Gesamtschule: "Hätte gerne eine öffentliche Diskussion"

05.02.2013 | 16:25 |  Von Julia Neuhauser (DiePresse.com)

In den berufsbildenden Schulen seien viele Lehrer für die Gesamtschule, sagt Lehrervertreter Jürgen Rainer. Ein neues Dienstrecht hält er nicht unbedingt für nötig. Ein neues Besoldungsschema aber sehr wohl.

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Die Presse: Würden Sie sich selbst als Optimist bezeichnen?
Jürgen Rainer: Ich bin absolut ein Optimist.
 
Sind Sie Optimist genug, um an einen Abschluss des neuen Lehrerdienstrechts noch in dieser Legislaturperiode zu glauben?
Ja. Ich kann dazu nur sagen: Die Hoffnung stirbt immer zuletzt.
 
Stimmt es Sie hoffnungsvoll, dass sich der Bundeskanzler höchstpersönlich in die Verhandlungen einschalten will?
Wenn sein Einschreiten dazu führt, dass die Regierung mehr Verhandlungswillen zeigt, dann ist das positiv. Es ist mittlerweile ein enormer medialer Druck aufgebaut worden, der die Regierung dazu zwingt, schneller zu agieren.
 
Der erhöhte Druck ist doch nachvollziehbar. Seit Jahren scheint nichts voranzugehen.
Es stellt sich die Frage, wozu wir überhaupt ein neues Dienstrecht brauchen. Was bezweckt man eigentlich damit?
 
Sind Sie also der Meinung, dass man überhaupt kein neues Dienstrecht braucht?
Ich bin mit dem derzeitigen Dienstrecht zufrieden. Wir brauchen lediglich eine Veränderung in der Besoldungsstruktur.

Zur Person
Jürgen Rainer (61) ist Vorsitzender der Lehrergewerkschaft an berufsbildenden mittleren und höheren Schulen. Er ist Chef der prozentuell stärksten Fraktion, der konservativen Fraktion christlicher Gewerkschafter (FCG).

 
Was spricht gegen ein neues Dienstrecht?
Wir haben fünf verschiedene Lehrertypen – von der Volksschule bis zu den Kollegs. Ein gemeinsames Dienstrecht ist da nicht sinnvoll. Das wäre so, als würde ich bei fünf Ballsportarten – Fußball, Handball, Volleyball, Basketball und Tennis – versuchen, mit einer einzigen Spielregel auszukommen. Das geht eben nicht.
 
Was, wenn die Verhandlungen tatsächlich scheitern? Würden Sie das als Erfolg für die Lehrergewerkschaft sehen?
Wir haben momentan einen enormen Druck. Man versucht, innerhalb kürzester Zeit etwas aus dem Boden zu stampfen. Dementsprechend wird man nachträglich enorm viel Aufwand betreiben müssen, um Verträglichkeit herzustellen. Aus meiner Sicht wäre es überhaupt keine Schande, wenn man auf Grund der kommenden Wahlen die Verhandlungen zurücknimmt und erst danach ein ordentliches Konzept vorlegt.
 
Ab wann wäre es denn eine Schande?
Aus unserer Sicht gibt es keinen Zeitdruck. Ob der Gesetzesentwurf im Juni vorgelegt wird, oder ob das erst im November passiert, spielt für mich überhaupt keine Rolle.
 
Sie werfen der Ministerin vor, dass Sie das neue Dienstrecht dazu benützt, um andere bildungspolitische Reformen wie die Gesamtschule durchzubringen. Woran wollen Sie das erkennen?
Für mich ist hier eindeutig ein Zusammenhang erkennbar. Es wird über das Dienstrecht versucht, die Strukturen für die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen zu schaffen. Wenn ich ein Dienstrecht habe, das nur noch eine Lehrerkategorie kennt, dann gebe ich den Weg für die gemeinsame Schule frei. Es sollte im Vorfeld abgeklärt werden, ob es eine gemeinsame Schule geben soll, oder eben nicht.
 
Könnte das durch eine Volksbefragung – wie das bereits der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) gefordert hat – geklärt werden?
Ich begrüße Häupls Vorstoß. Ich glaube, dass sich dieses Thema sehr gut eignet, um einen Volksentscheid herbei zu führen.
 
Welches Ergebnis erwarten Sie sich denn davon?
Ich erwarte mir kein Ergebnis, sondern Klarheit.
 
Sie erwarten sich also keinen sicheren Sieg für die ÖVP und damit eine Absage an die Gesamtschule?
Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Da denke ich nicht in einer parteipolitischen Kategorie.
 
Ist es nicht Aufgabe der Regierung, solch grundlegende Fragen zu klären?
Es ist eine ideologische Debatte, die gesamtgesellschaftlich debattiert werden soll.
 
Was wünschen Sie sich denn? Eine Gesamtschule oder ein differenziertes Schulwesen?
Das will ich nicht vorgeben. Deshalb hätte ich ja gerne eine öffentliche Diskussion über das Pro und Contra.
 
