Bildungsreform ja, aber nicht mit meinem Kind!

26.12.2012 | 17:30 |  Christoph Schwarz (DiePresse.com)

Die Bildungsbürger haben ihr Vertrauen in das öffentliche Schulsystem verloren. Der Fokus liegt schon zu lang nur auf der Förderung benachteiligter Schichten.

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Wer glaubt, dass das österreichische Bildungssystem nur unter den migrantischen Parallelgesellschaften leidet, der hat wohl noch nie einen „Tag der offenen Tür“ an einer Wiener Privatschule besucht. Denn dort haben jene einheimischen Jungeltern, die es sich leisten können, längst ihre eigene Parallelgesellschaft errichtet. In der ersten Reihe sitzen da Mütter mit quengelnden Babys im Tragetuch, um ebendiese – der Andrang ist bekanntlich groß – „zur Sicherheit jetzt schon“ für das Schuljahr 2018/19 anzumelden. Und allen Ernstes die Frage zu stellen, ob „das Lernen an dieser Schule Spaß machen soll – oder die Kinder eh ordentlich aufs Gymnasium vorbereitet werden“. Ja, das ist ein realer Fall. Und: nein, kein Einzelfall.

Es ist dies die Parallelgesellschaft der „neuen Bildungsbürger“. Sie sind der Inbegriff jener Mittelschicht, die angesichts des steigenden gesellschaftlichen Drucks in Panik verfällt. Der deutsche Soziologe Heinz Bude diagnostizierte bei ihnen in einem „Presse“-Interview zuletzt so treffend eine „grassierende sozialmoralische Ansteckungsangst“. Angst davor nämlich, ihre Kinder mit anderen in die Schule zu schicken, deren Eltern weniger Wert auf das legen, was sie unter Bildung verstehen. So wie sie Angst vor allem haben, was potenziell den Wert dieser Bildung mindern könnte. Bildung, sagt Bude, sei das Einzige, was diese Eltern – mangels großer Häuser, Firmen oder gesellschaftlichen Einflusses – ihren Kindern vererben können. „Und sie werden alles tun, damit dieses Erbe nicht gemindert wird.“ Besser lässt es sich kaum formulieren.
Dass diese Eltern in ihrem Vorhaben, positiv formuliert, Erfolg haben, belegt jede Statistik. Wenn in Österreich etwas vererbt wird, dann ist es Bildung. Dass damit zugleich auch Unbildung vererbt wird, muss man dazusagen. All jene, die an dieser Stelle gern einwenden, dass es wohl die Intelligenz sei, die da weitergegeben werde, sind zu enttäuschen. Es sind vor allem die familiären und sozialen Rahmenbedingungen, die in Österreich über den Bildungsweg entscheiden. Oftmals mehr als die Leistung des Einzelnen. Das zeigt sich nicht zuletzt, wenn man die Ergebnisse sogenannter „guter“ Schulen um die sozialen Rahmenbedingungen ihrer Schülerpopulation bereinigt. Die Erkenntnis schmerzt, daher tun wir sie gern als Ausfluss linker Gleichmacherei ab.
Dass sich Eltern um die Bildungskarriere ihres Nachwuchses sorgen, soll hier freilich nicht zum Problem stilisiert werden. Im Gegenteil. Wenn die Alternative darin liegt, das eigene Kind in eine öffentliche Schule zu schicken, in der der Migrantenanteil bei – wie in einigen Wiener Bezirken – bis zu 89 Prozent liegt, dann ist das schlicht keine Alternative. Sein Kind wohlbehütet im privatschulischen Mikrokosmos unterrichten zu lassen, erscheint da plötzlich nicht chic, sondern unerlässlich. Dass dieser Mikrokosmos, in dem Migranten höchstens in Gestalt von Botschafterkindern auftauchen, so gar nichts (mehr) mit der gesellschaftlichen Realität zu tun hat, ist das andere Problem. Um zu erkennen, dass sich die Schere zwischen gut gebildet und ungebildet damit immer weiter öffnet, muss man kein Anhänger der Klassenkampftheorie sein. Dass diese Schere zum Problem wird, liegt daran, dass wir von jener Generation sprechen, die in zwanzig Jahren maßgeblich über die Zukunft dieses Landes bestimmen wird.

