Deutsch lernen: "So viel wie möglich im Kindergarten"

11.01.2013 | 16:21 |  von Bernadette Bayrhammer (DiePresse.com)

Ex-ÖVP-Landesrat Siegi Stemer arbeitet jetzt für Ministerin Schmied (SPÖ). Er will in Schulen die „Projektitis“ zurückdrängen.

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Die Presse: Sie sind langgedienter ÖVP-Politiker und nun der neue Mann von SPÖ-Ministerin Claudia Schmied für die Sprachförderung. Ein bisschen wirkt es wie ein strategischer Schachzug, Sie ins Boot zu holen. Ist es das?

Siegi Stemer: Dass manche hier Mutmaßungen anstellen, ist wohl normal. Ich bin aber kein Politiker mehr. Mir ist die Sache wichtig. Und ich denke, so sieht das auch die Ministerin.


Bis März soll das Maßnahmenpapier für die Sprachförderung fertig sein. Die Ministerin will ein seriöses Gesamtkonzept. Geht sich das aus?

Ein ganzheitliches Konzept lässt sich natürlich nicht in dieser kurzen Zeit realisieren. Die Ministerin wird aber bis März konkrete Vorstellungen einbringen. Diese werden ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Mosaikstein für das Gesamtkonzept sein.


Auch Schmied kann sich nun vorstellen, dass Schüler mit schlechtem Deutsch in der Vorschule gefördert werden. Was halten Sie davon?

Die Auffassungen – auch zwischen Schmied und (ÖVP-Integrationsstaatssekretär Sebastian, Anm.) Kurz – sind gar nicht so weit auseinander. Klar ist eines: Wir müssen so früh wie möglich ansetzen, um die Grundlagen für eine gute Bildungssprache Deutsch zu legen.


(c) ÖVP Vorarlberg

(c) ÖVP Vorarlberg

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Ist ein Vorschuljahr am sinnvollsten? Es gibt ja auch Kritik – etwa, dass das Herauspicken diskriminierend sei.

Es muss möglich sein, sich mit unterschiedlichen Modellen zu nähern. Zwischen Stadt und Land, großen und kleinen Schulen, sogar von Jahr zu Jahr variieren die Schülergruppen. Es kann je nach Standort nötig sein, die Kinder vorübergehend in eigene Gruppen zu geben, damit sie die Grundlagen der deutschen Sprache lernen. Wenn entsprechende Fortschritte da sind, müssen sie aber möglichst rasch in die normale Klasse kommen. An sich bin ich allerdings dafür, dass man so viel wie möglich schon im Kindergarten macht.

Auf die Bedeutung des Kindergartens scheinen sich alle einigen zu können.

Ja. Und mit Recht: Alle – von Hirnforschern bis zu Lernpsychologen – sind sich einig, dass die frühen Jahre für das Erlernen der Sprache und die Vermittlung von Sprachkompetenz zentral sind. Die Kinder haben ab dem dritten Lebensjahr ihre Lernfenster meilenweit offen. Und es ist daher auch gut, dass vermehrt politisch diskutiert wird, ob ein zweites Kindergartenjahr mit Fokus auf die Sprachförderung nicht ein guter Weg wäre.


Nur: Die Rahmenbedingungen schafft man bisher nicht. Für Sprachförderung gibt es vom Bund pro Jahr fünf Millionen Euro – für 200.000 Kinder.


Man muss sagen: Es ist wirklich toll, was im Kindergarten bereits jetzt geleistet wird. Wenn es einen Schulterschluss gibt, dass auf die frühe Bildung mehr Wert gelegt werden soll, muss man aber natürlich die Kindergartenerhalter in die Lage bringen, diese Aufgabe auch zu erfüllen. Und die entsprechenden Mittel in die Hand nehmen. Man darf das nicht einfach auf den Schultern der Gemeinden abladen.


Sie werden sich auch mit der Volksschule befassen. Was ist da nötig?

