Was von den "Energieferien" blieb

Im Jahr 1974 wurden sie eingeführt, um Energie zu sparen. Heute können aber viele mit dem Namen "Energieferien" nichts mehr anfangen. Wird in den Semesterferien tatsächlich weniger Energie verbraucht?

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Symbolbild – (c) Erwin Wodicka wodicka aon at (Erwin Wodicka)

Die Ölkrise war schuld. Als im Oktober 1973 die arabischen Opec-Staaten den Westen für seine israelfreundliche Haltung bestrafen wollten, drosselten sie ihre Erdöllieferungen um 25Prozent. Mit einem Schlag stieg der Benzinpreis massiv an. Heizöl und Treibstoff wurden knapp – und plötzlich war Energie sparen das Gebot der Stunde. Auf der Autobahn galt deshalb vorübergehend Tempo 100, für etwa fünf Wochen wurde ein autofreier Tag eingeführt – mit einem Pickerl auf der Windschutzscheibe mussten die Lenker bekannt geben, an welchem Wochentag sie das Auto stehen lassen. Nicht zuletzt rief Bundeskanzler Bruno Kreisky sogar dazu auf, die Männer sollten sich bitte doch energiesparend nass rasieren.

Und schließlich wurden im Februar 1974 die „Energieferien“ eingeführt – um in den Schulen Heizöl zu sparen. Und die gibt es bis heute, auch wenn der Name Energieferien längst durch den Begriff Semesterferien ersetzt wurde. Wird in der Energiewoche, die in Wien, Niederösterreich und Vorarlberg an diesem Wochenende beginnt, eigentlich noch gespart?


Schulen. In den Semesterferien haben 220.000Schüler in Wien frei und die 670Schulen sind geschlossen. Das hilft nach wie vor beim Sparen. „Am meisten müsste man es beim Strom und bei der Heizung merken“, sagt Michael Minarik, Leiter der Abteilung Energiemanagement der MA34. Die Temperatur wird in städtischen Schulen auf zehn Grad gesenkt, auch der Wasserverbrauch sinkt – die in den Turnsälen eingemieteten Vereine müssen auch pausieren. Auch die Uni Wien fährt in der vorlesungsfreien Zeit die Temperatur in den Hörsälen um einige Grade herunter. Allerdings: Die erste Februarwoche gilt an der Uni nicht als vorlesungsfrei – in den Hörsälen finden Prüfungen statt.

Autoverkehr In Wien ist das Verkehrsaufkommen in den Semesterferien zwar im Frühverkehr und zu den Stoßzeiten geringer. Allerdings verlagert er sich dafür von der Stadt in die Tourismusgebiete. „Ob die Reisewelle das aufhebt, was in den Städten gespart wird, ist schwer einzuschätzen“, sagt Dieter Campregher vom ÖAMTC. In Hinblick auf die Benzinpreise müssen sich Autofahrer nicht ärgern. Zwar tendieren diese dazu, vor den Ferien zu steigen, 2011 lag die Steigerung im Vergleich zur Vorwoche allerdings nur bei 0,9Prozent beim Diesel – von 1,278 auf 1,289 Euro – und 0,2Prozent beim Superbenzin (von 1,312 auf 1,315 Euro). Eingespart wird dafür woanders: bei den Strafen. Zwar werde der Parkraum wie immer kontrolliert, „allerdings wird erfahrungsgemäß weniger gestraft“, sagt Wolfgang Schererbauer, Leiter der Parkaumüberwachung in der Wiener Polizei. „Weil weniger Autos in der Stadt sind.“

Öffentlicher Verkehr.Rund elf Prozent weniger Energie verbrauchen die Wiener Linien in den Semesterferien, so wie in anderen Ferien auch – weil der Schulverkehr wegfällt, werden weniger dichte Intervalle gefahren – auf der U6 im Frühverkehr kommt etwa statt alle drei nur alle dreieinhalb Minuten eine Garnitur. Für einen Betrieb, der etwa die Hälfte der Energie verbraucht, die das Kraftwerk Freudenau erzeugt, kommt in der Ferienzeit jedenfalls schon einiges zusammen.

Strom und Gas.Was in Schulen und Unis eingespart wird, wird dafür anderswo mehr verbraucht – in den Haushalten: „Es verlagert sich“, sagt Ilona Matusch von Wien Energie. Von einer Einsparung zu sprechen, sei also ein Irrtum. Das gilt nicht beim Wasserverbrauch. „Fünf bis zehn Prozent weniger Wasser verbrauchen die Wiener in den Semesterferien im Schnitt“, sagt Franz Weyrer von der MA31. Einerseits, weil viele Städter auf Urlaub fahren, andererseits aber auch, weil Firmen ob der urlaubenden Mitarbeiter weniger produzieren.


Gastronomie. Bei Wiens Gastronomen ändert sich der Energieverbrauch in den Ferien nicht. Zwar sinken die Besucherzahlen – und damit der Umsatz – im Schnitt um ein Drittel, weil viele Wiener auf Urlaub fahren. Allerdings würde sich das Zusperren oder Zurückfahren des Betriebs nicht auszahlen, sagt Wilhelm Turecek, Obmann der Gastronomen in der Wirtschaftskammer. Immerhin: Köche und Servicepersonal werden in den Energieferien häufiger auf Urlaub geschickt.


Fazit. Ja, es wird schon Energie gespart in den „Energieferien“. Allerdings treten viele der Einsparungen auch in allen anderen Ferien auf. Und: Die Energie, die im Alltag eingespart wird, fällt dann oft eben anderswo an. Im Flugzeug in den Süden, beim Stau Richtung Skigebiete und auf der Piste – die Schneekanonen müssen schließlich auch erst einmal zum Laufen gebracht werden. Am Ende wurde also nicht unbedingt viel Energie gespart – dafür wurde der Tourismus massiv gestärkt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2013)

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