Dass es Reformen braucht, das wissen auch die verängstigten Bildungsbürger. Wäre da nur nicht das eigene Kind, das von ebendiesen Reformen bitte verschont bleiben möge! Denn die Eltern haben das Vertrauen in das öffentliche Schulsystem längst verloren. Die SPÖ-Schulpolitik hat sich in den vergangenen Jahren zu sehr darauf versteift zu erklären, wie man schwache, benachteiligte Schüler auffangen könne. Und dabei vergessen, allen anderen Gruppen zu erklären, wie man ihren – vergleichsweise hohen – Standard gleichzeitig halten und ausbauen will. Viele Eltern wurden in ihrer Angst vor der „Nivellierung nach unten“ schlicht alleingelassen.
Eine Reform, deren Ziel mehr Chancengerechtigkeit ist, muss aber (auch) an den oberen Gliedern der Kette ansetzen. Sie muss den Bildungsbürgern klarmachen, dass ein Auffangen Benachteiligter nicht mit ihrem eigenen Niedergang einhergeht. Parallelgesellschaften sind nie förderlich. Egal, wer sie einrichtet.


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129 Kommentare
 
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Bildungsbürger ist keine wirklich erstrebenswerte Karriere

12 Jahre Schule, dann studieren. Gute Noten sind wichtig, weil mit 2-3-4 kommt man nicht in die guten Firmen auf die guten Jobs.

Dann darf man von den paar Netsch die man verdient die Hälfte an den Staat abliefern. Für Miete oder Familie - ganz zu schweigen von der eigenen Wohnung - bleibt nicht viel.

Dann 45 Jahre oder mehr arbeiten, um Politiker, Beamte, Pensionisten und Arbeitslose durchzufüttern.

Dafür wird man regelmäßig geschimpft, weil besser verdienen ja so fürchterlich sozial ungerecht ist. Bisserl mehr Steuer zahlen geht sich immer noch aus.

Dem Erstkläßlerjahrgang 18/19 wünsche ich jetzt schon viel Vergnügen...

ist es nicht

auch ein problem des förderns der zügellosen zuwanderung bildungsferner und -resistenter schichten zur besicherung des eigenen (roten) machterhalts?

Re: ist es nicht

Ich kenne da eine hierzulande beheimatete, bildungsresistente Schicht, die auch seit über 70 Jahren nix gelernt hat.

Die werden am liebsten von den ex-Jugo Zuwanderern gewählt, weil die auch mit Nationalismus- und Rassismus- in der Milchflasche großgezogen wurden.

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bin ja nicht deppert

meine tochter ging selbstverständlich in eine privatschule; das hat zwar gekostet, aber ich zähle mich nicht zu denen, die die gesamte brutpflege an den staat auslagern wollen, damit mehr geld zum saufen oder zum anpöbeln der passanten und andersgläubigen bleibt. und ich habe kein gramm schlechtes gewissen dabei, dass ich meinem nachwuchs die chance auf ein ordentliches leben - fern von mindestsicherung und wettcafes - ermöglicht habe! dabei ist mir die sogenannte gesellschaftliche lage total wurscht - genau wie den zuständigen, die ihre kinder ja auch nicht in die staatlichen schulen schicken, wenn sie denn überhaupt welche haben solten. und gott sei dank bin ich nicht der einzige. es ist in den staatlichen schulen wie in der alten ddr, nur leider werdens nicht eingemauert. die abstimmung durch flucht, also mit den füßen, hat schon begonnen --- und der letzte wird das licht der bildung abdrehen, sofern er die anleitung dazu noch lesen kann und sie genug gegendert worden ist, damit sie auch nach behördenzensur aufgehängt werden darf.

ja die gute alte zeit

als die leute noch alle nach der volksschule lesen und schreiben konnten. als es noch schularbeiten gab und ein fleck ein echter fleck und ein einser ein echter einser war. als die noten noch nicht je nachdem ob manderl, oder weiberl (siehe gendergefilterte eingangsprüfung für medizin), ob migrant oder einheimischer, ob in stadt oder auf dem land, gezeigt haben ob einer was gelernt hat oder nicht ...
aber gut .. ein taxler als bundeskanzler, eine zahnarzthelferin als infrastrukturminister, wem interessiert da noch ob einer was gelernt hat ?

ja .. um gottes willen niemand beleidigen und für eine sache als zu dumm zu erklären, weil das wäre ja nicht politisch korrekt :-)

nur wenn man selbst einen arzt braucht, dann soll der aufeinmal alles wissen, alles können, anstatt das man ihm in brüderlich sozialer brüderlichkeit/schwesterlichkeit das baucherl hinhält und sagt, na genosse, machen sie halt auf und schauen sie was sie zusammenbringen :-)

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Kindersoldaten

Der Integration. Ist das was der Autor fordert? Bildung ist auch kein Nullsummenspiel: wer sich um seine eigenen Kinder kümmert der nimmt anderen nichts weg! Entgegen den Ausfuehrungen des Autors sind doch die das Problem, die sich nicht um ihren Nachwuchs kümmern. Entgegen der links-gruenen urban legend sind das nicht 'die' Migranten, sondern nur gewisse Migrantenschichten. Es ist Aufgabe der Politik zu verhindern, dass hier weiterer Zuzug stattfindet. Das ist Besser als Kindersoldaten der unteren Mittelschicht in NMS & Co. Zu verheizen!