Regelmäßige Bewegung und gute Ernährung sind zwei ganz wichtige Themen. Und wir müssen die Projektitis ein bisschen zurückdrängen – und uns stattdessen etwas mehr auf die Grundfertigkeiten konzentrieren: Lesen, Schreiben, Rechnen, Zuhören.


Nochmals zu Ihnen: Erst vor zwei Monaten sind Sie nach einer Schwarzgeld-Affäre als Landesrat in Vorarlberg zurückgetreten – nun übernehmen Sie eine Aufgabe auf Bundesebene. Das sehen nicht alle positiv.

Ich habe ein gutes Gewissen. Der Vorfall war kein großer – es war eine Handkassa, deren Existenz man mir vorenthalten hat –, und ich habe die Verantwortung übernommen. Auch für die Gutmütigkeit meinen Mitarbeitern gegenüber. Und ich blicke nicht zurück, sondern nach vorne.

Zur Person
Siegi Stemer (62) trat im Vorjahr wegen einer Schwarzgeldaffäre im Umfeld der Sportservice Vorarlberg GmbH als Sport- und Schullandesrat in Vorarlberg (ÖVP) zurück. Er war zuvor 15 Jahre lang Landesrat gewesen, seit dem Jahr 2000 für den gesamten Bildungsbereich. Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) holt ihn nun als Berater für den Bereich Früh- und Sprachförderung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12. 1. 2013)

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40 Kommentare
 
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Ich bin kein Politiker mehr ..

.. mir ist die Sache wichtig! Diese Aussage spricht für sich.

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so viel wie möglich im kindergarten lernen

Das stimmt!
siehe englisch-unterricht.
in der schule hat man nur noch probleme.

Nur: Die Rahmenbedingungen schafft man bisher nicht. Für Sprachförderung gibt es vom Bund pro Jahr fünf Millionen Euro – für 200.000 Kinder.

Das sind genau €25.- pro Kind, nicht gerade viel, auch wenn die Kinder "im Rudel" unterrichtet werden.
Sagen wir mal, die Kinder werden zu zehnt unterrichtet, dann sind das gerade mal € 250.- für den Lehrer, ohne Unterrichtsmaterial!

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Ich bin dagegen, dass Migrantenkinder verpflichtend Deutsch lernen müssen.

Mir als Türkei-Liebhaber gefällt die türkische Sprache und ich hätte kein Problem damit, wenn man sie in der Österreichischen Verfassung als zweite offizielle Amtssprache verankert. Die Zeiten ändern sich nun mal! Aber erklär' das mal einen Pr**e-User mit einem Durchschnittsalter von 75 Jahren. Wie sagte schon Gorbatschow: "Wer zuspät kommt, den bestraft das Leben."

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Re: Ich bin dagegen, dass Migrantenkinder verpflichtend Deutsch lernen müssen.

Crash?

mit einer Betonmauer!

Gorbatschow: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

Daher:
Wer seinen Kindern einen guten Schulstart ermöglichen will, lässt sie vor der Einschulung die Landessprache erlernen.

Re: Ich bin dagegen, dass Migrantenkinder verpflichtend Deutsch lernen müssen.

wären Sie möglicher Weise damals einer der ersten gewesen, die den rechten Arm erhoben hätten ....nur um sich bereit zu machen? Und weil die ja eh ganz nett waren?
Passen's auf, sonst fahr ich Ihnen mit meinem Rollator über die Füsse!

Re: Ich bin dagegen, dass Migrantenkinder verpflichtend Deutsch lernen müssen.

Der eine sagt: Wir schaffen uns ab, ein anderer sagt: Wir kommen, und Ergodan pflegt den Neo-Ottomanismus für die Zukunft. Ganz bei ihnen: bereit sein ist alles.

Re: Re: Ich bin dagegen, dass Migrantenkinder verpflichtend Deutsch lernen müssen.