Sie persönlich werden aber sicherlich eine klare Meinung haben.
Jeder hat hier eine Position. Aus Sicht der berufsbildenden Schulen haben wir natürlich ein Interesse, dass wir die bestmöglichen Schüler zu uns bekommen.
 
Was würden Sie ankreuzen, wenn es eine derartige Befragung geben würde?
Ich möchte mich nicht dazu äußern. Aber ich weiß, dass in unseren Lehrkörpern der Wunsch nach einer gemeinsamen Schule sehr weit verbreitet ist.

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160 Kommentare
 
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Befragung über schulg­eldfreie ­Gymnasien ­für alle

Hier gibt es eine Befragung über Gymnasien:
http://www.votinion.com/#poll/isxts8
Sollen auc­h für die ­AHS-Unters­tufe die v­on Kreisky­ eingeführ­ten schulg­eldfreien ­Gymnasien ­für alle e­rhalten bl­eiben, ode­r soll es ­nur mehr ein 2-Klass­en-Schulwes­en mit Pri­vat-Gymnas­ien für Re­iche wie G­usenbauer ­oder Cap g­eben?
Weitere Umfragen mit Themen, bei welchen ÖVP und SPÖ klar gegen die Mehrheitsmeinung der Österreicher agieren:
http://a.referata.com/wiki/Umfragen

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Es ist mir unverständlich

warum wir gerade in Bezug auf Bildung, seit gut 50 Jahren keine Änderung in Betracht ziehen.

Einerseits jammern wir zu einem Großteil über die ungebildeten Zuwanderer, andernseits möchten wir den hier lebenden Personen nicht eine möglichst gute Grundbildung zugestehen.

Warum sollen nicht alle eine solide Grundbildung erhalten, die eben mit dem Abschluss Matura endet.
Jede weitere Ausbildung, sei dies an einer Universität, Fachhochschule, einem Handwerksbetrieb, kann von Personen in diesem Alter wesentlich besser getroffen werden.

Ich glaube auch, es ist kein Nachteil für einen Staat, wenn die Bürger eine gute Allgemeinbildung erhalten haben.
Oder fürchtet sich die Elite vor mündigen Bürgern ?

Re: Es ist mir unverständlich

Weil es genug Menschen gibt, die intellektuell nicht in der Lage sind Maturaniveau zu erreichen. Trotzdem können das mündige Bürger sein.

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Re: Es ist mir unverständlich

fuers bip waere dies sehr schlecht. das geld, das ein fuenfzehnjähriger in der lehre verdient kommt durchs ausgeben wieder der wirtschaft zu gute. mit 19 als geselle bringt er dann schon einiges an geld in umlauf. wenn jetzt alle erst mit 18,19 beginnen eine lehre zu machen, findet dieser geldfluss erst viel spaeter statt, da die leute, die eine lehre absolvieren, in diesrm alter dann erst ~500 statt ~1500 verdienen.... alles in allem waers ne wirtschaftliche katastrophe

mit einem spalter ?


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andere Schüler

LehrerInnen berichten, dass immer schlechtere Schüler in die BHS und AHS geschickt werden. Die Gesamtschule ist da grundverkehrt!

Re: andere Schüler

Falls Sie es noch nicht wissen, die heutigen Schüler kommen nicht aus einer Gesamtschule. Die kommen aus einen Schule, wo man versuchte die ''schlechten" von den ''guten'' zu trennen. Das Ergebnis kann man in jeder BHS heute bewundern.

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wieder das falsche Thema...

Wie bei der Debatte über die Wehrpflicht, werden hier die falschen Fragen gestellt. Eine Gesamtschule ist Nebensache. Was wir brauchen ist eine Ganztagesschule mit verschränktem Unterricht, in der, so wie überall anderes auch, die Angestellten für den Betriebserfolg verantwortlich sind. Soll heißen: Die Lehrer, Erzieher und andere pädagogischen Berufe, werden am Erfolg ihrer Schüler gemessen. Der Erfolg eines Schülers kann einfach nicht mehr davon abhängen wieviel familiäre Lernzeit verfügbar ist. Entlastet endlich die Eltern, primär Mütter!

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Re: wieder das falsche Thema...

und wie kommen Sie darauf, daß das alle Eltern wollen? Ich kümmere mich lieber selbst um meine Kinder anstatt sie ganztags abzugeben und sie nur zum Schlafengehen zu sehen. Als Angebot in Ordnung, als Verpflichtung für alle nicht.

Re: wieder das falsche Thema...

Eltern, die ihre Kinder als Last empfinden, sollten sich keine anschaffen.

Problem gelöst.

Re: wieder das falsche Thema...

ein heer von neu zu schaffenden bürokratenjobs wird dann die erfolge messen.

volksbefragung!

dieser begriff kommt zur zeit wie eine epidemie über das land. in manchen fragen sinnvoll, aber nicht bei bildung und wehrpflicht. damit sollen sich experten befassen. dafür sind sie ja da.
der vorschlag über das dienstrecht einer bestimmten berufsgruppe abstimmen zu lassen ist tiefstes niveau, wie es von einigen postern gefordert wird, ohne darüber nachzudenken.
da können wir gleich über die länge der mittagspausen von öbb bediensteten oder über tägliche kaffeeration von magistratsangestellten abstimmen.
natürlich absurd

Diagnose

Lehrer ist vielfach kein Beruf, sondern eine Diagnose.

für wen spricht dieser

...Vorsitzende der Gewerkschaft an berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS)? Handelt es sich um eine persönliche Meinung oder um eine Stellungnahme "der" Gewerkschaft? Sollte man die Lehrer über den Vorsitzenden abstimmen lassen?

