Unsichere Zukunft für Studierende

Von drohenden Gebührenerhöhungen über Visa-Probleme bis zur Attraktivität des Standortes: Welche Auswirkungen der Ausstieg auf Lehrende und Lernende haben kann.

Der Vor allem für Postgraduates stellt sich nach dem Brexit die Frage nach dem weiteren Karriereweg.   eines Fahrrades ist mit mit einer Abdeckung in den Farben des Union Jack bespannt Englan
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Der Vor allem für Postgraduates stellt sich nach dem Brexit die Frage nach dem weiteren Karriereweg.   eines Fahrrades ist mit mit einer Abdeckung in den Farben des Union Jack bespannt Englan
Vor allem für Postgraduates stellt sich nach dem Brexit die Frage nach dem weiteren Karriereweg. – (c) imago/Manngold

Am 24. Juni vergangenen Jahres hielt zumindest Europa den Atem an, als der Brexit plötzlich Wirklichkeit wurde. In ganz besonderem Ausmaß betraf das auch die akademische Welt – Studierende und Lehrende, die an den Universitäten Großbritanniens lehrten und lernten. „Uns haben schon am nächsten Tag die ersten Eltern angerufen, deren Kinder zu der Zeit in England studiert haben, und gefragt, ob diese denn jetzt sofort ihre Sachen packen müssten“, erinnert sich Stefan Zotti, Geschäftsführer des Österreichischen Austauschdienstes (OeAD). Gar so eilig ist es dann doch nicht mit den Auswirkungen des Ausstiegszenarios – wie immer dieses nach den aktuellen Wahlen im Detail aussehen wird: Für die allernächste Zukunft gibt Zotti erst einmal Entwarnung. Bis Ende 2018 dürfte wohl alles so bleiben, wie es ist, „danach gibt es sowohl für Lehrende wie auch für Studierende ein großes Fragezeichen“, so Zotti.

Viele Betroffene

Und das sind nicht wenige: Fast 125.000 EU-Bürger studieren laut OeAD derzeit in Großbritannien, und für sie geht es auch bei der Frage der Studiengebühren nicht um Peanuts. Derzeit liegen diese bei rund 9000 Pfund pro Jahr (knapp 10.200 Euro), da die Europäer quasi zu „Einheimischenpreisen“ in Großbritannien studieren können. Das ist für österreichische Verhältnisse zwar hoch, im Vergleich zu US-amerikanischen Hochschulen, wo umgerechnet bis zu 60.000 Euro verlangt werden, aber eher eine Okkasion.
Mit dieser könnte es aber nach dem Brexit vorbei sein, wenn auch für EU-Bürger die sogenannten Oversea-Fees aufgerufen werden sollten: „Diese können beispielsweise bei klinischen Kursen bis zu 25.000 Pfund (rund 28.600 Euro) betragen“, erklärt Zotti, „da hat die Regierung bis heute nicht erkennen lassen, wohin es geht.“ Ob die europäischen Studenten bereit sein werden, diese Summen weiter zu zahlen, ist vor allem dann fraglich, wenn durch den Ausstieg aus der EU die Möglichkeiten, mit dem teuren Titel in der Tasche auch in Großbritannien Karriere zu machen, nicht mehr so einfach gegeben sind.

„PhD zu Apothekerpreisen“

„Wenn ich nicht weiß, ob ich mit meinem PhD zu Apothekerpreisen auch in Oxford am Institut meiner Wahl bleiben kann, wird das schon ein Thema“, erklärt Zotti. Und diese Bedenken beziehen sich nicht nur auf akademische Karrieren, wie Amelia Hopkins von Londoner Büro von Quacquarelli Symonds (QS) erklärt, die jährlich internationale Hochschulrankings herausgeben. In einer Umfrage unter Studierenden in zehn europäischen Ländern hat das Unternehmen ermittelt, welche Auswirkungen der Brexit auf ihre Studienpläne hat; die Sorge um die eventuell nicht mehr vorhandenen Karriereoptionen nach dem Abschluss gehört zu den wichtigsten Punkten.
Und das nicht nur, was mögliche Visumsprobleme angeht, sondern auch in Bezug auf die Attraktivität des Standortes Londons an sich, vor allem im Finanzbereich. „Es stellt sich dann für viele Studierende, vor allem aus den nördlichen Ländern, die Frage, ob London noch das Finanzzentrum sein wird oder dieses sich nach Frankfurt, Amsterdam oder Brüssel verlagert und ein Studium dort nicht sinnvoller ist“, erklärt die Studienautorin. Es gäbe einfach eine Menge Ungewissheiten, die Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Investment in ein Studium in Großbritannien schaffen würden.
Abgesehen von den reinen Rechenspielen zeigt die QS-Umfrage (die vollständig erst Ende Juni veröffentlicht wird) aber auch einen Stimmungswandel, was das Thema Studieren auf der Insel angeht. „Viele haben jetzt das Gefühl, nicht mehr willkommen zu sein – und das sowohl als Studierende als auch möglicherweise später als potenzielle Immigranten“, so Hopkins im Gespräch mit der „Presse“. „Viele fragen sich auch, ob Großbritannien in Zukunft weniger fortschrittlich, offen und liberal sein und wie mühsam die Bürokratie werden wird.“
Am wenigsten Sorgen um das Ausbleiben internationaler Studierender müssen sich laut den Umfrageergebnissen die Elite-Universitäten des Landes machen. „Diese sind weiterhin attraktiv“, so Hopkins; wer nach Oxford, Cambridge oder an die London School of Economics wolle, gehe dort auch weiterhin hin. Sorgen müssten sich eher die in den Rankings weiter unten gereihten Institute machen.

Qualität der Lehre

Wobei sich die Frage stellt, welche Auswirkungen der Brexit langfristig auch auf die Qualität der Lehre hat, wie OeAD-Chef Zotti vorrechnet. „34.000 europäische Forscher arbeiten derzeit an britischen Universitäten. Und nachhaltige Wissenschaftspolitik sieht meiner Meinung nach anders aus als 34.000 Eggheads das Gefühl zu geben, dass sie vielleicht in zwei Jahren nicht mehr erwünscht sind.“ Eine gewisse Grundsicherheit habe eben auch für Wissenschaftler Gewicht, und wenn andere Gastländern mehr Sicherheit für die Zukunft anbieten, könne man es niemandem verdenken, über einen Wechsel nachzudenken. „Es gibt schon einige deutsche Verbände, die damit beginnen, Strategien aufzubauen, wie man Topleute aus Großbritannien abziehen kann“, berichtet Zotti. Den Briten sei es leider gelungen, die akademischen Leistungsträger schwer zu verunsichern, und das habe einen unglaublichen Impact auf den Exzellenzstandort Großbritannien. (SMA)

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