*Erdogan

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Re: Ich bin dagegen, dass Migrantenkinder verpflichtend Deutsch lernen müssen.

@Krash: Wenn Ihnen das Durchschnittsalter der User hier von angeblich 75 Jahren zu hoch ist, dann meiden Sie doch dieses Forum. Es zwingt Sie doch niemand mit "Greisen" zu diskutieren. Und was Ihren Wunsch nach Türkisch als zweite Amtssprache betrifft, so nehmen Sie doch bitte das nächste Flugzeug nach Istanbul oder Ankara, denn Ihr Wunsch ist - pardon - hirnverbrannt. Sie haben wohl noch nichts von unserer eigenen Kultur mitbekommen. Wenn Sie sich also in die türkische Sprache so verliebt haben, dann wäre es doch vernünftig, sie dort zu sprechen, wo diese auch zuhause ist. Tschüss und grüßen Sie "Freund Erdogan".....

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Türkei


Die Probleme, die hier diskutiert werden, sind weitestgehend durch xenophile Verblendung unseres Politik-Establishments verursacht. Ein Blick auf die Türkei würde sich lohnen. Die Türkei hat sich schon früh die UN Flüchlingskonvention so zurechverhandelt, dass sie nur "Flüchtlinge aus Europa" aufzunehmen verpflichtet ist, alle anderen müssen zurück oder weiter.

Re: Türkei

Bagis-Gül-Davutoglu-Erdogan`s Reden zu lesen lohnt sich allemal. Die wissen, was sie wollen, und sie wissen, was die anderen nicht wissen wollen. Das hat auch mit Ö. zu tun. Und auch mit dem Spracherwerb.

Re: Türkei

Jaja,aber leider lassen sie sie "weiter" nach Europa ziehen.

Und welcher Europäer würde schon in die Türkei "flüchten" wollen oder müssen ?

"Soviel wie möglich im Kindergarten Deutsch lernen",

meint der Experte.

Das ist eine Binsenweisheit für uns Deutschsprachigen, aber nicht für diejenigen, die sich der deutschen Sprache verweigern, diese nicht beherrschen und daher- mit den Gschroppen/innen nach dem Abholen vom Kindergarten munter in ihrer Muttersprache plauschen. Zuhause wird weiter fremdsprachig geredet und so werden fast alle unsere Bemühungen konterkariert.

Das liegen die Hunde begraben.
Alle wissen es, nur traut sich keiner darüber zu sprechen......


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Re: "Soviel wie möglich im Kindergarten Deutsch lernen",

Bezeichnen sie eigentlich alle Kinder als "Gschroppen/innen" oder nur die Nicht-österreichischen?

Re: "Soviel wie möglich im Kindergarten Deutsch lernen",

Der Mut kommt zögerlich: die zuständige Ministerin denkt erstmals über die Notwendigkeit der dt.Sprachvermittlung nach.

Re: "Soviel wie möglich im Kindergarten Deutsch lernen",

Gut, ab sofort könnte ich genau so sagen, dass Österreicher im Ausland nur die Landessprache mit ihren Kindernsprechen sollen.... und kein deutsch! So ein blödsinn! Kinder sollen zweisprachig aufwachsen, wenn es die Möglichkeit gibt.

Gratuliere, Frau Ministerin.

Über (Partei) Grenzen hinweg das Problem anpacken ist der vernünftigste Weg. Jetzt noch den Herrn Kurz mit ins Boot holen, kann die ÖVP nicht mehr mauern.

stimmt,

in der türkei im kindergarten.

Sprachprobleme: Verpflichtenes Vorschuljahr ist nicht die Lösung!