Re: Kindersoldaten

Was die Aufgabe der Politik ist, bestimmen immer noch die Parteiideologen, und nicht die Wähler.Und die Berufsintegrierer haben ebenfalls ein derartig intransparentes Eigenleben, dass sie bereits in einer virtuellen Welt agieren und die Realität aus dem Auge verloren haben.

Sinkende Anforderungen

Bei mir war im Gymnasium ein Gramatikfehler ein 3er, zwei ein 4er, ...
Jetzt bei einer Arbeit gesehen: Ein Aufsatz mit einem schweren Fehler, vielen leichten, bekam trotzdem eine Eins.
Ich verstehe das, sonst bekäme wohl die Mehrheit, und darin die Migranten, nur 5er.

Aber bis hinauf zu Ministern werden Gramatikfehler praktiziert, neuerdings auch durch Journalisten in der Zeitung (zuletzt: Krone gelesen).
D.h. mit Fehlern in Aufsätzen etc kann man auch Minister werden. Österreichischer Minister.

Re: Sinkende Anforderungen

In der "Krone" findet man neuerdings viel weniger Fehler als in "Die Presse"!

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Re: Sinkende Anforderungen

Warum schreibst du dann Grammatik immer noch falsch?

Re: Re: Sinkende Anforderungen

Das war wohl meine Tastatur.

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Re: Re: Re: Sinkende Anforderungen

schlechte Ausrede
;-)

Auffangen Benachteiligter

Es sind zuviele, nicht vergessen.

Ein Elternpaar ist nicht für die Gesellschaft verantwortlich, dazu wählt es eine Regierung.

Wohl aber für ihr Kind.

Wer hat Troja zerstört?

Der Schulinspektor fragt die Klasse:
"Wer hat Troja zerstört?"

Nach längerer Stille meldet sich Franzi zögernd:
"Ich war's nicht .."

Der Schulinspektor dreht sich rasch zur Lehrerin, die sagt bestimmt: "Wenn der Franzi das sagt, kann man es ihm glauben!"

Der Schulinspektor eilt zur Direktorin und berichtet vom eben Vorgefallenen. Die Direktorin gibt sich entspannt: "Keine Sorge, dafür kommt der Elternverein auf."
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P.S.: Wissen Sie, wer Troja zerstört hat?

Re: Wer hat Troja zerstört?

Troja wurde von den Griechen unter Führung von Agamemnon, König von Mykene, zerstört.

Re: Wer hat Troja zerstört?

Besitzdenken über Frauen, und die Gier nach Macht.

die etage ist zu hoch

Derzeit geht es nur mehr um die Grundschulfertigkeiten: lesen, schreiben, rechnen. Um sonst gar nichts. Die Wünsche an die Bildungspolitik wurden bereits total abgespeckt - und nicht einmal das Erreichen dieses Ziels kann dzt garantiert werden. Es ist zu befürchten, dass es bereits weit nach 12 ist.

Erbschaftssteuer vom Bildungsbürgertum 2


Was dabei auf der Strecke bleibt, sind die nicht wenigen pädagogischen, ausstattungsmäßigen und baulichen konkret wirksamen Verbesserungserfordernisse. Das bisschen an Fördermaßnahmen zur Behebung von Schwächen wird nicht reichen. Den Tatsachen gerechte Förderungen und Forderungen der je eigenen (auch hoher und geringerer) Stärken, der besonderen Talente und Interessen, erfordern Anderes und viel mehr. State of the art wäre es schon länger machbar.

Also ans Werk! Mit einer Reform der Bildung persönlicher Qualitäten mit eingebundenen Ausbildungen funktionaler Qualifikationen zu einer menschenwürdig erfolgreichen Lebensführung in den individuell bestmöglichen Lebenszuschnitten. Dazu gehört nicht nur der Blick auf Matura und Hochschulstudium, sondern nicht minder auf die „Fachkräfte“, auf die Unternehmer etc.

Re: Erbschaftssteuer vom Bildungsbürgertum 2

na bumm :-):-)

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Re: Erbschaftssteuer vom Bildungsbürgertum 2

und was heißt das Geschreibsl auf Deitsch?

Erbschaftssteuer vom Bildungsbürgertum 2


Was dabei auf der Strecke bleibt, sind die nicht wenigen pädagogischen, ausstattungsmäßigen und baulichen konkret wirksamen Verbesserungserfordernisse. Das bisschen an Fördermaßnahmen zur Behebung von Schwächen wird nicht reichen. Den Tatsachen gerechte Förderungen und Forderungen der je eigenen (auch hoher und geringerer) Stärken, der besonderen Talente und Interessen, erfordern Anderes und viel mehr. State of the art wäre es schon länger machbar.