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Gesamtschule ist Mist .


Und bei einer Volksabstimmung käme das auch als Meinung der Österreicher heraus. Ende des linxlinken Experiments auf Kosten unserer Kinder .

Hahaha!

Die PRESSE voll reingefallen!
Aus EINEM Lehrer wurden DIE Lehrer ...
Aus EINEM Gewerkschafter wure DIE Gewerkschaft ...
Nächstes Mal besser recherchieren und bei den Fakten bleiben ...

Re: Hahaha!


Ich würde es nicht als Reinfall bezeichnen, sondern als Teil der Propaganda.
Um seriöse Berichterstattung geht es hier schon lange nicht mehr.

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Früher

gab es Ausbildung in Klöstern und Unterricht an den Adelshöfen.
Später ausschließlich für Knaben und noch später auch für Mädchen.
Ende/Anfang des 19 Jhdt. Volksschule / Bürgerschule später Volks und Hauptschule als Mindestbildung. Also 9 Jahre Schuldbildung für alle.
Was spricht dagegen nun 12 Jahre für alle und Matura für alle. Die Anforderungen sind ebenfalls gestiegen.

Eine Gesamtschule könnte nur von Vorteil sein. Danach kann man immer noch entscheiden, in welche Richtung man sich orientieren möchte.


Re: Früher

Warum nicht gleich Doktortitel für alle?

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Re: Re: Früher

Ich kann nicht verstehen, was gegen die Anhebung des allgemeinen Bildungsstandes sprechen sollte.

Re: Re: Re: Früher

Wenn JEDER Matura hat, kann das Niveau nur noch im Keller sein, da einfach ein Teil der Bevölkerung nicht die intellektuellen Voraussetzungen hat dafür.

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Schule der Zukunft: 100 Kinder pro Klasse im

Alter zwischen 6 und 18 Jahren - weil da das innere Differenzieren voll gut geht.
Lehrverpflichtung mindestens 48 Wochenstunden und Einkommen knapp über der Mindestsicherung.
Man kann der Politik nur dankbar sein.

Re: Schule der Zukunft: 100 Kinder pro Klasse im

die vorstufe dieser zukunftsschule ist die nms, abgeschaut von der ehemaligen volksschuloberstufe.

bin dagegen und für strenge Aufnahmetests an der AHS

Statt Einführung einer undifferenzierten Schule, bin ich für die Einführung von strengen Aufnahmetests an der AHS! Es ist unpackbar, dass kleine Kinder in der Volksschule schon einem so starkem Notendruck ausgesetzt werden - und alles beurteilt von nur EINEM Lehrer - wo gibt es denn sowas??? Bin für eine Volksschule ohne Zeugnis - dafür muss jeder, der in die AHS will einen Test an der AHS bestehen! Die Gesamtschule wäre natürlich diesbezüglich auch eine Lösung (es gäbe dann auch keinen Druck mehr in der Volksschule) - aber da ich mir es einfach nicht vorstellen kann, wie man so viele unterschiedliche Kinder (v.a. in Wien) unter einen Hut bringen kann, bin ich dagegen. Man könnte natürlich einmal Versuche starten - aber wo bitte finden sich die Freiwilligen? Es müssten ja auch gute Schüler dabeisein - die wird es für einen "freiwilligen" Gesamtschulversuch wohl nicht geben!

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Re: bin dagegen und für strenge Aufnahmetests an der AHS

Dann wird das Gymnasium zur Gesamtschule, denn die Gymnasien nehmen jetzt schon alle, die wollen. Aufnahmetest? Super, aber bitte nicht durch die Lehrer an genau diesem Gymnasium! ich bin für eine Beschränkung der Aufnahmezahl an Gymnasien! Dann kann auch ein höheres Niveau an NMS gehalten werden, weil sich die Gymnasien endlich nur noch die Schüler aussuchen, die wirklich hingehören!

Re: Re: bin dagegen und für strenge Aufnahmetests an der AHS

Die Gymnasien würden nicht alle nehmen, wenn sie eine Möglichkeit hätten, Schüler abzulehnen; aber solange ein Kind, das keinen einzigen deutschen Satz unfallfrei zu Papier bringt und das kleine Einmaleins nicht kann, die Eignungserklärung von der Volksschule vorweisen kann - und das kann in Wien jeder, der um Erlaubnis fragen kann, aufs Klo zu gehen - sind den Gymnasien die Hände gebunden.

Mit einer Aufnahmeprüfung würde man da offene Türen einrennen. Und ja, prüfen sollten genau die Lehrer, die die Kinder später unterrichten werden. Wer weiß denn besser, welche Voraussetzungen nötig sind, um dem Unterricht zu folgen?

 
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