche ausgegeben.

 

Gezielte Maßnahmen ergreifen

Anhand der Ergebnisse entwickelte Klinglmair ein Ampelsystem. Die Kinder werden dabei in eine rote, orange oder grüne Gruppe eingeteilt – je nachdem, wie viele Risikofaktoren und entlastende Umstände bei einem Schüler auftreten. Ein Beispiel: Wenn ein Schüler mit Migrationshintergrund die Hauptschule besucht und von der Mutter allein erzogen wird, Bildung zu Hause kein großes Thema ist und seine Eltern nur über Pflichtschulabschluss verfügen, dann zählt dieser zur roten Gruppe. Soll heißen: „Achtung – Interventionsmaßnahmen erforderlich“.

Schüler, die aufgrund genannter Faktoren zur durchschnittlich gefährdeten (also orangen) Gruppe gehören, sollten von den Lehrpersonen zumindest genau beobachtet werden. Schüler, die viele Anti-Risikofaktoren aufweisen, werden der grünen Kategorie zugeordnet. Laut Studie werden sie die Schule auch ohne zusätzliche Betreuung höchstwahrscheinlich nicht abbrechen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2012)

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6 Kommentare

Liebe Frau Neuhauser, lieber Herr Klinglmair

Sie übersehen eine sehr wichtige Tatsache: Korrelationen sagen nichts über Ursachen aus.
Es mag schon sein, dass die aufgezählten Korrelationen zutreffen. Das zu wissen bringt aber überhaupt nichts, sie lassen die Ursachen weiter im Dunkeln und nähern die Schule weiter einem System an, das wir im vorigen Jahrhundert schon einmal hatten. Scheinbar ist das in Österreich nur sehr schwer auszurotten.

Re: Liebe Frau Neuhauser, lieber Herr Klinglmair

probleme an der wurzel zu erkennen und dort anzupacken ist jetzt aber nicht nur des bildungsministeriums stärke nicht...

alle unsere systeme sind auf symptombehandlung ausgelegt, an gschwinden hui-effekt, den man medial gut verkaufen kann und selber gut dasteht. bis zur nächsten wahl...

Herr Klingelmair,

Er ist Volkswirt an der Uni Klagenfurt und hat eine empirische Untersuchung durchgeführt, um herauszufinden, was jeder mittlere Intelligenzbolzen ohnehin weiss.

Ich stufe in daher in die Expertenrinde mit roter Ampel ein, will heissen, dass er hoch gefährdet ist, nicht ernstgenommen zu werden!

Stigmatisierungen...

.. hatten wir schon des öfteren in der Geschichte und meist führten diese zu Ausgrenzungen bis hin zur Katastrophe. Und jetzt beginnen diese Pseudoexperten mit den Ampeln (diese gab es schon einmal für den Lärm) Jeder Schüler geht dann mit einer virtuellen Ampel auf der Stirn in die Schule. Wieviele Schwachsinnigkeiten müssen sich die Lehrer heutzutage noch anhören? Waren die Lehrer der "Vergangenheit" alles Dummerln, die die Kinder nicht kannten und nur dozierend vorne gestanden sind?
Das Ergebnis all dieser "Fortschritte müssten ja viel bessere Schüler sein- das sind sie aber nun wirklich nicht. Die Klagen aller Folgeeinrichtungen (Lehrherrn, Unis, FH´s) nehmen ja zu. Was soll das alles ?

Ich bin schockiert.

Nicht vom Ergebnis der Studie - nicht dass auch nur ein einziger der Faktoren eine Überraschung darstellt - sondern von dem Ampelsystem.

Hier wird doch allen Ernstes vorgeschlagen, die Krux des österreichischen Schulsystems, nämlich dass man sich ständig nach unten orientiert und der gute Schüler auf der Strecke bleibt, auch noch zu formalisieren.

"Es tut mir Leid, Pepi, dass sich deine Eltern scheiden haben lassen. Dafür red ich jetzt mehr mit dir, denn jetzt bist du in der roten Gruppe!"

Furchtbar.


Re: Ich bin schockiert.

stimmt. und der hammer dran ist, dass sich das unsre genies sicher nicht selber ausgedacht haben sondern wie immer und überall vemutlich abkupfern, die quelle in der hoffnung, selber gut dazustehen verschweigen und obendrein "vergessen" haben, sich alle szenarien ("worst case ") durchzudenken.

nur peinlich dieses ministerium...

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