Also ans Werk! Mit einer Reform der Bildung persönlicher Qualitäten mit eingebundenen Ausbildungen funktionaler Qualifikationen zu einer menschenwürdig erfolgreichen Lebensführung in den individuell bestmöglichen Lebenszuschnitten. Dazu gehört nicht nur der Blick auf Matura und Hochschulstudium, sondern nicht minder auf die „Fachkräfte“, auf die Unternehmer etc.

Erbschaftssteuer vom Bildungsbürgertum 1

Bei der aktuellen Reformbewegung geht es nicht – wie behauptet – um eine Bildungsreform, sondern um einen massiven gesellschaftlichen Umbruch. Das ist übrigens ein fast 100 Jahre währendes Bestreben aus der „Arbeiterklasse“, dem unterdessen die Probleme jüngerer Einwanderungen hinzugekommen sind.

Ursprünglich war das Rezept die Bindung an die Einrichtungen der Sozialdemokratie vom Säuglingswäschepaket bis zum Abgang mit der „Flamme“. Jetzt, seitdem die Sozialdemokratie regiert, wird mit Verstaatlichung agiert. Mit einer Herabsetzung, ja Enteignung funktionierender, engagierter Familien in möglichst frühe öffentliche Kinderbetreuung sowie verpflichtende Ganztags- und über die Volksschule hinaus verlängerte Gesamtschulen.

So soll in der Förderung der Benachteiligten – aus welchen Gründen auch immer sie dies sein mögen – das Familienerbe umverteilt werden; das so genannte Bildungsbürgertum hat seine Erbschaftssteuer zu leisten. Was liegt also näher, als das im Ausweichen aus der parteilich orientierten Verstaatlichung in private Einrichtungen zu tun. Wenn das von den Reformern auch anders, nämlich in pflichtiger Vergemeinschaftung, beabsichtigt ist.

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Zwei Kardinalfehler der österreichischen Bildungspolitik:

1. Man will sich nicht damit abfinden, dass Kinder nicht nur in der Schule, sondern noch viel mehr von ihren Eltern lernen. Um das zu verhindern, würde msn am liebsten eine Ganztags- plus Ganznachts-Schule machen!

2. Chancengleichheit wird als bloße Gleichheit aufgefasst. Es darf nicht sein, dass intelligentere Kinder mehr lernen, weshalb sie mit allen Mitteln daran gehindert werden, um mehr Gleichheit zu erzielen.

So lange man diese Dogmen nicht verlässt, werden wir immer eines der teuersten und dabei erfolglosesten Schulsysteme haben, das hauptsächlich "funktionelle Analphabeten " hevorbringt und damit unseren Kindern die Zukunftschancen verdirbt!

Re: Zwei Kardinalfehler der österreichischen Bildungspolitik:

Da sich unsere Bildungspolitiker immer auf sogenannte Experten berufen, kann doch hierzulande gar nichts falsch laufen -oder? Manche Leute haben einfach den falschen Blickwinkel!! Wirklichkeitsverweigerung und Lebenslügen hatten im real existierenden Sozialismus immer schon ihren Platz. Die Akzeptanz der aktuellen Bildungsstrategie wird ohnehin bald erreicht- der funktionelle Analphabetismus verbreitet sich epidemisch.

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In vielen Wiener Bezirken

haben die Sozialisten die soziale Hängematte so weit über den Gemeindebauten aufgespannt, dass Bildung längst kein notwendiger Wert mehr ist. Man muss, um aufs Leben vorbereitet zu sein, nur folgendes wissen:
* wie komme ich schnell an eine Gemeindewohnung
* wie lasse ich mich von Jugend an vom Staat erhalten
* wo muss ich bei der Wahl das Kreuzerl machen, damit es auch so bleibt?

Es ist nur skurril, wenn Frau Schmied meint, das allgemeine Niveau müsse so weit heruntergebrochen werden, damit ihrer Klientel, die sie selbst mit den Sozis in den letzten 30 Jahren geschaffen hat, auch der Schulbesuch ohne jede Anstrengung gelingt.

Re: In vielen Wiener Bezirken

Es würde der Sache dienlicher sein wenn man das Problem realistischer behandeln würde.
Dieses Problem haben alle Metropolen der Welt und nicht erst seit dem 20-21 Jahrhundert.
Einer bestimmten Partei oder Regierung die Schuld dafür geben ist zu leicht, denn welche Regierungsform haben zum Beispiel die USA oder Großbritannien?, und die haben die selben Probleme.

 
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