Sprachförderung muss in den Alltag der Kinder integriert werden. Wer jemals gesehen hat, wie schnell Kinder im Alter ab 2 Jahren eine Zweitsprache erlernen, weil sie sie für das gemeinsame Spiel mit den anderen Kindern in der Gruppe brauchen, weiß, dass dies die effizienteste und für das Kind die sicherste Variante ist, die Sprache zu erlernen. Die eigene Sprache sollte dabei nicht vernachlässigt werden. Bilderbücher, Gedichte, Lieder, Tänze in der jeweiligen Muttersprache bilden die Grundlage dafür, dass jedes Kind seine eigene kulturelle Identität entwickeln kann und dass Deutsch als Zweitsprache eine willkommene Ergänzung ist.

Sprachförderklassen untergraben das Selbstvertrauen von Kindern Schulerfolg hängt nicht alleine davon ab, wie gut oder schlecht ein Kind Deutsch verstehen, sprechen und schreiben kann. Schulerfolg hat ganz viel mit einem guten Selbstvertrauen zu tun. Kinder, denen von Anfang an klar gemacht wird, dass sie ein Defizit haben, werden sich schwer damit tun, sich selbst etwas zu zutrauen. Kinder, die unter Druck in einem Jahr Deutsch lernen müssen, werden es schwer haben einen positiven Zugang zur Sprache zu finden. Vielleicht werden Viele ein Leben lang mit der Sprache Deutsch die Sprache der Mächtigen und der Autoritäten verbinden.

Re: Sprachprobleme: Verpflichtenes Vorschuljahr ist nicht die Lösung!

Deutsch als Zweitsprache eine willkommene Ergänzung. Zitatende.
Es ist scheinbar für manche Organisationen bereits die Akzeptanz von Österreich verloren gegangen. Dürfen wir noch hierzulande deutsch sprechen? Es wird Zeit, dass politische Entscheidungen getroffen werden, bevor die Landessprache auch offziell abgelehnt werden darf. Wir brauchen keine dt. Verhältnisse.

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Re: Re: Sprachprobleme: Verpflichtenes Vorschuljahr ist nicht die Lösung!

Deutsch ist eben die Zweitsprache für jemanden, dessen Eltern keine Österreicher sind.

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Re: Sprachprobleme: Verpflichtenes Vorschuljahr ist nicht die Lösung!

"wie schnell Kinder im Alter ab 2 Jahren"
dann müßte man also diversen Migranten zeitweise die Kinder ab diesem Alter wegnehmen, weil sie nicht Willens oder in der Lage sind ihre Kinder in einer Zweitsprache zu unterrichten?
Im öffentlichen Kindergarten lernt ein Kind beim Spielen wohl eher Türkisch denn Deutsch (ist ja nicht schlecht), da die Migrantenkinder zahlenmäßig meist überlegen sind.
Und was mach ma jetzt?
Doch lieber Sprachförderklassen??

Re: Sprachprobleme: Verpflichtenes Vorschuljahr ist nicht die Lösung!

Ist da zufällig ein GRÜNER enttäuscht, dass seine Partei nicht zum Handkuss gekommen ist?

Re: Re: Sprachprobleme: Verpflichtenes Vorschuljahr ist nicht die Lösung!

Politische Zugehörigkeit ist hier unwichtig. Offensichtlich hat diese Person Erfahrung und Wissen über Sprachenlernen, im Gegenteil zu die meisten Unwissenden hier.

Re: Sprachprobleme: Verpflichtenes Vorschuljahr ist nicht die Lösung!

Ich stimme ihnen, zumindest was erlernen einer Sprache in diesem alter in Gruppen die diese Sprache sprechen, zu.

Ich bin mir auch sicher ,bzw spreche aus eigener Erfahrung (in meiner Klasse VS waren solche Fälle vertreten die jetzt perfekt Deutsch sprechn und auch mit mir jetzt studieren)

ABER!!! das funktioniert nur wenn diese Schüler in der Minderheit sind in der Klasse.
Bei einem nicht Deutschsprachigem Anteil von 95% wirds kritisch
Am besten wäre 1-2 nicht Deutschsprachige pro Klasse, dann funktioniert das System sicher super.
So wirds aber nicht spielen weil sich das zahlenmäßig nicht ausgeht

 
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